Praxistest Mit der Übersetzungs-App in Russland zum Friseur

Das Versprechen der Übersetzungs-Apps: Jeder kann mit Jedem reden. Weltweit. In der Praxis stiften sie Verwirrung. Zum Beispiel, wenn man sich in Russland die Haare schneiden lassen will.

Von

Moritz Stadler

Ich spreche kein Russisch, und die russische Verwandtschaft meiner Freundin spricht kaum Deutsch. Neulich haben wir sie besucht, in einer Großstadt südöstlich von Moskau. Die ganze Familie - und ich. Um nicht von der Übersetzungshilfe durch den deutschen Teil der Familie abhängig zu sein, lud ich mir die Übersetzungs-Apps iTranslate Voice und den Google-Übersetzer auf mein Smartphone.

Diese Dienste funktionieren nicht ohne Internetverbindung, und da stoße ich schon auf die erste Hürde: Der Sim-Karten-Verkäufer spricht, wie viele Russen, kein Englisch und die Broschüren mit den Tarifen sind alle in kyrillischer Schrift. Nur mithilfe der Mutter meiner Freundin komme ich an eine Sim-Karte. Der Preis ist unschlagbar: acht Gigabyte Daten in LTE-Geschwindigkeit für 300 Rubel, umgerechnet etwa vier Euro. Die Hälfte sind Freischaltungsgebühren, zehn Rubel bekomme ich als Startguthaben für alles außer Internet - das reicht, um zehnmal die Mailbox abzurufen. Nehmt das, deutsche Provider.

Speisekarten mit dem Smartphone lesen

Im Café lasse ich die Texterkennung des Google-Übersetzers über die Karte laufen. Leider bietet die App für die Option Russisch-Deutsch keine Echtzeitübersetzung über die Kamera, aber sie kann Bilder auf Texte hin scannen und diese übersetzen. Das erweist sich als sehr praktisch. Ich muss niemanden bitten, mir die Karte vorzulesen und was das Programm übersetzt, klingt richtig. Einzige Ausnahme: Der "Kaffee Frauenheld". Aber der heißt tatsächlich so, das kann man der App nicht vorwerfen.

Übersetzung der Kaffeekarte: Klingt plausibel
Moritz Stadler

Übersetzung der Kaffeekarte: Klingt plausibel

Beim Abendessen im Restaurant versuche ich wieder, die Speisekarte mit der App zu lesen, doch diesmal zeigen sich die Grenzen. Die Schrift ist zu verschnörkelt und die App erkennt manche Wörter gar nicht oder nur teilweise. Immerhin: Die Überschrift kann übersetzt werden. Ich weiß zumindest, ob ich ein Fleisch- oder ein Fischgericht bestelle - der Rest ist Hoffen.

Ein erster Gesprächsversuch

Am nächsten Tag versuche ich mich mit Stas zu unterhalten, dem 15-jährigen Cousin meiner Freundin. Dazu verwende ich die kostenlose Version von iTranslate Voice. Sie soll gesprochene Sprache verstehen und anschließend übersetzen können.

Ich weiß, dass Stas heute eine Prüfung hatte und glaube, das sei ein gutes Gesprächsthema. "Wie lief denn dein Mathetest?" frage ich ins Smartphone. Das Handy sagt etwas, was für meine Ohren russisch klingt, aber meine Freundin schüttelt den Kopf. Ihr Cousin blickt mich verständnislos an.

Ich versuche es erneut: "Mathetest. Wie war es?", frage ich. "Schule!", fügt meine Freundin auf Russisch hinzu. Stas nickt und will antworten. Ich halte ihm das Handy wie ein Reportermikrofon vors Gesicht, worauf er erschrocken vergisst, was er sagen wollte. Als es ihm einfällt, ist die Spracherkennung schon wieder aus. Man hat immer nur ein paar Sekunden Zeit zu sprechen.

Zweiter Versuch: Ich drücke, Stas spricht. Nach den ersten zwei Worten unterbricht ihn das Smartphone. Es ist das Zeichen der App, dass jetzt die Sprachaufnahme beginnt. Erst jetzt. Stas war zu schnell - oder die App zu langsam.

