Dunkle Geheimnisse bei "Secret" Die App, die Ihnen die Beichte abnimmt

Die App "Secret" lädt dazu ein, seine dunkelsten Geheimnisse zu verraten. Das Unternehmen expandiert rasant. Gründer Chrys Bader behauptet: Anonyme Bekenntnisse verbessern die Welt.

Ein Interview von


Zur Person
  • Secret Inc.
    Chrys Bader ist einer der beiden Gründer der Geheimnis-Ausplauder-App "Secret". Zuvor war Bader bei Google, wo er unter anderem an YouTube und Google+ mitarbeitete. Auch Baders Mitgründer David Byttow kommt von Google, er arbeitete ebenfalls am Social Network Google+ mit.
SPIEGEL ONLINE: Einige der Postings aus Ihrer App "Secret" sind ziemlich beunruhigend. Ein Beispiel aus Israel: "Wir sollten ein Flächenbombardement machen, das hat in Dresden funktioniert, es würde auch in Gaza funktionieren." Schockiert Sie so etwas noch?

Bader: Das macht "Secret" ja aus: Sie bekommen ungefilterte menschliche Emotionen zu sehen. Wir sehen uns das jetzt schon so lange an, dass mich nichts mehr wirklich überrascht, aber es sind natürlich Dinge, die Menschen sonst nicht sagen würden.

SPIEGEL ONLINE: Können Sie kurz erklären, wie "Secret" funktioniert?

Bader: Wenn Sie etwas posten, können es die Leute aus Ihrem Netzwerk, das heißt: aus dem Adressbuch Ihres Handys oder Ihrer Facebook-Freundesliste, sehen - Ihr Name bleibt aber geheim. Freunde können den Beitrag kommentieren. Wenn Sie ihm ein Herzchen verleihen, was eine Funktion der App ist, dann wird es dadurch an Ihr eigenes Netzwerk weitergereicht und so weiter. Es gibt in der App einen weiteren Bereich namens "Explore", in dem wir versuchen, die besten Ideen zu sammeln. Dort landen Beiträge, die besonders viele Reaktionen und Diskussionen auslösen, sodass man auch dort einen Blick hineinwerfen kann. Auf der Website haben wir auch noch "Collections", thematisch sortierte Sammlungen von Posts zu bestimmten Themen, sei es Technik oder der Konflikt in Israel. Die Posts in "Explore" und "Collection" können Sie als Nutzer nicht kommentieren, wenn Sie aus einem anderen Land oder einer anderen Region stammen. Man kann sozusagen dem Tischgespräch über Israel beiwohnen, sich aber nicht einmischen.

SPIEGEL ONLINE: Ist der Zweck der App wirklich, anonym seine dunkelsten, schrecklichsten Gedanken auszusprechen?

Bader: Wir alle haben jeden Tag Gedanken und Gefühle, für die es keinen Ort gibt. Wir wollten diesen Ort schaffen, an dem man sich frei von Angst anderen mitteilen kann, um Feedback und Kommentare von den Leuten aus dem eigenen Umfeld zu bekommen. Die Leute haben es satt, ständig das Gleiche zu hören, so wie bei Facebook. "Hey, ich bin auf einem Boot!", "Hey, ich bin im Urlaub!", "Hey, ich habe einen neuen Job!" - immer nur die Highlights des Lebens. Bei "Secret" bekommen Sie ein Gefühl dafür, was die Leute in Ihrem Umfeld wirklich denken. Wir brauchen ein Netzwerk, das es gestattet, uns über diese Wahrheiten zu verständigen, um gemeinsam eine bessere Gesellschaft, ein besseres Leben zu schaffen.

SPIEGEL ONLINE: Sie glauben ernsthaft, dass diese anonymen Posts zu einer besseren Gesellschaft beitragen?

Bader: Ja. Es ist wichtig, dass die Menschen die Möglichkeit bekommen, ehrlicher zu sein, Dinge loszuwerden, nicht mit ständiger Beklemmung zu leben. Die Anonymität als Werkzeug ermöglicht das. Die Leute teilen Dinge mit, die man in keinem anderen sozialen Netzwerk jemals zu sehen bekäme. Als Nutzer beginnt man, seine eigene Perspektive infrage zu stellen und sich seinen Vorurteilen zu stellen, selbst, wenn man nicht selbst postet.

SPIEGEL ONLINE: Viele Postings sind aber ziemlich drastisch, in Brasilien wirft man Ihnen sogar vor, Rufmord zu befördern. Wie viel muss moderiert werden?

Bader: Wir haben ein relativ kleines Moderationsteam. Wir sehen uns nicht proaktiv jeden Beitrag an, sondern nur diejenigen, die uns gemeldet werden. Die prüfen wir dann anhand unserer internen Richtlinien. Das machen ungefähr sechs Leute. Bislang war das kein großes Thema. Wenn man ein Blog betreibt, das Millionen Menschen besuchen, die alle kommentieren können, ist das etwas völlig anderes, als wenn Sie etwas für Ihre Freunde posten und sich innerhalb Ihres Netzwerks unterhalten.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind jetzt in Russland vertreten, in Israel, in China - sprechen Ihre sechs Moderatoren so viele unterschiedliche Sprachen?

Bader: Einige von ihnen können Russisch lesen. Wir suchen nach weiteren Leuten, die diese Sprache beherrschen. Für viele Sprachen helfen Werkzeuge wie Google Translate weiter. Wir arbeiten daran, so schnell wie möglich die richtigen Leute zu finden, die uns im Bereich Moderation unterstützen können.

