Refugee-Hackathon Hacken für Flüchtlinge

Beim Refugee-Hackathon haben 300 Programmierer und Entwickler Software für Flüchtlinge und ihre Unterstützer entworfen - von der Sprach-App bis zum digitalen Fluchthelfer. Wir stellen einige Teilnehmer und Projekte vor.

Programmierer beim Hackathon in Berlin: Hier entstehen digitale Helfer für Flüchtlinge
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Programmierer beim Hackathon in Berlin: Hier entstehen digitale Helfer für Flüchtlinge

Von Annika Leister, Berlin


Sie kamen aus Köln, München, Bukarest und San Francisco: 300 Programmierer und Entwickler haben sich am Wochenende in Berlin zum Refugee Hackathon getroffen. Netz-Aktivistin Anke Domscheit-Berg hatte zu dem Programmiertreffen für Flüchtlinge aufgerufen - und wurde von Zusagen überrollt.

265 Liter Club Mate und Kaffee später haben die IT-Spezialisten mehr als 18 Projekte für die Flüchtlingshilfe weiterentwickelt oder frisch aus dem Boden gestampft.

Wir stellen einige Projekte und Teilnehmer vor:

Neun Hackathon-Teilnehmer und ihre Geschichte

Kiro lebt seit anderthalb Jahren in Berlin, er spricht fließend und so gut wie akzentfrei Deutsch. Zu verdanken habe er das nicht zuletzt seinem Smartphone, erklärt der 22-jährige Ägypter. Das zückt er, sobald er ein Wort nicht kennt. Wichtigste Anwendungen für ihn: Google Translate und mehrere Arabisch-Deutsch-Wörterbücher.

Von Syrien aus in die Türkei und nach Griechenland, über den Balkan und Österreich bis nach Deutschland: Einen Monat hat die Reise des 24-jährigen Hekmat gedauert. Dank seines Smartphones konnte er die Strecke auf einer Karte genau planen und zugleich den Kontakt zu seiner Familie halten. Eine andere Funktion seines Handys war dem Grafikdesigner auf der Reise aber beinahe noch wichtiger: Musik hören zu können. "An den verlassensten Orten auf dem Boden zu liegen, die hellen Sterne über dir zu sehen und deinen Lieblingsbands zu lauschen – das ist wundervoll."

Software-Entwicklerin Bettina Händel ist zum Refugee-Hackathon aus München angereist. In der bayrischen Landeshauptstadt hat die hohe Zahl von Neuankömmlingen schnell für Chaos gesorgt – es entstand die Webseite "Willkommen in München", die Händel mitentwickelt hat. Dort kooperieren inzwischen 65 Organisationen und Vereine miteinander, mehr als 1400 Helfer haben sich alleine über das Online-Formular auf der Seite gemeldet. Die Anmeldungen gehen an die Caritas, die vor dem ersten Einsatz gegebenenfalls für Schulungen sorgt. Wo Händel Bedarf sieht? "Es sollte eine Meta-Plattform geben, die lokale Angebote bündelt."

Als Chu Eben 1998 aus Kamerun nach Deutschland floh, war an Internet in Flüchtlingsheimen nicht einmal zu denken. "Wir waren sozial vollkommen abgeschnitten", sagt der 47-Jährige. Zugang zu Computern? Fehlanzeige. Sieben Jahre lang musste Eben so leben - und beschloss, selbst etwas zu ändern. Das von ihm gegründete Projekt "Refugees Emancipation" wird von Flüchtlingen verwaltet und betreibt mehrere Internetcafés in Unterkünften für Asylbewerber, unter anderem in Potsdam und Berlin. Internet in Flüchtlingsheimen sollte nicht nur aus praktischen Gründen selbstverständlich sein, sagt Eben: "Gib den Menschen Internet und du gibst ihnen eine Stimme, du gibst ihnen Selbstbestimmung und Stärke."

