Plötzlicher App-Erfolg Was ist dran am Hype um Vero?

Auffallend viele Menschen, auch prominente, probieren derzeit die Social-App Vero aus - dabei dümpelte die seit Jahren vor sich hin. Doch auch jetzt scheint kaum einer zu wissen, worauf er sich einlässt.

Von Isabel Schneider


Die App Vero ist nicht neu, aber gerade schwer im Trend: Seit einigen Tagen hat sich rund um das soziale Netzwerk eine Art Schneeballeffekt ergeben. Wer ein Konto auf Instagram besitzt, wird derzeit häufig mit Posts konfrontiert, in denen andere Nutzer auf Vero aufmerksam machen.

Auch die sogenannten Influencer, also professionelle Nutzer der App mit vielen Tausenden oder Zehntausenden Followern, zeigen im Netz stolz ihre gerade angelegten Vero-Profile. Für viele Follower mag dieses Beispiel schon als Anlass ausreichen, sich ebenfalls bei Vero zu registrieren.

Mittwochvormittag stand die App in den Charts des App Stores von Apple auf Platz Eins der Gratis-Apps - noch vor WhatsApp oder Instagram. Das sonderliche Timing des App-Erfolgs weckt Misstrauen: Denn Vero gibt es bereits seit 2015 - und die App dümpelte lange in der völligen Bedeutungslosigkeit. Im Netz kursieren nun verschiedene Mutmaßungen darüber, was den Hype um die App so plötzlich ausgelöst haben könnte.

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Neue Hype-App: So sieht Vero aus

Einige vermuten, dass die Betreiber gezielt Prominente bezahlt hätten, um Vero auf Instagram zu empfehlen. Andere glauben, hinter dem Erfolg stecke lediglich das Gefühl, etwas zu verpassen, wenn man die App - anders als das Umfeld - nicht auch zumindest ausprobiert. Der Auslöser bleibt aber auch in diesem Szenario unklar. Niemand scheint so richtig zu wissen, was es mit Vero auf sich hat.

Auf SPIEGEL-Anfrage bestreitet das Vero-Team aber, dass Influencer bezahlt worden seien. Wer die App empfehle, tue dies aus freien Stücken und ohne Beeinflussung durch die Macher der App.

Was kann die App?

Vero wirbt mit dem Slogan "True Social" und will das Teilen von Details aus dem eigenen Leben noch realitätsnäher machen als schon bekannte Netzwerke wie Instagram oder Facebook. Während Twitter oder Instagram sich vom Prinzip der streng chronologischen Anzeige der Beiträge in der Vergangenheit verabschiedet haben, setzt Vero genau darauf: Die Nutzerbeiträge werden strikt gemäß ihres Veröffentlichungszeitpunkts angezeigt im Feed, nichts wird versteckt. Theoretisch kann man alles sehen, wenn man weit genug nach unten scrollt.

Und so funktioniert die App: Zuerst müssen neue Nutzer einige Freunde finden, mit denen sie Ihre Beiträge teilen können. Dies macht die App automatisch, wenn man sich zum ersten Mal anmeldet - indem sie die Smartphone-Kontaktliste durchsucht. Außerdem werden Nutzer vorgeschlagen. Die Freunde lassen sich in Kategorien einteilen, ähnlich wie bei Facebook. So kann man der App sagen, welche Nutzer zu den engen Freunden zählen und welche nur lose Bekannte sind. Zur Anmeldung ist zudem die Angabe der Telefonnummer nötig - für viele Nutzer könnte das schon ein Ausschlusskriterium sein.

Sobald man einige Freunde gefunden hat, kann man deren Beiträge sehen. Wie auch Instagram oder Facebook ist Vero um einen zentralen Feed herum aufgebaut, in den hier aber chronologisch geordnet alles hineinfällt, was befreundete Nutzer posten.

Man kann auf Vero viele andere Medientypen als nur Bilder oder Videos posten. Einen neuen Beitrag können Nutzer durch Klicken auf das große Plussymbol am unteren Rand des Bildschirms mit befreundeten Nutzern teilen. Das bringt eine Reihe von verschiedenen Optionen mit sich: Zusätzlich zu Bild- oder Videomaterial können auch Musik, ein Link, ein Buchtitel oder ein Ort in einem Beitrag gepostet werden.

Wer steckt hinter der App?

Der libanesische Milliardenerbe Ayman Hariri ist der Mitgründer und gleichzeitig Geschäftsführer von Vero. Hariri, Sohn des ehemaligen libanesischen Ministerpräsidenten Rafiq al-Hariri, war bis Juli 2017 auch stellvertretender Geschäftsführer bei Saudi Oger, einem der größten Bauunternehmen in Saudi-Arabien. Die Firma hatte im Jahr 2016 mehrfach negative Schlagzeilen gemacht, da über Monate hinweg Lohnzahlungen für ihre Mitarbeiter ausblieben. Hariri verließ daraufhin das Unternehmen. Nicht nur aufgrund dieses Werdegangs stößt Hariris Plattform Vero nun auf Skepsis.