SPIEGEL ONLINE: Wo ist "Secret" denn bislang erfolgreich?

Bader: Auf jeden Fall in China, in Russland, den Niederlanden und in jüngster Zeit in Israel. In all diesen Ländern nutzen die Leute die App sehr unterschiedlich. In Russland gibt es ein Mem, bei dem die Leute ein Foto oder ein berühmtes Gemälde nehmen und an einer cleveren Stelle ein Emoji platzieren. Einige Blogs haben ganze Sammlungen davon veröffentlicht. Einen oder zwei Monate nach unserem Start in den USA gab es einen Klon in China, eine direkte Kopie, was uns zeigte, wie wichtig dieser Markt ist. Also haben wir selbst in China gelauncht. Seitdem gibt es eine Unmenge Apps in den Top Ten der chinesischen App Stores, die einfach Klone sind. Die Leute dort lieben die Idee.

SPIEGEL ONLINE: Sie bitten Ihre Nutzer um Ihre Telefonnummer, Zugang zum Adressbuch und der Facebook-Freundesliste. Was passiert mit diesen Daten?

Bader: Alles ist verschlüsselt und wird über SSL übermittelt. Wir speichern nur sogenannte Hashes Ihrer Adressbuchdaten, nicht die realen Adressen und Telefonnummern. Natürlich ist kein System unfehlbar, aber für uns gehört das gewissermaßen zur Kernkompetenz. Was wir unseren Nutzern außerdem anbieten, ist eine Art Kill-Switch, mit dem sie sich vollständig von ihren Postings entkoppeln können, wenn sie sich irgendwann unwohl fühlen sollten. Das kann man im Moment einmal die Woche tun.

SPIEGEL ONLINE: In einem "Secret"-Posting wurde einmal behauptet, das Unternehmen Evernote stehe kurz davor, von einer anderen Firma aufgekauft zu werden. Macht es Ihnen Sorgen, dass so etwas einmal den Aktienkurs eines Unternehmens verändert könnte? Dass man Sie dafür verantwortlich macht?

Bader: Dafür ist "Secret" nicht da. Es geht nicht darum, irgendetwas Illegales zu tun, denn wenn wir einen Gerichtsbeschluss bekommen, müssen wir kooperieren.

SPIEGEL ONLINE: Sie würden dann also auch Nutzerinformationen an die Behörden übergeben?

Bader: Das ist richtig. Wir würden übergeben müssen, was wir haben. Aber im Bezug auf dieses Evernote-Posting: Das war so etwas wie unser "Wer einmal lügt"-Moment. Ein Journalist sprang darauf an, aber dann stellte es sich als falsch heraus. Jetzt begegnen alle dem, was sie auf "Secret" lesen, mit einer gesunden Dosis Skepsis.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben insgesamt 36 Millionen Dollar Wagniskapital bekommen - wie lange können Sie damit durchhalten? Wann werden Sie ein Erlösmodell einführen?

Bader: In den ersten sechs Monaten haben wir uns auf die Entwicklung des Produktes konzentriert, da gibt es immer noch viel Arbeit. Im Moment fragen wir uns: "Was müssen wir tun, damit "Secret" Mainstream wird?" Und: "Wie wird "Secret" im Jahr 2015 aussehen?" Das müssen wir beantworten, bevor wir Monetarisierung zur Priorität erklären. Aber es mangelt uns nicht an Ideen.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie über ein Bezahlmodell nach? Oder über Werbung?

Bader: Das ist ein Geheimnis.

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insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
crewmitglied27 02.09.2014
1. Clevere Idee.
Ein Weg für die NSA, um endlich zu erfahren, was die Menschen WIRKLICH denken.
der_bulldozer 02.09.2014
2. Langsam...
...wird es unheimlich, wie wir bis in die letzten geheimen Bereiche unseres Denkens und Fühlens ausgespäht werden. Und das soll auch noch freiwillig geschehen und möglicher noch von uns bezahlt werden.
miauwww 02.09.2014
3. Bis wieder einer hackt
iCloud? Are u ready?
lupidus 02.09.2014
4.
Zitat von der_bulldozer...wird es unheimlich, wie wir bis in die letzten geheimen Bereiche unseres Denkens und Fühlens ausgespäht werden. Und das soll auch noch freiwillig geschehen und möglicher noch von uns bezahlt werden.
wieso "ausgespäht werden" ?? die leute melden sich da freiwillig an und posten freiwillig ihre intimitäten und sie wissen, dass jeder mitliest. jeder c-promi "beichtet" seine peinlichkeiten vor jeder kamera, die nicht schnell genug wegschwenkt. zum glück können wir uns aussuchen was wir lesen/gucken....
urbanesmilieu2014 02.09.2014
5. Beichte ist etwas Anderes
Eine Beichte ist etwas Anderes als würde es diese ersetzen können. In der Beichte vergibt ein Priester kraft seiner Weihe und der apostolischen Sukzession die Sünden aber er ermahnt, gibt Wegweisung und ist sozusagen ein Therapeut für Menschen die erkennen, bekennen und vor allem bereuen. Beichte ist erst dann gültig wenn die Reue einsetzt. Seine geheimsten Dinge zu beichten setzt keine Reue voraus sondern unterstreicht den Zustand, indem man verharren möchte da man seiner Bequemlichkeit nachgeben möchte anstatt Haltung zu bewahren!
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