Dritter Versuch: Gerade als die Spracherkennung läuft, wird es bei den anderen am Tisch lauter. Ihr Gespräch übertönt die Antwort des Cousins, die App versteht ihn nicht. Ich gebe auf. Ohne Smartphone läuft das Gespräch dann besser: "Musik?" "Metal. Rammstein". Das ist mehr, als ich mit dem Handy herausgefunden habe.

Mit der App zum Friseur

Der Google-Übersetzer bietet auch eine Spracherkennung, und die ist deutlich besser. Mein Testszenario ist ein Friseurbesuch. Was ich nicht wusste: Russische Friseure haben offenbar einen schlechten Ruf. Als ich von meinem Plan erzähle, wird der Bruder meiner Freundin sehr ernst: "Lass es."

Russischer Friseursalon: Die App übersetzt das Schild - "Schönheitsstudio" klingt beruhigend.
Moritz Stadler

Russischer Friseursalon: Die App übersetzt das Schild - "Schönheitsstudio" klingt beruhigend.

Viele russische Männer tragen ihre Haare an den Seiten kurz und im Nacken etwas länger, wobei die halblangen Haare vorne möglichst gerade nach unten in die Stirn geschmiert werden. Das sieht wirklich nicht gut aus, aber das ist ihre Sache. An den Friseuren liegt es nicht.

Etwas mulmig ist mir dennoch, als ich den Salon betrete. Für Frust sorgt aber zunächst erst einmal die App: Sie ist zu langsam. Bevor ich den Google-Übersetzer überhaupt öffnen kann, ist der Haarschnitt bezahlt und besprochen. Die Tante meiner Freundin hat alles organisiert.

Erst als die Friseurin schon anfangen will, kann ich die App einsetzen: "Gleicher Schnitt, drei Zentimeter kürzer." Das Handy übersetzt, die Friseurin nickt wortlos. Ob sie versteht, bleibt zunächst beunruhigend unklar. Eine halbe Stunde später habe ich ein neue Frisur, das Haar ist hinten kurz, klebt vorne nicht an der Stirn. Ich bin dankbar. Aber wem?

Fazit: Keine echte Hilfe

Ob ich das auch allein und nur mit dem Smartphone geschafft hätte? Ich habe meine Zweifel. Klar, die Apps bieten einen gewissen Schutz davor, völlig verloren zu gehen, eine echte Kommunikationshilfe sind sie noch nicht. Ohne sprachkundige Begleitung ist es zumindest in Russland schwer, nur mithilfe der digitalen Dolmetscher weiterzukommen - besonders, wenn es schnell gehen muss. Über eine Übersetzungs-App tatsächlich ein flüssiges Gespräch zu führen, erscheint derzeit noch eher illusorisch.

iTranslate Voice ist in einer kostenlosen Version für iOS, Android und Windows 10 verfügbar.

Den Google-Übersetzer gibt es kostenlos für Android und iOS.

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insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
Augustusrex 06.09.2015
1. Ist doch klar
es bedarf halt eines Babelfisches im Ohr. Der übersetzt aus sämtlichen Sprachen simultan (Per Anhalter durch die Galaxis).
melamber 06.09.2015
2. gleiche Erfahrung gemacht
Beim 2. Business- Trip nach Russland mal Spaßeshalber itranslate ausprobiert. aus ' ich esse usbekisch" wurde " ich esse Usbekistan " und das war nur eine von vielen lustigen Übersetzungen, wie mir die Dolmetscherin bestätigte. Aber es hat für viele Lacher gesorgt. Schade, ich hatte schon gehofft, die Technik wäre weiter.
ykarsunke 06.09.2015
3. es gibt viel mehr natürliche dummheit...
...als künstliche intelligenz.
mmc 06.09.2015
4. Sinnfrei!
Das Fazit des Verfasser wird nicht von seinem eigenen Artikel getragen. Schwache Leistung. Er hat scheinbar in zwei Situationen, die Programme ausprobiert und es blieb unklar, ob eine Verständigung möglich war (Friseur) oder gewesen wäre (Cousin). Im Grunde ein ziemlich sinnfreier Artikel.
nadja_romanowa 06.09.2015
5. Schonmal Englisch übersetzt?
Schon mal den Englisch-Übersetzer ausprobiert. Da kommt auch viel Kauderwelsch rausch. Und hier noch einer zum Schmunzeln: goo.gl/HEFMDe
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