Tinder und Co. "Beim Onlinedating ist die Hemmschwelle niedriger"

Millionen Deutsche suchen im Netz nach Beziehungen oder Affären. Für viele bedeutet Onlinedating aber auch Frust. Hier erzählt eine Informatikstudentin, was sie auf Tinder und Co. erlebt.

Dating-App Tinder
imago/ photothek

Dating-App Tinder

Ein Interview von


Einfach und schnell jemanden für die nächste Nacht kennenlernen oder vielleicht sogar die Liebe fürs Leben finden - das ist das Versprechen von Dating-Apps wie Tinder oder OkCupid. Aber finden die Nutzer auch wirklich zueinander - oder tindern sie aneinander vorbei?

Auf der Netzkonferenz re:publica in Berlin vermittelt die Informatikstudentin Tabea Glindemann am Donnerstagabend ein Bild davon, wie es in Dating-Apps zugeht - etwa, was den Umgangston oder die scheinbar kreativen Ideen mancher Nutzer angeht. Wir haben vor ihrem Vortrag mit Glindemann gesprochen.

Zur Person
    Tabea Glindemann, 25, bezeichnet sich selbst gern als Expertin für Daten und fürs Daten: Sie studiert Informatik und arbeitet nebenbei im Bereich Big Data und Data Science. Außerdem engagiert sie sich in Berlin im feministischen Hackspace "Heart of Code".

SPIEGEL: Frau Glindemann, wenn sich Nutzer von Apps wie Tinder übers Onlinedating aufregen: Liegt das eher an den Apps oder an den Nutzern?

Glindemann: Das Problem sind eher die Menschen. Ein extrem großer Teil der Nutzer, die mir auf Dating-Apps begegnen - das sind vor allem Männer -, hat vermutlich überhaupt keine Ahnung davon, wie seine Nachrichten ankommen.

NDR-Reportage: Das Tinder-Experiment

SPIEGEL: Sie haben drei Jahre lang Tinder und OkCupid benutzt. Wie wurden Sie dort angeschrieben?

Glindemann: Auch in Dating-Apps gibt es Menschen, die reflektierte Dinge schreiben oder nette Einstiegssätze. Vieles ist aber Copy and Paste, da weiß ich direkt, dass der Spruch auch an andere Frauen ging. Sehr oft bekam ich eindeutige Angebote, in denen zum Beispiel nur "Hook up?" stand, also "Willst du abgeschleppt werden?".

SPIEGEL: Antworten Sie auf so etwas?

Glindemann : So etwas wie "Hook up?" ignoriere ich. Ich finde das übergriffig, erst recht, wenn jemand Suchendes explizit ins Profil schreibt, dass er nur Freundschaften oder Langzeitbeziehungen will. Solche Nachrichten sind nur okay, wenn klar ist, dass Menschen nach genau solchen Kontakten suchen. Dann lassen sich so schnell die Dinge klären.

SPIEGEL: Unsere Zitat-Galerie zeigt Sprüche, mit denen Sie wirklich angeschrieben wurden. Wie kommt es, dass fremde Männer Sachen verfassen wie "I want to eat your pussy and ass as a breakfast in this beautiful sundayyy"?

Glindemann: Beim Onlinedating ist die Hemmschwelle niedriger als auf der Straße oder in der Bar. Außerhalb des Netzes gibt es nur wenige Menschen, die überhaupt Leute ansprechen und keine Angst vor Zurückweisung haben. Beim Onlinedating ist das anders: Hier bekommt man ja eine Vorsortierung, im Stil von: "Das alles sind Leute, die angeblich interessiert daran sind, von dir angesprochen zu werden."

SPIEGEL: Reagieren Sie auf höfliche oder originelle Nachrichten von Leuten, die Sie nicht interessant finden?

Glindemann: Wenn sie wirklich nett formuliert sind, antworte ich manchmal. Ich stelle dann aber auch klar, dass ich kein Interesse habe.

SPIEGEL: Und das akzeptieren die Leute?

Glindemann: Manchmal kommt da noch was zurück. Da denken Leute vermutlich: "Oh, sie hat mir geantwortet, sie muss ja doch Interesse haben." Aber das ist Quatsch: 'Nein' heißt auch online 'nein'. Meint eine Frau 'vielleicht', würde sie 'vielleicht' schreiben. Ich bin auch schon beleidigt worden, nachdem ich jemandem höflich geantwortet habe, dass ich kein Interesse habe.

SPIEGEL: Was unterscheidet Tinder von OkCupid?

Glindemann: Tinder ist bekannter und verbreiteter. Es funktioniert nach wie vor hauptsächlich übers erste Profilbild, während man bei OkCupid ausführlich sein Profil ausfüllen sollte. Tinder vermittelt viel mehr das Gefühl, dass es ein Spiel ist, durch dieses Wischen nach links und rechts, bis ein Match rauskommt.

SPIEGEL: Ist Tinder also gar nicht das Richtige, wenn man wirklich jemanden kennenlernen will?

Glindemann: Natürlich nutzen Menschen Tinder zum Dating, aber nicht alle. Meiner Erfahrung nach geht es vielen nicht darum, einen Partner oder eine Partnerin zu finden, sondern nur um Matches. Da gibt es dann manchmal gar kein Interesse an Chats oder Treffen. Wer ernsthaft sucht, der kommt aber auch in Zeiten der Dating-Apps kaum um Offline-Treffen herum: Nur dabei kann man feststellen, ob jemand wirklich zu einem passt.

dbate-Video: Mit Tinder & Co. die große Liebe finden?

dbate.de

SPIEGEL: Mittlerweile gibt es ja einige Blogs oder auch Social-Media-Accounts, die dokumentieren, wie absurd oder aufdringlich online geflirtet wird. Führt das dazu, dass die Leute mehr darüber nachdenken, was sie schreiben?

