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08.08.2009
 

E-Buch ausprobiert

Was Amazons Kindle wirklich kann

Noch gibt es den Kindle in Deutschland nicht, obwohl das Elektrobuch in den USA schon seit fast zwei Jahren auf dem Markt ist. Doch lohnt das Warten? SPIEGEL-ONLINE-Autor Jens Jeep hat seinen USA-Urlaub genutzt, um das Gerät gründlich auszuprobieren.

Von Apple lernen heißt verpacken lernen. Amazon hat sich beim Kindle (gesprochen wie das bayerische Kindl) viel Mühe gegeben: Alles Karton, kein Plastik, sehr schmuck. Etwas größer und etwas schwerer als ein Taschenbuch liegt der vermeintliche Nachfolger des gedruckten Buches vor dem Leser, mit einem Display, das etwas kleiner ist als die Seite eines Taschenbuchs. Darauf scheint eine Folie zu kleben, auf der steht, wie das Gerät eingeschaltet wird. Und das ist die erste Überraschung: Das ist gar nicht auf eine Folie gedruckt, das ist bereits die elektronische Tinte. Und Einschalten muss man eigentlich auch nichts, weil der Kindle immer an ist - und zwar ohne Strom zu verbrauchen.

Die Schrift erscheint nicht schwarz auf weiß, sondern dunkelgrau auf hellgrau, ähnlich dem gedruckten Buch oder der Zeitung. Und auch beim Kindle flimmert nichts, alles ist ruhig und scharf. Das ist der Clou der elektronischen Tinte, die sogar diejenigen recht schnell überzeugt, die von sich sagen, dass sie vom Bildschirm nicht lange lesen können. Hier kann man lange lesen, ohne dass die Augen sich beklagen. Doch will man das auch?

Dazu braucht es zuerst einmal Inhalte. Und hier überzeugt der Kindle durch eine geniale, weil genial einfache Technik. Mit dem Gerät kommt in den USA ein Mobilfunkvertrag, der nichts extra kostet, mit dem man auch nicht telefonieren kann und von dem man fast nichts merkt. Nicht mal, und das ist ein Haken, wenn einem der Online-Buchhändler mal eben ein fälschlicherweise ausgeliefertes E-Buch aus dem Speicher löscht. Wie viele andere Geräte auch hängt Kindle an der langen Leine seiner Schöpfer. Das muss man heute fast zwingend in Kauf nehmen, wenn man sich Spielzeuge mit Netzanbindung zulegt.

Beim Umblättern wird der Bildschirm schwarz

Per UMTS ist das Gerät immer im Netz und kann von dort alle Inhalte (vom Buch über die Tageszeitung bis zum Magazin) beziehen, auch im Abo. Kaum bestellt, sind alle Texte bereits da - Bilder gibt es nur wenige. Die amerikanischen Zeitungen gönnen zwar jedem zweiten Artikel ein Foto, auch die Karikaturen des "New Yorker" sind komplett vorhanden, aber das ist es auch schon. Was ebenfalls fehlt, ist die Werbung.

In der täglichen Nutzung schlägt sich die Technik durchaus faszinierend, denn das Darstellen und damit Lesen eines Textes kostet keinen Strom, allein das "Umblättern" einer Seite braucht Energie. Dabei wird - das irritiert ein wenig - der Bildschirm kurz schwarz, stellt dann den neuen Text einwandfrei und mit veränderbarer Schriftgröße dar. Das geht nicht besonders schnell, aber langsamer als das Umblättern einer echten Seite ist es auch nicht. Der Vorteil dieser Technik im Vergleich zu den typischen hintergrundbeleuchteten Displays: Der Akku hält genau die gefühlte Ewigkeit, von der die mobilen Konkurrenzprodukte wie das iPhone noch schmerzhaft weit entfernt sind.

Und auch in der hellen Mittagssonne kann man noch wunderbar lesen. Das gleiche gilt aber natürlich auch für andere E-Reader wie die deutlich günstigeren Modelle, die Sony kürzlich vorgestellt hat (siehe Bilderstrecke unten).