Auch Fadhumas Flüchtlingsheim bot keinen Internetzugang, als sie vor anderthalb Jahren nach Deutschland kam. Smartphone und Vertrag waren für die Neueingereiste aber zu teuer. Eine Frau in der Nachbarschaft half aus und stellte Fadhuma regelmäßig ihren PC zur Verfügung. Inzwischen hat die 25-jährige Somalierin eine eigene Wohnung und beginnt in diesem Monat ein Bachelor-Studium der Intercultural Studies an der neuen Kiron-Universität. Deren Angebot richtet sich gezielt an Flüchtlinge, sie dürfen Papiere nachreichen und auch ohne Ausweis mit dem Studium beginnen. Mit Fadhuma starten gerade 1000 Erstsemester ins erste Halbjahr der Uni.

Bim Tran ist Neueinsteigerin in der Flüchtlingshilfe. Die 27-Jährige ist Commercial Marketing Managerin bei einem Nachrichtenunternehmen in Berlin. Aus Treffen von Unterstützern einer Notunterkunft wusste sie, dass es einen Überschuss an bestimmten Spenden gibt - aber kein Netzwerk, um sie weiterzuleiten. Erst arbeitete sie mit Freunden an einem Konzept für eine eigene Verteilungs-Software, bis sie beim Hackathon feststellten: gibt es schon, importierbar aus anderen Städten. Da warfen die drei Freunde ihre eigenen Pläne über den Haufen und schlossen sich einfach den anderen Initiativen an.

Sajid hatte einen Job in einer Beratungsfirma, machte gerade seinen Doktor. Doch dann rückten die Taliban in seine Heimatstadt in Pakistan vor. Mit ihnen kamen Zwangsrekrutierungen und Selbstmordattentate. Erst 1000, später nochmal 7000 Dollar musste Sajid zahlen, um von Schleppern auf einen Horror-Trip nach Europa mitgenommen zu werden. Sein Smartphone habe er abgeben müssen, erzählt Sajid, stattdessen versorgten ihn die Schlepper mit einem alten Nokia. An der iranischen Grenze wurde seine Gruppe beschossen, auf ihren Schleichwegen stießen sie mehrfach auf Leichen. "Ich war am Ende", sagt Sajid. Seine Rettung: das Nokia. "Ich habe meine Familie angerufen - wann immer es mir schlecht ging oder ich einsam war." Bei der Berliner Initiative "Refugees Emancipation" verteilt Sajid inzwischen kostenlos Handys und Sim-Karten an Neuankömmlinge.

Bei Miriam Notowicz fing alles mit einer Kleiderspende an. Sie sah das Chaos vor Ort und blieb, später übersetzte sie für Neuankömmlinge in der Nothilfestelle. Die 43-jährige Berlinerin hat Organisationsentwicklung, Beratung und Kommunikation studiert - und dachte sich beim Malen von Piktogrammen zur sprachlosen Kommunikation mit den Flüchtlingen plötzlich: "Da sitzen jetzt in ganz Deutschland Hunderte wie ich, die genau dasselbe malen." Die Lösung? IT. In drei Monaten entstand dank einer kleinen Gruppe von Helfern unter www.lichtenberg-hilft.de eine Webseite, die von Piktogrammen über rechtliche Dokumente bis hin zu Bedarfslisten für zehn Notunterkünfte und Heime in Berlin verlässliche Informationen bereit hält.

Aktham Alhassanien konnte als Arzt mit Arbeitsvisum und per Flugzeug nach Deutschland einreisen. Seit sieben Monaten lebt der 27-Jährige in Berlin. Am Anfang sei es schwer gewesen, sich ohne Sprachkenntnisse zurechtzufinden. Mühsam war vor allem die Wohnungssuche; auf Hunderte Anfragen erhielt er nicht eine Antwort. "Aber ich sehe das positiv: Das ist eine geniale Methode, um Deutsch zu lernen." Jetzt arbeitet Alhassanien an einer App namens "Refushi", die Neuankömmlinge mit kurzen Beschreibungen auf Arabisch zu passenden Web-Angeboten auf Deutsch lotst. Er will so die Bildung einer Parallelgesellschaft im Netz vermeiden. "Es gibt hier bereits alle Dienste, man muss den Menschen nur den Weg dahin zeigen", sagt er.

