Linux Ubuntu passt nicht mehr zu alten Kisten

Plötzlich ist das WLAN weg: Das vermeintliche Jedermann-Linux Ubuntu macht auf älteren Rechnern zunehmend Ärger. Es ist die Folge der Hinwendung zum Massenmarkt.

Laptop mit dem Betriebssystem Ubuntu
Ubuntu

Laptop mit dem Betriebssystem Ubuntu

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Es begann mit den ersten Updates der Programmversion 16.04, veröffentlicht im April 2016: Kurz nach Veröffentlichung tauchten Hilferufe in den Linux-Foren auf. Offenbar deaktivierte irgendetwas im Update die WLAN-Funktionen mancher Rechner. Besonders betroffen schienen Laptops der Firmen HP, Dell, Samsung, Acer, vor allem aber Lenovo.

Die Ubuntu-Mutterfirma Canonical brauchte fast ein Jahr, um das Problem überhaupt zu erkennen. Sie löste es zeitweilig dadurch, dass sie den Vertrieb von Ubuntu 17.10, mit dem die WLAN-Deaktivierungswelle ihren Höhepunkt erreichte, einfach aussetzte. Im April 2018 erschien dann Ubuntu 18.04 - und nichts hat sich geändert. Ganze Baureihen führender Laptop-Hersteller funktionieren unter Ubuntu nicht mehr richtig.

Wie bei Linux-Themen üblich, findet man Lösungsvorschläge für das Problem vor allem in den einschlägigen Foren. Meist funktionieren sie nur jeweils für den Typ Rechner und seine Komponenten, für den sie gefunden oder geschrieben wurden.

Doch für die "Normal-Nutzer", die Ubuntu als seine eigentliche Zielgruppe versteht, sind sie oft viel zu kompliziert. Die hätten sich von Canonical einen Patch, eine Lösung des Problems erhofft. Es kam wie üblich: nichts.

Und das blieb nicht nur so, sondern verschlimmerte sich seitdem mit jedem der halbjährigen Updates des Betriebssystems. Wer sich in den Foren umsieht, findet Hilferufe aus dem Sommer 2016 neben solchen aus dem Juli 2018.

Der Preis für eine strategische Entscheidung

Das alles hat eine ganz grundsätzliche Ursache: Ubuntu entwickelt sich zu einem Programm, das für die Anforderungen moderner Maschinen optimiert wird - zulasten älterer Computer. Von den aktuellen WLAN-Problemen sind ausschließlich Laptops betroffen, die älter als vier oder fünf Jahre sind - in der Linux-Welt ist das normalerweise nichts. In ihnen stecken WLAN-Karten, für die Ubuntu schlicht keine Treiber mehr zur Verfügung stellt. Mit dem Resultat, dass der Laptop nach einem routinemäßigen Update seine eigene WLAN-Karte nicht mehr findet.

Ein konkreter Grund dafür scheinen die letzten Updates des Linux-Kernels selbst gewesen zu sein, der alle Linux-Rechner gegen akute Sicherheitslücken absicherte. Häufiger aber liegt es daran, dass Canonical mit Programmversion 16.04 aufhörte, das Programmpaket "linux-firmware-unfree" mit lizenzrechtlich geschützten Treibern zu verteilen.

Das Paket kann man zwar noch manuell herunterladen und mit dem Terminalbefehl "sudo apt-get install linux-firmware-nonfree" nachinstallieren. Eine Lösung ist auch das aber oft nicht, weil das Paket bereits seit 2014 nicht mehr weiterentwickelt wird - für manche Maschinen fehlen inzwischen einfach passende Treiber.

Canonical wiederum fehlen die Kapazitäten, für die große Vielfalt möglicher Komponenten die Abwärts-Kompatibilität zu gewährleisten. Und so ist es mal der WLAN-Treiber, der plötzlich nicht mehr "gilt", mal ist es die Grafikkarte, das Energie-Management oder die Erkennung für das Touchpad. Canonical verweist stolz auf die wachsende Zahl kompatibler Neugeräte, blickt aber offenbar nicht zurück auf die Rechner, auf denen Ubuntu oft viele Jahre zuverlässig funktionierte.

Die Nutzer solcher Altrechner bezahlen so den Preis für die strategische Ausrichtung des Ubuntu-Vertriebs: Linux-Systeme begannen als Produkte der Entwicklergemeinde, die mit ihren Distributionen gerade auch ältere Geräte länger lauffähig hielten. Canonical zielt dagegen auf einen anderen, hipperen Markt. Ubuntu soll als Jedermann-Linux endlich auf allen Plattformen zu einer Konkurrenz für Windows und Mac OS werden.

Mitspielen in der ersten Liga?

Das System ist über die Jahre immer schicker und benutzerfreundlicher geworden - aber auch anspruchsvoller. Reichten vor wenigen Jahren noch zehn Gigabyte auf der Festplatte für eine Installation, werden nun 25 empfohlen. Neuere Programmversionen werden nur noch als 64-Bit-Versionen erscheinen, die für Mehrprozessorsysteme optimiert sind.

Das alles wäre kein Problem, wenn Ubuntu nur eine von vielen Linux-Distributionen wäre. Ubuntu ist aber mehr als das: Das System ist die Basis für viele weitere Distributionen - derzeit sind es insgesamt rund vier Dutzend. Sie nehmen die Fortentwicklungen Ubuntus meist mit kurzer zeitlicher Verzögerung mit - samt aller Vor- und Nachteile. Und zusammengenommen beherrschen sie zumindest den Linux-Markt der privat genutzten Laptops und PCs (rund drei bis vier Prozent aller Rechner) mit ähnlichem Gewicht, wie Microsoft den PC-Markt insgesamt.

Für manche der Laptops, die von den aktuellen, Update-verursachten Fehlern betroffenen sind, gibt es funktionierende Lösungen von - siehe oben - meist leider hoher Komplexität. Ansonsten bleibt für alle, die trotz alledem bei Ubuntu bleiben wollen, nur eine Art Zeitreise: Der Rückgriff auf die alten Ubuntu-Versionen 14.04 (Support/Updates bis April 2019) oder sogar 12.04 (keine Updates mehr). Das funktioniert prächtig, ist aber trotzdem nicht unbedingt empfehlenswert.

Alternativ kauft man sich einen schicken neuen Rechner, der mit modernen Ubuntu-Versionen kompatibel ist. Darauf läuft dann wieder alles - und meist auch schon Windows 10.

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