Neue Betrugsmasche Dubiose Werbeclips trenden auf YouTube

Seit Tagen tauchen in den deutschen YouTube-Trends fragwürdige Werbeclips auf. Ihre Macher haben offenbar gelernt, wie sie die Algorithmen der Plattform überlisten.

YouTube/ Cool Mobile

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Die YouTube-Trends gelten als Ort für die erfolgreichsten Webvideos in Deutschland, vergleichbar mit den Charts in der Popmusik. YouTubes Algorithmen vermischen dort nach einem geheimen Rezept Klick-Hits der großen Netzstars mit Geheimtipps von Nachwuchstalenten. Für viele Videomacher ist ein Auftauchen in den Trends eine Adelung - und der Schlüssel zu neuen Zuschauern.

Seit einigen Tagen aber landen auffallend viele Videos in den Trends, die ihre Platzierung offenbar nicht begeisterten Zuschauern verdanken. Auf Platz 1 prangte am Sonntagnachmittag etwa ein Clip mit dem Titel: "739 Euro am Tag Schritt für Schritt Anleitung".

Schlappe neun Sekunden dauerte der Clip, bestehend aus einem schnöden Standbild, das den Nutzer aufforderte, den Link in der Videobeschreibung anzuklicken. Der Link führte auf die Website eines Online-Casinos. Angeblich könne man dort 30 Euro gewinnen - für 10 Euro Einsatz. Hinter Angeboten wie diesen können Abzock-Websites oder Online-Betrüger lauern.

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Screenshots: Auf YouTube trenden seltsame Werbeclips

Wenige Abonnenten, dubiose Abo-Modelle

Das mittlerweile gelöschte Video ähnelt Dutzenden anderen, denen man derzeit in den deutschen YouTube-Trends begegnet. Die dazugehörigen Kanäle haben auffällig wenige Abonnenten. Mal werden Shopping-Gutscheine angepriesen, die sich Nutzer durch ein kostenpflichtiges SMS-Abo sichern sollen. Mal geht es um billiges Handyzubehör.

Längst haben sich auch bekannte YouTuber über die unseriösen Clips beschwert, beispielsweise Klengan, HerrNewstime und KuchenTV. Der YouTuber David Hain schreibt auf Twitter: "Da brechen bei YouTube grad alle Dämme, oder?"

Auch der YouTuber Fynn vom Kanal "Ultralativ" versteht die Trends nicht mehr. "Es ist für jeden YouTuber, den ich kenne, ein großes Mysterium, wie der Algorithmus funktioniert", erklärt er auf Anfrage. Sein Kanal "Ultralativ" schaffe es mit fast jedem Video in die Trends - wie genau, wisse er aber auch nicht.

Nun vermuten Fynn und viele der genannten YouTuber, dass Bot-Netzwerke und gekaufte Klicks die seltsamen Werbeclips in die Trends katapultieren. Den Beweis dafür will ein YouTube-Nutzer, der sich im Gespräch mit dem SPIEGEL Johannes B. nennt, geliefert haben. Sein Video "Kann man sich in die Trends kaufen (Der Test)" landete am 4. November tatsächlich auf Platz 2 der Trends.

YouTube-Algorithmen ausgetrickst

In dem Video erklärt Johannes B., man müsse für ein beliebiges Video nur einen bestimmten Mix aus Views, Likes und Kommentaren kaufen, schon würde es mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Trends landen. Belegen will er das damit, dass sein eigenes Video auf der Hitliste erschienen ist.

Tatsächlich lassen sich Views, Likes und Kommentare von Internethändlern kaufen - natürlich ohne Garantie, dass sie die versprochene Dienstleistung wirklich liefern. Dahinter stehen oft Bot-Netzwerke und Klickfarmen, die Klickzahlen künstlich in die Höhe treiben. Im Gespräch erklärt Johannes B. genauer, wie er die YouTube-Algorithmen ausgetrickst haben will.

Der junge Mann, der anonym bleiben will, gibt an, im Bereich Online-Marketing zu arbeiten. Er zeigt, in welchen Internetshops sich falsche Klicks für die Trendplatzierung kaufen lassen. In den Shops werden Views, Likes und Kommentare für ein- bis zweistellige Dollarbeträge angeboten. Johannes B. will für seine Trend-Videos unter 100 Euro ausgegeben haben.

"Traurig und lächerlich"

Fragt sich nur, warum der selbsternannte Online-Marketing-Experte die manipulierten öffentlich Trends anprangert - schließlich könnte er mit seinem Wissen viel Geld verdienen? "Ich bin mit YouTube aufgewachsen und weiß, was YouTube für viele bedeutet", erklärt Johannes B. Die YouTube-Trends seien ihm persönlich "heilig". Deshalb wünsche er sich, dass zumindest dort nichts manipuliert wird.

"Ich hoffe, dass YouTube seine Algorithmen überarbeitet", sagt Johannes B. Dass er es selbst offenbar durch Manipulation in die Trends schaffen konnte, findet er "traurig und lächerlich".