Viel Kritik - App ist überlastet

Zudem zeigen sich derzeit viele Schwächen der App - einschließlich der Tatsache, dass sie aufgrund des hohen Andrangs nun oft überlastet ist und für einige Nutzer bisher nicht funktioniert.

Die Betreiber zeigen sich überrascht hinsichtlich der großen Nachfrage. "Aufgrund des sehr hohen Datenaufkommens sind wir mit zeitweiligen technischen Problemen konfrontiert", hieß es auf ihrem Twitter-Account. "Wir arbeiten daran, sie so schnell wie möglich zu lösen."

Abomodell, dafür keine klassische Werbung

Bereits bekannt ist, dass Vero Gebühren für die Nutzung der App erheben wird. Die Betreiber begründen dies auf ihrer Website im "Vero Manifest" damit, dass man die Plattform werbefrei halten wolle.

Auf der Website heißt es zudem, man wolle "aggressive Datenerfassungstechniken" von Plattformen wie Facebook und damit auch alle Formen der personalisierten Werbung vermeiden. Das bedeutet auch, dass weder Unternehmen noch Privatpersonen die Option haben, Zahlungen zu leisten, um die Reichweite ihrer Beiträge zu erhöhen, wie sie es oft auf anderen Plattformen tun.

Dennoch können Unternehmen anderweitig ihren Weg in die App finden und mit ihrem eigenen Nutzerkonto Produkte im Feed platzieren, was Vero sich wiederum bezahlen lässt. Diese Produkte können dann sogar über einen "Kaufen"-Button direkt vom Nutzer erworben werben.

Die erste Million Nutzer kann sich trotz des angekündigten Abomodells freuen: Als Dankeschön wird ihnen die jährliche Zahlung lebenslänglich erlassen, heißt es weiter. Das könnte den Ansturm auf die App zumindest teilweise erklären: Jeder möchte zur ersten Million gehören und sich eine kostenlose Nutzung sichern - sollte die App langfristig erfolgreich sein. Ob Vero aber mehr als eine der vielen App-Eintagsfliegen ist, muss sich erst noch zeigen.


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Anmerkung: Das Statement von Vero wurde nachträglich im Text ergänzt.



insgesamt 10 Beiträge
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treime 28.02.2018
1. Zur Anmeldung ist zudem die Angabe der Telefonnummer nötig - für viele
"Zur Anmeldung ist zudem die Angabe der Telefonnummer nötig - für viele Nutzer könnte das schon ein Ausschlusskriterium sein." Witzig. Vorher wird beschrieben, wie die App die Kontaktliste nach Veronutzern durchsucht. Gerade aus dem Grund - Apps, die zwingend Zugriff auf meine Daten haben wollem, installiere ich diese nicht. Und theoretisch müßten solche Apps auch erst bei Nutzern aus den Kontakten nachfragen, ob sie möchten, das sie "verfolgt" werden. Wenn jemand meine Kontaktdaten hat, möchte ich eben NICHT, das er die an jede Kack App weitergibt. Das ist nur leider der Fall. Datenschutz adé. Bleibt nur, den sogenannten "social media"-treuen Freunden/Verwandten die eigene Telefonnummer nicht zu geben?
rst2010 28.02.2018
2. nötig wäre
eine dezentrale kommunikationsplattform, ohne zentrale instanzen.... ohne zentrale überwachungsstation. obwohl... die gibts ja schon: sip und iptelefonie. Die Verbindungsaufnahme geht über den SIP Server als Vermittlung, die Komunikation der Endpoints erfolgt direkt. Wunderbar: keine überlasteten Server wg. zu viel Andrang; kein Mitlesen der Inhalte auf dem Server.
Patrik74 28.02.2018
3. Super
Noch eine Plattform, auf der man sein Frühstück posten kann - vor und nach der Verdauung. Aber das beste: Jetzt darf man auch endlich dafür zahlen! Und die Daten werden hier natürlich gaanz gaanz ehrlich nicht ausgeschlachtet - echt jetzt!
yaba 28.02.2018
4. Telefonnummer
Komisch, bei WhatsApp hat keiner ein Problem seine Telefonnummer herauszugeben. Tatsächlich dient die Telefonnumer hier nicht nur zum Vorschlagen von Bekannten, sondern ist auch ein effizienter Filter für Spamer und Bots, die große Problem haben, ständig neue Telefonnummern zu beantragen. Ein zweites Instagram braucht keiner. Mit gefällt Vero jedenfalls sehr gut und hoffe sehr, dass es bleiben wird. Ich gebe lieber meine Telefonnummer heraus als mir von Algorithmen und Bots vorschreiben zu lassen, was ich zu sehen habe und was vor mir versteckt wird.
sven2016 28.02.2018
5.
Wer da wirklich einsteigen muss: verwenden Sie Wegwerf-Telefonnummern. Die gibt es für diese Social Spider-Anmeldungen gratis. Zugriff auf Kontakte sollte man sich gut überlegen, da man damit seinen Bekanntenkreis ohne deren Zustimmung mit outet. Schon interessant, dass die ihre Problemmeldungen auf Twitter veröffentlichen. Nö, brauche ich nicht.
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