Hat man sich an diese neue Technik gewöhnt, kann und wird man sie schnell vergessen. Und einfach lesen. Also ein Sieg über das gedruckte Buch? So einfach ist es nicht. Im direkten Vergleich gewinnt das Druckexemplar. Das Buch ist haptisch angenehmer und bei aller Robustheit des Kindle auch unkomplizierter und unanfälliger. Letzteren würde man beim Sprung in den Pool wohl nicht ohne weiteres offen auf dem Sonnenstuhl liegen lassen wollen. Jede Zeitung und jedes Magazin bieten dem Auge zudem mehr Reize als die lineare Anzeige des elektronischen Pendants.

Und was passiert, wenn Apple sich einmischt?

Morgens in einem Holzhaus in der Einsamkeit aufzuwachen und die aktuelle Tageszeitung aus Deutschland und New York bereits in elektronischer Form neben dem Bett liegen zu haben, das hingegen ist unschlagbar. Und während ein gedrucktes Werk wohl immer gegen die Elektronik gewinnen wird, ändert sich die Lage bei zehn oder hundert oder gar den möglichen rund 1500 Büchern oder Tageszeitungen, die auf das Gerät passen. Hier bewegt sich der Kindle in einer anderen Liga. Noch.

Denn abzuwarten ist, was etwa Apple dem weißen Buch aus Amazonien voraussichtlich noch in diesem Jahr entgegensetzen wird. Die Prognose: Wie schon beim iPod und beim iPhone wird der Konzern mit dem Sinn für das Sinnliche auch diesen Markt spät betreten, die Konkurrenz dann aber in Windeseile hinter sich lassen. Ein "MacBook Touch", ein berührungsempfindlicher Bildschirm ohne Tastatur, neunmal so groß und klug wie das iPhone und damit in der Lage, nicht nur Bücher in Schwarzweiß, sondern auch Zeitungen und Magazine in Farbe, Fotos, Videos und das Internet darzustellen, ebenfalls ständig über UMTS mit dem Netz verbunden - dagegen sähe das Angebot von Amazon blass aus. Im Vergleich dazu würde ein "one trick pony", das nur ein elektronisches Buch ist, womöglich schnell in der Ecke verstauben.

Und so könnte es gut sein, dass aus dem amerikanischen Kindle nie ein deutsches Madl wird und Amazon sein Buch-Verkaufskonzept allenfalls in einer soften Version über den Atlantik bringt: Als "App", als Programm für die mobilen Geräte anderer Hersteller. Wenn nicht auch hier ein anderer schneller ist: etwa mit einem iTunes BookStore.

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Die neuesten Beiträge:
31.10.2011 von stormking: .

Ich. Bei einem Buch zählt für mich einzig und allein der Inhalt. Die Darreichungsform ist mir völlig schnuppe. eBook-Reader sind wunderbar klein und leicht. Ich kann in meiner Jacketinnentasche meine gesamte Bibliothek mit [...] mehr...

31.10.2011 von marlin.richt1: Buch stirbt nie!

Ich weiss nicht, nach welchen "Regeln" der Buchmarkt spielt, das Buch darf aber nicht sterben und wird auch nie durch diese Elektrozeugs ersetzt! ...es gibt ja beim Lesem eines Buches nichts besseres, als umzublättern [...] mehr...

31.10.2011 von malte71: titel

Doch, doch... siehe http://de.wikipedia.org/wiki/Charlotte_Roche Der Rest der Aussage stimmt natürlich. Sagen wir's mal so: Wären Roches Bücher statt von einer jungen Frau von einem alten Mann geschrieben worden, hätte die [...] mehr...

31.10.2011 von meckpommbi: jein

Ich denke es wird beides bestehen bleiben. Leute wie ich die Papier in der Hand haben wollen aber auch das e-book für unterwegs schätzen. Der digitale Markt wird sicher noch wachsen aber das alte Buch nicht föllig ablösen. [...] mehr...

31.10.2011 von Websingularität: Allgemeines Interesse?

Ja, die Meinung von Prominenten und "Schönmenschen" ist von allgemeinem Interesse. Immer mehr Menschen interessieren sich nicht für ihren Kontostand, aber fürs Fernsehprogramm. Also, für die wirklich [...] mehr...

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