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11. Februar 2017, 14:31 Uhr

Zu viele Kommentare

Trumps Tweets bringen Twitter an seine Grenze

Manche wittern eine Verschwörung, andere Zensur, wenn ihre Kommentare unter den Tweets von Donald Trump abgeschnitten werden. Doch der wahre Grund ist viel banaler - und hat nichts mit Politik zu tun.

Der Umgang des amtierenden US-Präsidenten mit Twitter sorgt regelmäßig für Aufregung und Diskussionen. Als Donald Trump vorschlug, man solle das Treffen mit dem mexikanischen Präsidenten lieber absagen, wenn Mexiko nicht für die geplante Grenzmauer zahlen wolle, wurde das 42.000-mal kommentiert. Seine Reaktion auf den Stopp des Einreiseverbots kam bis zum Sonnabend auf fast 150.000 Kommentare. Das ist für Twitter offenbar zu viel.

Denn viele der Kommentare, die unter Trumps Tweets gepostet werden, sind dort nach einer Weile nicht mehr zu finden. Statt in der Timeline unter dem fraglichen Tweet zu erscheinen, werden sie von der Diskussion abgekoppelt, finden sich plötzlich vollkommen isoliert nur noch in der Timeline des kommentierenden Nutzers, berichtet "Mashable".

Bei den Betroffenen sorgt das mal für Verwirrung, mal für verwundertes Staunen, meist aber für Befürchtungen. Zensiert Twitter womöglich unliebsame Tweets? Oder ist es gar das Team von Mr Trump, das die Strippen zieht und einzelne Kommentare aus der Diskussion herauslöst?

So argwöhnt etwa Twitter-Nutzer misty shakleford, das soziale Netzwerk würde Zensur ausüben:

Eine eigene Diskussion brachte der britische Entrepreneur AJ Joshi in Gang, als er zeigte, wie seine Kommentare zu Trump-Tweets vom ursprünglichen Diskussionsstrang gelöst wurden. Er vermutete, das Trump-Team würde einfach alle negativen Kommentare entfernen lassen, um den Eindruck größtmöglicher Zustimmung zu erwecken.

Dass dem nicht ganz sein konnte, entdeckte dann aber Mike Keen, der seine Erkenntnisse bei "Medium" aufschrieb. Er bewies, dass seine Kommentare auch dann von der Diskussion getrennt wurden, wenn er unterstützende Pro-Trump-Kommentare sendete.

Binnen weniger Sekunden nachdem er ihn gepostet hatte, klickten 27 Nutzer das Herzchen zu diesem Kommentar an, danach hörte die Beteiligung anderer abrupt auf, weil Keens Kommentar nicht mehr in Trumps Account, sondern nur noch in seinem eigenen zu sehen war. Mike Keen hat etwas mehr als 600 Follower, der Account von Donald Trump fast 25 Millionen, der offizielle Account des US-Präsidenten 15 Millionen.

Tatsächlich, so hat es "Mashable" herausgefunden, ist es ein rein technisches Problem, das dafür sorgt, dass manche Beiträge von manchen Diskussionen abgetrennt werden. Offenbar ist es schlicht ein alter Programmierfehler, der Twitter bei langen Diskussionen zu schaffen macht.

Leslie Miley, ein ehemaliger leitender Twitter-Mitarbeiter erklärte "Mashable": "Ob das vorher schon ein Problem war? Ja." Nur habe das soziale Netzwerk wohl nicht mit einem Nutzer wie Trump gerechnet, der das System an seine Grenzen bringen würde.

Am Freitagabend schließlich äußerte sich Twitter selbst zu der Problematik und den Gerüchten über die verschwundenen Kommentare.

Auf der deutschen Twitter-Seite lautet die Erklärung schlicht: "Wenn du deine Antwort nicht unter dem ursprünglichen Tweet eines Accounts siehst, liegt das daran, dass wir momentan nicht jede Antwort auf einen bestimmten Tweet in den Details des jeweiligen Tweets anzeigen können."

Überrascht wurde Twitter von dem Problem jedoch nicht. Laut Twitter-Manager Ed Ho ist es ein "lange bekanntes technisches Problem". Man arbeite aber an einer Lösung. Anzunehmen ist, dass diese Arbeiten nach den Diskussionen der vergangenen Tage in der Prioritätenliste der Twitter-IT nach ganz oben gerutscht sind.

Im Video: Der 140-Zeichen-Präsident - ein Psychogramm

mak

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