Ob die von Johannes B. beschriebene Methode wirklich funktioniert, ließ sich zunächst nicht bestätigen. Fakt ist: Vergangene Woche hatte Johannes B. ein zweites Video in die Trends gebracht. Und ein weiterer YouTuber namens "Burak" hatte ebenso zwei Videos in den Trends platziert, in denen er behauptete, eine ähnliche Methode anzuwenden.

YouTube will gegen falsche Klickzahlen vorgehen

Inzwischen wurden alle Videos von Johannes B. gelöscht. YouTubes Mutterkonzern Google teilt auf Anfrage mit, man nehme den Missbrauch des Systems von YouTube sehr ernst. Das betreffe auch künstlich aufgeblähte Zuschauerzahlen. Der Konzern setze sich weiterhin dafür ein, so etwas mit technischen Mitteln zu verhindern. Außerdem seien betrügerische Praktiken aufgrund der Nutzerrichtlinien verboten.

Auf die zahlreichen Vorfälle von mutmaßlich in die Trends gekauften Werbeclips geht Google auch auf unsere Nachfrage hin nicht näher ein - auch nicht darauf, ob die von Johannes B. beschriebene Methode funktioniert hat.

Auf einer Supportseite schreibt Google, Videos in den YouTube-Trends sollten nicht "irreführend oder reißerisch" sein und kein "Clickbaiting verwenden". Ein Trend-Video wie "739 Euro am Tag Schritt für Schritt Anleitung" scheint all diese Negativkriterien jedoch zu erfüllen. Wenn Nutzer ein Video bemerken, das möglicherweise nicht in die Trends gehört, können sie es dem Support melden.

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insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
trulala 13.11.2017
1. Die KI aller Algorithmen: Nutzer müssen es melden
Alle Internet Grössen haben am Ende genau und alleine dieses Argument gegen Betrug etc. Das ist und bleibt unverantwortlich und wir als Gesellschaft sollten dem endlich ein Riegel vorschieben und nicht länger abwarten oder darauf vertrauen, dass unbekannt Algorithmen das Wunder verrichten.
jayjayjayjay 13.11.2017
2. Seriöse youtuber
Kuchen TV, und andere format verwertungsformate... deutsches youtube und seriös , scheiße man das ist echt neuland...
jayjayjayjay 13.11.2017
3. Andere sache
Wenn man möchte dass ein video in die trends gelangt zahlt man einfach für das schalten einer anzeige die dem format auf dem geworben wird nahtlos übergeht sodass man anstatt wegzuköicken auf das anzeigevideo gelangt, so bekommt die anzeige klicks und landed in den trends, vermeiden lässt sich das nichtmur durch den enduser sondern auch durch den creator, der muss seine videos lediglich demonitarisieren sodass besagte werbung garnicht geschaltet werden kann, und da liegt der Hund begraben denn herr kuchen tv möchte mit seinen berichten zu youtubern die ihr Geld mit produktplatzierungen verdienen nämlich auch sein geld verdienen, das geht am einfachsten indem man absolut jedem werber erlaubt werbung vorm eigenen video zu schalten...
Ringmodulation 13.11.2017
4. Irreführende Knöpfe in der Werbung
Zitat von jayjayjayjayWenn man möchte dass ein video in die trends gelangt zahlt man einfach für das schalten einer anzeige die dem format auf dem geworben wird nahtlos übergeht sodass man anstatt wegzuköicken auf das anzeigevideo gelangt, so bekommt die anzeige klicks und landed in den trends, vermeiden lässt sich das nichtmur durch den enduser sondern auch durch den creator, der muss seine videos lediglich demonitarisieren sodass besagte werbung garnicht geschaltet werden kann, und da liegt der Hund begraben denn herr kuchen tv möchte mit seinen berichten zu youtubern die ihr Geld mit produktplatzierungen verdienen nämlich auch sein geld verdienen, das geht am einfachsten indem man absolut jedem werber erlaubt werbung vorm eigenen video zu schalten...
Meinen Sie, man baut einen falschen "Werbung wegklicken"-Button ein? Macht Google das mit?
mimas101 14.11.2017
5. Hmm Tja
So intelligent kann die KI garnicht werden um den Mißbrauch einzudämmen. Schließlich zählt sie nur Klicks und ein paar Bewertungen um dann entsprechend freizuschalten. So ein System läßt sich also immer überlisten. Google müßte eigentlich jeden einzelnen Beitrag in dieser Sparte redaktionell prüfen, die Klickzahlen mit testen und manuell freischalten um diese Masche zu unterbinden. Nur käme das aber einer Sisyphosaufgabe gleich und würde weitere Löhne für neu einzustellendes Personal und andere Unkosten bedeuten. Das schickt sich jedoch nicht für die Renditen und die Investoren. Sprich das Angebot ist tatsächlich durch diese Firma, die sich mit allerlei immer monströser werdendem Tand jedem unverlangt selbst aufschwatzt, weder steuer- noch kontrollierbar. Kommt noch hinzu das sie den Eindruck von Zensur pp nicht erwecken kann um die Laufkundschaft (Zuseher und Anbieter) nicht zu vergraulen. Fazit: Wenn überhaupt wird es etwas Kosmetik geben aber das Problem bleibt weiterhin bestehen.
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