Facebook Home: Alle Handys sollen Facebook-Phones werden

Von Thomas Schulz, San Francisco

Am Ende verteilt Mark Zuckerberg hinter den Kulissen lächelnd Küsschen an Mitarbeiterinnen, aber die Anspannung will nicht aus seinem Gesicht weichen. Nach seiner 90-minütigen Präsentation wirkt Facebook-Chef Mark Zuckerberg erschöpft, nicht euphorisch.

In der zweckentfremdeten Mitarbeiter-Cafeteria seines Konzerns hat er gerade Dutzenden Journalisten und Bloggern erklärt, warum man sich eine neue Smartphone-App namens "Facebook Home" installieren sollte, die auf Android-Smartphones den eigentlichen Homescreen ersetzt und das soziale Netzwerk in den Mittelpunkt stellt.

Die Veranstaltung im kalifornischen Menlo Park ist ein Ausflug in die Welt, wie Mark Zuckerberg sie sieht: Facebook sei nichts anderes als eine Erweiterung unseres Selbst, sagt er, und dass Smartphones den Menschen und nicht Apps in den Vordergrund stellen sollten. Das Ziel von "Facebook Home" sei nichts Geringeres, als dazu beizutragen, das Verhältnis der Menschen zu Technologie grundlegend zu verändern. Und: Facebook zu nutzen, mache uns menschlich. Am Ende bleibt der Eindruck, dass es ist nicht nur Strategie ist, nach der Zuckerberg das soziale Netzwerk vorantreibt, sondern Ideologie.

Zuckerberg ist ein guter Redner, er spricht frei und flüssig, mit kehliger Kermit-Stimme. Aber er ist kein Einpeitscher. Die Reaktionen sind verhalten. Vereinzeltes Gejohle und Applaus der vielen Facebook-Mitarbeiter zwischen den Journalisten verhallen schnell.

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Facebook Home: Zuckerbergs App-Show
Der Vormittag, den ich am Donnerstag in der Facebook-Zentrale in Menlo Park verbracht habe, war trotzdem spannender als erwartet. Weniger wegen des Produkts, das mit großem Aufwand präsentiert wurde, sondern wegen des zwar kurzen, aber prägnanten Einblicks in die Gemütslage der Unternehmensführung rund um Zuckerberg.

Vor gerade mal einem Jahr, in den Wochen vor dem Börsengang, gab es kaum einem Facebook-Mitarbeiter, der nicht mit stolzgeschwellter Brust durch die Gegend lief. Selbst die notorisch arroganten Wall-Street-Banker warfen sich vor Zuckerberg in den Staub.

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"Home": Facebook verdrängt andere Apps
Die Stimmung heute ist dagegen nüchtern, geradezu ernst. Zwar simuliert die Firmenzentrale - mit der etwas prätentiösen Adresse 1 Hacker Way - immer noch die Leichtigkeit der Start-up-Szene im Silicon Valley: Es gibt Volleyball- und Basketballfelder, nächtliche Hackathons und ein Burger-Restaurant. Doch über allem liegt eine Atmosphäre, die man als Konzentration interpretieren kann - oder als Anspannung.

Facebook tut sich noch immer schwer damit, seine riesige Nutzerbasis in Profite umzusetzen. Als ich vor einigen Wochen Dan Rose, Vice President Partnerships von Facebook, begegnet bin, hatte er deutliche Zahlen parat: Von den Mitgliedern, die Facebook über einen Desktop-Computer nutzen, besuchen 40 Prozent das soziale Netzwerk mindestens einmal am Tag. Mitglieder, die Facebook vom Smartphone oder Tablet aus ansteuern, kommen dagegen zu 70 Prozent jeden Tag wieder.

Diese Entwicklung muss und will Facebook zu Geld machen. Deswegen, so erklärt es Zuckerberg am Donnerstag in der Cafeteria, habe man sich entschieden, kein eigenes Smartphone zu bauen. Von einem solchen Geräte könnte man, "selbst wenn es gut ist", nur 10 bis 20 Millionen Stück verkaufen.

Zuckerberg ist das zwei Nummern zu klein. Facebook habe mehr als eine Milliarde Mitglieder, "und wir wollen auf jedes Smartphone". Und das geht am besten, wenn man das eigene System einem anderen überstülpt. Die Börse liebt solche aggressiven Phantasien. Die Aktie stieg prompt um über drei Prozent.