Glindemann: Möglich. Ich finde, man sollte ohnehin immer im Hinterkopf haben, dass beim Chatten per Dating-App theoretisch jemand mitlesen könnte. Wenn ich mich auf einer Plattform anmelde und dort schreibe, dann wird das ja irgendwo gespeichert. Allein deshalb sollte ich mir gut überlegen, was ich schreibe - nicht nur, weil jemand einen Screenshot machen und ins Netz stellen könnte.

SPIEGEL: Würden Sie sagen, Apps wie Tinder haben es leichter gemacht, einen Partner zu finden?

Glindemann: Nicht unbedingt. Wer per App eine monogame Beziehung sucht, dem fällt es vermutlich schwerer, zu dem Punkt zu kommen, an dem er sagt: "Jetzt habe ich die Person gefunden, mit der ich zusammen sein möchte." Denn man kann ja theoretisch jederzeit in die App schauen, wo zumindest gefühlt Hunderttausend weitere potenzielle Partner auf einen warten.

SPIEGEL: Was empfehlen Sie Menschen, die beim Onlinedating wenig Profil haben?

Glindemann: Viele Profile könnten spannender sein. Wer ausschließlich fünf Selfies mit demselben Gesichtsausdruck im selben Badezimmer hochlädt, der sollte vielleicht doch mal etwas Neues probieren.

SPIEGEL: Und was raten Sie für die Profiltexte?

Glindemann: Im Zweifel überhaupt mal etwas schreiben. Manche Leute haben im Profil gar nichts stehen oder nur, dass sie gern reisen, Freunde und Freundinnen treffen oder Musik hören. Und dann kommt oft noch der Satz "Wenn du mehr wissen willst, schreib mir doch einfach" - das ist total langweilig.

SPIEGEL: Was war das Seltsamste, das Sie in einem Dating-Profil gelesen haben?

Glindemann: Auf OkCupid hat mal jemand geschrieben "I'm really good at murder", also "Ich bin gut im Töten". Das ist vermutlich ironisch gemeint, aber wenn ich lese, dass die meisten Männer bei Blind-Dates Angst haben, dass sie die Frau unattraktiv finden, und Frauen eher davor, umgebracht zu werden, dann ist das sicher kein optimaler Flirt.

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Seite 1
kika2012 03.05.2018
1. Tinder
Habe bei Tinder die Liebe meines Lebens gefunden und getroffen. 500 km entfernt, so what?
mariomeyer 03.05.2018
2. Yo
Wie heißt das? Finder? OkStupid? Habe ich das richtig gelesen? Noch nie gehört. Muss ich gleich mal ausprobieren! Klingt richtig gut! OkStupid und Finder. Wahnsinn!
hello_again 03.05.2018
3. @kika2012 # 1
"Habe bei Tinder die Liebe meines Lebens gefunden und getroffen. 500 km entfernt, so what?" Das erzähle ich meiner "Liebe" ebenfalls ;) Im Ernst, tinder finde ich ganz nett, um schnell unverbindlich überhaupt mal jemand zu treffen und in Flirtübung zu bleiben. Richtig gefunden, wird wohl in Reallife. Oder nie.
cave68 03.05.2018
4. Die Dame
beschwert sich über die art und Weise des Anschreibens der Männer...nun gut...aber wie sieht die Profilgestaltung der Damen denn aus? Zu der Zeit als ich in Single- und Kontaktbörsen zugange war bestanden 90% der eigenen Beschreibungen aus Sätzen wie :"Wenn du etwas über mich wissen willst frage mich einfach"....wie soll man bitteschön überhaupt ins Gespräch kommen,wenn man gar keinen Ansatzpunkt hat??Dass dann nur Copy&Paste-Plattitüden herauskommen ist dann doch selbstverständlich.
Gaztelupe 03.05.2018
5. Die digitale Ödnis
Früher war nicht alles besser. Die Erotik jedoch auf jeden Fall. Die diskrete Aufmerksamkeit, das Ansprechen, der Flirt und alles, was danach kam oder eben nicht, war nicht von irgendwelchen Profilen abhängig. Das ging ganz ohne Smartphone, kaum vorstellbar. Und man musste, ohne vom Programm blind über eine Brücke geleitet zu werden, von sich aus Grenzen überwinden. Vor allem die persönlichen. So etwas wie Mumm war gefragt, um überhaupt zum Paarungskandidaten zu werden. Hatte man nicht immer, Pech gehabt. So, wie das Netz sein Wachstum der Pornografie verdankt, wie es sich den zweifelhaften Verdienst erworben hat, die Sexualität zu trivialisieren, so hat es auch den Bereich zwischen Romantik und Erotik digitalisiert, mit dem zu erwartenden faden Ergebnis. Fraglich, ob in Zukunft noch jemand ohne App Sex haben kann. Ohne Ping hier und Statistik da, ohne den Zwang, ständig an sich und am möglichen Sexpartner herum optimieren zu müssen. Kann sein, dass das der Lauf der Dinge ist, aber allein aus sich heraus muss er einem deswegen ja nicht gefallen. Fr. Glindemann spricht über intime Zwischenmenschlichkeit, über den Beginn harmloser wie ernsthafter Zweisamkeit, wie über Immobiliensuche oder Aktienkurse. Der Algorithmus als gemeinsamer, bestimmender Nenner von allem. Ich bin mir nicht sicher, ob ich das traurig oder ärgerlich finden soll. Lächerlich ist es nicht mehr.
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