Snapchat: Die Suche nach digitaler Vergänglichkeit

Von Thomas Schulz, San Francisco

Neulich habe ich in San Jose Freunde mit zwei Kindern im High-School-Alter besucht. Natürlich habe ich weder Jenna, 12, noch Michael, 14, wirklich zu sehen bekommen, sie klebten den ganzen Nachmittag an ihren iPhones und schrieben scheinbar im Minutentakt Nachrichten.

Fotofunktion von Snapchat: Nachricht mit Selbstzerstörung Zur Großansicht
SPIEGEL ONLINE

Fotofunktion von Snapchat: Nachricht mit Selbstzerstörung

Allerdings nutzen die beiden weder SMS noch Facebook oder WhatsApp. Jenna und Michael snapchatten - und zwar fast ausschließlich. Alles andere, so durfte ich mir erklären lassen, "ist total dämlich und von gestern". Jedenfalls aus Sicht kalifornischer Teenager.

Snapchat, entwickelt vor zwei Jahren als Uni-Projekt von zwei Stanford-Studenten, ist eine Smartphone-App, mit der sich Fotos und Text verschicken lassen. Das Besondere: Maximal zehn Sekunden nachdem eine Nachricht auf dem Smartphone des Empfängers angekommen ist, löst sie sich in Luft auf.

Seit vergangenem Sommer hat sich die App rasend schnell an amerikanischen Schulen und Colleges ausgebreitet, jeden Tag werden über 60 Millionen Snapchat-Nachrichten verschickt.

Der Reiz, gerade für Teenager, ist simpel: einfach mal unvorsichtig zu sein, statt sich wie in sozialen Netzwerken immer perfekt lässig zu inszenieren. Sie snapchatten Grimassen und peinliche Momente ohne zu Zögern. "Es ist inzwischen deutlich geworden, wie ätzend soziale Medien sind", sagte Snapchat-Gründer Evan Spiegel der "New York Times". Die anschließende Selbstzerstörung der Nachrichten spiegelt vor, wieder spontaner sein zu können: Mit der Möglichkeit zum Speichern verschwinden auch die Hemmungen - auch wenn es nur eine Illusion ist. Mit einfachen Tricks können die Nachrichten doch gespeichert werden - oder einfach abfotografiert.

Auch wenn Snapchat deswegen eher amüsant ist als ernst zu nehmen und von vielen Teenagern gerne zum Sexting genutzt wird, so spiegelt der enorme Erfolg doch einen Trend wieder: Den wachsenden Wunsch nach Anonymität und nach Möglichkeiten, die eigenen digitale Datenspuren verwischen zu können.

Der Snapchat-Boom hängt deswegen eng zusammen mit einer der drängendsten Fragen der digitalen Zeit: Sind alle Informationen, inklusive privater Kommunikation, wirklich prinzipiell zur Unsterblichkeit verdammt und so entsprechend im Zweifelsfall sowohl von staatlicher Seite einsehbar als auch kommerziell verwertbar? Viele Geschäftsmodelle, allen voran Google und Facebook, beruhen darauf: Jede greifbare Information aus dem Leben der Nutzer einzusammeln, für immer zu konservieren und dann zu verwerten oder weiterzuverkaufen.

Aber es gibt eine wachsende Gegenbewegung, angetrieben nicht nur von entnervten Nutzern, die sozialen Netwerken den Rücken kehren, sondern auch von Rechtsexperten und Vordenkern wie etwa dem Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger, der fordert: Informationen müssen grundsätzlich ein Verfalldatum haben.

So gibt es inzwischen auch weitaus ambitioniertere Anwendungen als Snapchat, die diesem Trend folgen. Zum Beispiel die iPhone-App Wickr, deren Motto lautet: "Das Internet ist für die Ewigkeit, das muss jedoch nicht für deine persönlichen Daten gelten."

Mit Wickr lassen sich nicht nur Text und Bilder, sondern auch Audio- und Videodateien oder PDFs verschicken, die sich nach maximal 6 Tagen selbst zerstören. Zudem sind die Nachrichten verschlüsselt und die Nutzer bleiben angeblich auch für Wickr anonym. Das versichert jedenfalls Nico Sell, Mitgründerin von Wickr. Ich habe sie vergangene Woche im Mission-Distrikt von San Francisco getroffen, wo die zehn Wickr-Mitarbeiter derzeit an einer Android-Version basteln. Sell ist eine bekannte Figur in der Computersicherheits- und Kryptographieszene: Sie ist Mitorganisatorin der Hacker-Konferenz Defcon.

Sell sagt: "Wir glauben, dass private Kommunikaton ein universelles Menschenrecht und wichtig für eine freie Gesellschaft ist." Und: "Online-Kommunikation sollte grundsätzlich nicht verfolgbar sein."