Aus wirtschaftlicher Perspektive ist der Ansatz brillant, denn jedes Android-Smartphone kann nun auch ein Facebook-Phone sein - mit entsprechendem Potential für Werbeeinnahmen. Das dürfte der eigentliche Grund sein, warum Facebook seine Homescreen-App entwickelt hat, auch wenn Zuckerberg ein wichtiges Detail in einen Nebensatz versteckt und erst auf Nachfrage bestätigt: Eingeschoben zwischen Fotos von Freunden und deren Statusmeldungen soll Werbung über den Startbildschirm zirkulieren. Dieser direkte Zugriff auf den Homescreen von Smartphones ist ein Traum für Werbetreibende - und ein Alptraum für viele Nutzer.

Doch zur Einführung der App verzichtet Facebook wohlweislich noch auf Werbeeinblendungen. Erst müssen sich genügend Facebook-Anwender finden, die "Facebook Home" über ihre Android-Benutzeroberflache stülpen. Und das ist alles andere als garantiert. Schon jetzt gibt es Indikatoren, die auf eine allmählich erkaltende Facebook-Liebe vor allem jüngerer Nutzer hindeuten.

Ein Reporter des Nachrichtensenders CNN hat Zuckerberg in der Cafeteria darauf angesprochen: "Mark, man hört immer wieder, dass vor allem Schüler das Interesse an Facebook verlieren. Wie geht ihr damit um?" Als Antwort würde man eine flammende Gegenrede voller Superlative erwarten, wie toll der Laden läuft und dass Jugendliche nichts mehr lieben als Facebook. Stattdessen sagt Zuckerberg mit matter Stimme nur: "Insgesamt ist das Engagement unserer User ziemlich gut."

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1.
trevorcolby 05.04.2013
Wer sich das Ding von Software installiert ist RTLII-Stammkunde.
2.
kuehtaya 05.04.2013
Facebook hat seinen Zenith längst überschritten. Dieses Instrument ewig gestriger Altnutzer ist auf dem Weg ins Vergessen.
3.
musikimohr 05.04.2013
Ein interessanter Bericht. Denn, nun, facebook geht uns alle an. Auch Nichtmitglieder. Denn dank dortigem "Freundefinder" werden nicht nur deren Kontaktdaten facebook zur Verfügung gestellt sondern auch sämtliche erhaltenen Emails. Das heißt: facebook kann u.a. alle Emails von Mama an Sohnemann, von Freundin und facebook-Feindin an das Facebook-Mitglied lesen, auswerten, speichern. Dazu kommen Fotos deren biometrische Auswertung bessere Identifizierung bietet als ein Fingerabdruck. Nie vergessen: Sie sind bei facebook. Ob Mitglied oder nicht.
4.
chalchiuhtlicue 05.04.2013
Ich sehe keinen Grund, "Gesichtsbuch" zu nutzen. Berufliche und private Kommunikation läuft bestens über Telefon und Email. "Gesichtsbuch" ist bislang nur erfolgreich, weil jungen Menschen eingeredet wurde, daß sie es dringlich bräuchten. Niemand braucht es jedoch wirklich. Und das scheint so langsam auch den "Nutzern" klar zu werden. Wenn neben der Tatsache, daß FB bislang seine Verbreitung nicht wirklich in Geld umsetzen kann, jetzt auch noch die Nutzerbasis anfängt weg zu brechen, dann wird FB schnell in Probleme kommen, denn Aktionäre sind heutzutage sehr schnell im Verkaufen. --------- Was die FB-App angeht, so ist die Frage, ob Google dies mitmacht. Daß die FB-App den Homescreen kapert dürfte denen nicht so gut gefallen.
5.
founder 05.04.2013
Meine Töchter hatten letztes Jahr eine ähnliche Software versehentlich auf ihren Notebook. Da stand dann "Ihr Computer wurde vom Bundeskriminalamt gesperrt. Überweisen Sie 200.-EUR an....." Da habe ich dann die Festplatte ausgebaut, alle Daten kopiert und Windows neu installiert.
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Zum Autor
  • Sarah Girner
    Thomas Schulz ist USA-Korrespondent des SPIEGEL, zunächst vier Jahre in New York, jetzt in San Francisco. Studium der Politikwissenschaften in Frankfurt und der Kommunikationswissenschaften in Miami, Fulbright-Stipendiat, Forschungssemester in Harvard. Anschließend mehrjähriges Intermezzo bei einem Frankfurter Internet-Start-up, erlebte dort Aufstieg und Fall der New Economy.

    Seit 2001 beim SPIEGEL im Ressort Wirtschaft. Ausgezeichnet mit dem Henri-Nannen-Preis, Holtzbrinck-Preis für Wirtschaftspublizistik, Reporter des Jahres.


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