Wahlkampf auf Tinder Flirt mit der Politik

Viele sind auf der Suche nach Sex, manche hoffen auf die große Liebe. Und dann gibt es welche, die gehen auf Tinder auf Stimmenfang. Wahlkampf mit der Dating-App - kann das klappen?

Alexander Freier-Winterwerb
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Alexander Freier-Winterwerb

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"Hey Anna! Wie würdest du dich selbst in drei Worten beschreiben?" - "Intelligent. Lustig. Bodenständig. Du?" - "Gut im Bett." So oder ähnlich flach sind schon viele Konversationen bei Tinder abgelaufen. Die Politik scheint das nicht abzuschrecken: So mancher Wahlkämpfer nutzt die Dating-App sogar, um auf Stimmenjagd zu gehen. Aus einem "Match" in der App soll am besten gleich ein Kreuz auf dem Wahlzettel werden.

Der SPD-Politiker Alexander Freier-Winterwerb will kommenden Sonntag ins Berliner Abgeordnetenhaus einziehen. Dafür wirbt er nicht nur mit seiner privaten Mobilnummer auf den Wahlplakaten, sondern auch mithilfe von Tinder.

"Mein Credo ist ja 'Politik auf Augenhöhe' und ich zieh das auch durch", sagt der 29-Jährige. "Ich hab Bock auf Menschen. Ich hab auch keine Angst vor den Leuten, auch nicht vor den Idioten."

Zwei Millionen Nutzer - und potenzielle Wähler

In Deutschland gehört Freier-Winterwerb zu den Pionieren des Tinder-Wahlkampfs. Vor ihm nutzte, nach allem, was man weiß, nur der hessische Lokalpolitiker Matti Merker die App als Wahlkampfinstrument. Im aktuellen Berliner Wahlkampf mischt nun auch Florian Nöll (CDU) bei Tinder mit.

Zwei Millionen Menschen sind in Deutschland bei der Dating-Plattform angemeldet - darunter natürlich auch jede Menge Wähler. Freier-Winterwerb sagt, er erreiche per Tinder ausschließlich neue Leute. "Die können mir dann einfach schreiben, wenn sie mal was auf dem Herzen haben."

Aktuell haben 400 Leute den SPD-Politiker gematcht - oder anders: gegenseitige Sympathie bekundet. Das erklärt wohl, warum bislang keine kritischen Fragen kommen. Die Leute interessiert eher, wie sie schnell an einen Kitaplatz kommen. Oder was der tindernde Politiker "heute so macht".

Tinder-Wahlkampf ist auch im Ausland beliebt

Auch aus anderen Ländern gibt es Beispiele, in denen Tinder von Politikern im Wahlkampf eingesetzt wurde: Den Anfang machten 2014 ein kanadischer Kommunalpolitiker und eine Niederländerin, die für das EU-Parlament kandidierte. Ein Jahr später waren im deutschsprachigen Raum die Schweizer Grünen-Politikerin Aline Trede und die Wiener Sektion der liberalen österreichischen Partei NEOS die Ersten, die mit der App experimentierten. Im selben Jahr warb auch eine spanische Bürgermeisterkandidatin per Tinder um die Gunst der Wähler.

In den USA hat man ebenfalls das Potenzial von Tinder für den Wahlkampf erkannt. Anlässlich des Präsidentschaftswahlkampfs hatte die Dating-Software im März sogar eigens eine Funktion names "Swipe The Vote" in seine App eingebettet.

Tinder-Funktion "Swipe The Vote" in den USA

Tinder-Funktion "Swipe The Vote" in den USA

Nutzer wischten sich auf der Suche nach dem besten politischen Match durch eine Reihe von Statements: "Sollte die gleichgeschlechtliche Ehe legal bleiben?" Ein Wisch nach rechts, ja. "Bohren nach Öl und Gas in den Vereinigten Staaten?" Ein Wisch nach links, nein.

Tinder soll Wähler politisieren

Den größten politischen Charme schien damals Bernie Sanders zu versprühen: 37,8 Prozent der "Swipe The Vote"-Nutzer matchten mit dem US-Demokraten. Den Flirt mit den Ansichten des Republikaners Donald Trump fanden hingegen nur 8,1 Prozent anregend. Ziel der "Swipe The Vote"-Kampagne war es, junge amerikanische Wähler mit den wichtigsten Positionen der möglichen Präsidentschaftskandidaten vertraut zu machen - und an die Wahlurnen zu locken.

Auch in Großbritannien gab es im Mai in Vorbereitung auf das Brexit-Referendum ein "Swipe The Vote": Tinder-Nutzer testeten, ob es mit der Europäischen Union doch etwas Ernstes werden könnte. Von links nach rechts wischten sich die Nutzer durch eine Auswahl an Quizfragen zur EU, nach dem Motto "Fakt oder Fiktion?".

"Großbritanniens Beitrag zum EU-Haushalt ist größer als der Betrag, den es für staatliche Leistungen inklusive der Renten ausgibt." Fiktion, ein Wisch nach links. Richtig. Am Ende eines solchen Flirts konnten die Tinder-Nutzer sich direkt zu Registrierung für die Wahl weiterleiten lassen.

Der Flirt mit der Politik ist nicht von Dauer

Auf eine Anfrage, ob es ein ähnliches Angebot auch für die Bundestagswahl 2017 in Deutschland geben wird, reagierte Tinder bislang nicht. Politiker, die die App für den Wahlkampf nutzen wollen, müssen das also in Deutschland noch auf eigene Faust tun, so wie Alexander Freier-Winterwerb.

Der deutsche Tinder-Politiker hält es mit seinen politischen Matches allerdings eher unverbindlich - verabredet hat er sich noch mit keinem: "Aber ich hab schon mal zwei Matches getroffen. Per Zufall auf dem CSD in Berlin. Die haben mich dann angesprochen: 'Hey, wir kennen uns doch von Tinder!'"

Ob Freier-Winterwerb seine Tinder-Bekanntschaften bei der Wahl helfen werden, ist fraglich. Den Briten und der EU jedenfalls konnte die Dating-App offensichtlich nicht zu einer dauerhaften Beziehung verhelfen.

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