1. Fluchthelfer im Smartphone

Fast jeder Mensch auf der Flucht besitzt ein Handy. Das Projekt Transit will Flüchtlinge unterwegs mit zuverlässigen Informationen aus Helferhand versorgen: Wo sind die Kommunen heillos überfordert? Wo sind die Grenzen dicht? Anlaufstellen sollen mit Symbolen auf einer Karte angezeigt werden, Breaking News über einen Extra-Kanal eingespielt werden.

Die Grundidee stammt von einer Flüchtlingshelferin aus Kiel. Ein achtköpfiges Entwicklerteam hat sich des Projekts am Wochenende erstmals angenommen und bastelt jetzt an einem Prototypen. "Hätte es das bei meiner Flucht schon gegeben - ich hätte es sofort benutzt", sagt der 24-jährige Hekmat, der einen Monat lang aus Syrien über die Balkanroute nach Deutschland gereist ist.

2. Nummer ziehen und gehen

Im Berliner Landesamt für Gesundheit und Soziales (Lageso) warten Hunderte Neuankömmlinge tage- und wochenlang darauf, dass ihre Nummer aufgerufen wird. Das Vergabesystem ist undurchsichtig. Wer seinen Termin nicht verpassen will, muss in der Nähe des Bildschirms bleiben. Fünf Berliner IT-Experten wollen Neuankömmlingen mit der Webseite LaGeSoNum nun Freiheit verleihen: Flüchtlinge erfahren nach Eintragen ihrer Nummer und einem Klick online, wann sie an der Reihe sind.

Die Seite gibt es schon, beim Hackathon wurde außerdem der Grundstein für eine App mit Push-Benachrichtigungen gelegt. Das Problem: Das Amt muss kooperieren und die Nummern frühzeitig liefern. Eine Anfrage wurde vor Wochen gestellt, blieb bisher aber noch ohne Zusage. Deswegen tippen zurzeit Ehrenamtliche die Wartenummern vom Bildschirm vor dem Amt ab - wenn sie denn Zeit dazu haben.

3. Die richtigen Worte finden

Das Gemeinschaftsprojekt Refugee Phrasebook hat sich als Sprachhelfer für die ersten Wochen nach der Ankunft bereits bewährt. Das Booklet wird in Deutschland, Österreich, der Schweiz, Kroatien, Albanien, Slowenien und Griechenland verwendet. In 28 Sprachen listet es Übersetzungen der häufigsten Sätze aus Medizin und Recht auf. Mit zum Teil überlebenswichtigen Spezialisierungen: Auf Kroatisch gibt es zum Beispiel eine Extrasparte zum Thema Minenfelder. Auf dem Hackathon arbeiteten die Entwickler daran, die Tabellen noch besser für das Drucken und Verteilen vor Ort aufzubereiten.

Ganz neu hingegen entstand das Konzept für die Sprachplattform Interpreteer. Flüchtlinge sollen hier einen passenden Übersetzer in ihrer Nähe finden - für Besuche auf dem Amt, Elternsprechabende oder auch Gespräche mit den Nachbarn.

4. Helfer für die Helfer

Ein besonderes Augenmerk legten die Programmierer auf die Koordination der Freiwilligenarbeit: Tools wie der Bedarfsplaner Berlin oder Help Chain sollen es Unterkünften und Ehrenamtlichen möglich machen, die enorme Spendenbereitschaft der Bevölkerung zu koordinieren. Bedarf und Angebot können über sie konkret kommuniziert werden, bevor sich Bürger mit Spenden auf den Weg machen.

Das Berliner Projekt Volunteer-Planner bereitet sich beim Hackathon schon auf die Expansion in andere Städte vor. Mit der drei Monate alten Plattform lassen sich Freiwilligendienste ausschreiben und unkompliziert besetzen. Obwohl es ähnliche Anwendungen gibt, hat das Projekt offensichtlich einen Nerv getroffen: Mehr als 19.000 Nutzer sind auf der Plattform angemeldet. Aussagekräftiger ist aber eine andere Zahl: Mehr als 50.000 Stunden freiwillige Arbeit wurden so schon vermittelt.

Eine Auflistung der Projekte und Ansprechpartner des Refugee-Hackathons findet sich hier.



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