Das klingt, als sei politische Ideologie bewusst Teil des Geschäftsmodells. Die Wickr-Gründerin lacht, sie sagt: "Natürlich, wir kämpfen dafür, dass Verschlüsselung auf NSA-Niveau für jeden zugänglich ist." Immer mehr Unternehmen, Behörden und Regierungen rund um die Welt schnüffeln in unserer Kommunikation herum, betont Sell, "und das muss aufhören."

Beraten wird Wickr von Dan Kaminsky, einer Legende unter Computersicherheits-Experten seitdem er 2008 eine Sicherheitslücke im DNS-Protokoll entdeckte. Sell rasselt dazu eine Liste weiterer bekannter Hacker herunter, die mit Wickr zusammenarbeiten, wie etwa Moxie Marlinspike. Das Sell all die Namen fallen lässt hat seinen Grund, denn Wickr ist nicht Open Source und lässt keinen Einblick in sein System zu. Dafür hat sich das Start-up einiges an Kritik von anderen Sicherheitsexperten eingefangen, die sagen: In der Kryptographie sind nur die System wirklich vertrauenswürdig, die offen sind und damit von allen überprüft werden können.

Strikt an diesen Grundsatz hält sich Silent Circle, eine weitere App, die sichere Kommunikation zwischen ihren Nutzern verspricht. Hinter Silent Circle steckt Phil Zimmermann, seit Jahrzehnten Vordenker in Sachen Computersicherheit und Entwickler der Kryptographie-Software Pretty Good Privacy. Silent Circle macht aber keinen Hehl daraus, sich eher an Spezialisten zu richten. Zimmermann sagte der "New York Times", Silent Circle sei "das Gegenteil von Facebook". Sein Produkt sei "ernsthafte Kryptografie für Leute, die es ernst meinen."

Ernst meinen müssen es die Nutzer auf jeden Fall: Wer keinen der raren Testzugänge für 30 Tage ergattern kann, muss Silent Circle abonnieren, um es auszuprobieren - für 84 Dollar für drei Monate oder 240 Dollar für ein ganzes Jahr.

Anmerkung: Die App Snapchat kann auf die SMS-Funktion zugreifen. Nach Nutzerberichten verschickt die App kostenpflichtige SMS in die USA, wenn man Kontakte aus dem Telefonbuch hinzufügt.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 13 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1.
dasdondel 09.04.2013
Um eine Nachricht zu lesen, muss ich sie zuerst dekodieren. In dem Moment wird Sicherheit zur Illusion.
2.
mark78 09.04.2013
Das Problem ist das man sich bei Apple und Windows Apps eine Export Lizenz für Crypto Produkte holen muß und die Lizenz Nummer (ECCN) auch angeben muß. Da die Apps rechtlich gesehen aus den USA heraus verkauft werden. Bei Android ist das glaub ich anders zumindest wenn der App Hersteller nicht in den USA sitzt. Aber sobald die App Nutzerzahlen bekommt, bin ich mir relativ sicher wird man nicht mehr so ohne weiteres diese Lizenz verlängert bekommen. Außer man baut Hintertürchen ein. Und das ist bei Closed Source halt immer ein bisschen einfacher.
3.
alyeska 09.04.2013
Zuerst wird die freie Endloskommunikation erfunden und dann die Selbstzerstörung derselben. Und das Gegenteil von Facebook ist nun die ernsthafte Kryptografie für Leute die es ernst meinen. Ja nee ... ist schon klar.
4.
Cr4y 09.04.2013
Man kann wohl immernoch einen Screenshot machen. Zwar wird man wohl auch drüber informiert, aber das bringt einem unter Umständen auch nichts mehr. Zur Not kann man das Bild auch abfotografieren. Das mag zwar keinen hohen Ansprüchen genügen, aber wenn man jemanden erpressen oder bloßstellen will, wird das wohl genügen. Das Einzig gut ist, dass Freunde die gerade n fremdes Handy nutzen wohl nicht "zufällig" über explizite Bilder stolpern...
5.
surfrank 09.04.2013
Aha - das Foto am Anfang des Artikels ist also aus Snapchat. Na, dann funktioniert das mit der Selbstzerstörung ja wirklich prima ...
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Apps
RSS
alles zum Thema Silicon Valley Reporter
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 13 Kommentare
Zum Autor
  • Sarah Girner
    Thomas Schulz ist USA-Korrespondent des SPIEGEL, zunächst vier Jahre in New York, jetzt in San Francisco. Studium der Politikwissenschaften in Frankfurt und der Kommunikationswissenschaften in Miami, Fulbright-Stipendiat, Forschungssemester in Harvard. Anschließend mehrjähriges Intermezzo bei einem Frankfurter Internet-Start-up, erlebte dort Aufstieg und Fall der New Economy.

    Seit 2001 beim SPIEGEL im Ressort Wirtschaft. Ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen-Preis, Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftspublizistik, Reporter des Jahres.


Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.