Die Zeit der Religionskriege um das einzig wahre Betriebssystem für den Computer ist vorbei. Windows, Mac und Linux haben ihre jeweils eigenen Vorteile und Besonderheiten. Power-User spielen unter Windows, bearbeiten ihre Fotos auf dem Mac und programmieren mit Linux. Wenn in den kommenden Wochen neue Versionen der Betriebssysteme erscheinen, kann kein Hersteller mit revolutionären Neuerungen aufwarten.
Mehr Macs ins Büro
Die vielleicht wichtigste Neuerung des Mac-Systems ist die Unterstützung der Microsoft-Technik Exchange, bei Unternehmen der De-Facto-Standard für E-Mails. Entsprechende Accounts lassen sich direkt im Mac-Programm Mail einrichten, die zugehörigen Adressverzeichnisse können in das Mac-Adressbuch eingebunden werden. Auf diese Weise will Apple einen der letzten Gründe streichen, der gegen den Einsatz von Macs in Unternehmen oder im Home-Office spricht.
Zu den sichtbaren Verbesserungen im Detail gehört die Verlegung der Exposé genannten Fenstertechnik ins sogenannte Dock am Bildschirmrand: Vor allem auf MacBooks lässt sich die Übersicht aller geöffneten Fenster damit schneller anzeigen als bisher. Die mit Mac OS X 10.5 eingeführten Stapel mausern sich zu einem alternativen Dateimanager, da man jetzt wie im Finder durch ihren Inhalt blättern und auch durch die Ordnerstruktur navigieren kann.
Die meisten Änderungen aber erfolgten "unter der Motorhaube" - etwa die Ausweitung des 64-Bit-Codes auf fast alle Systemprogramme, wichtig, um Arbeitsspeicher jenseits der 4-Gigabyte-Schwelle nutzen zu können oder mehrere Prozessorkerne auszunutzen. Von Apple wird diese 64-Bit-Erweiterung als "Grand Central Dispatch" bezeichnet. Trotz der geplanten Erweiterungen belegt Mac OS X 10.6 mit etwa sechs Gigabyte nur noch halb so viel Platz auf der Festplatte wie sein Vorgänger.
Windows 7 soll weniger nerven
Die neue Windows-Ära beginnt am 22. Oktober. Nachdem Windows Vista seit seiner Einführung vor knapp drei Jahren unter Image-Problemen zu leiden hatte, kann Windows 7 mit einer besseren Aufnahme rechnen. Was Vista zu gründlich machen wollte, wird jetzt wieder zurückgenommen. So werden die von vielen Nutzern als nervig empfundenen Sicherheitsabfragen deutlich reduziert. Wieder gestrichen wird auch die Sidebar, die dort platzierten Mini-Anwendungen (sogenannte Gadgets) können nun auf dem Desktop abgelegt werden.
Dessen Ränder bekommen eine zusätzliche Intelligenz: Schiebt man ein Fenster mit der Maus an einen Seitenrand nimmt es genau die Hälfte des jeweiligen Desktops ein, beim Bewegen an den oberen Rand wird es auf die volle Größe maximiert. Dazugelernt hat auch die Taskleiste am unteren Bildschirmrand. Sprunglisten zeigen zu einem Programmsymbol die zuletzt mit dieser Anwendung geöffneten Dateien an. Sind in einem Programm mehrere Fenster geöffnet, werden die entsprechenden Symbole übereinandergelegt.
Mehrere Computer mit Windows 7 können zu einer HomeGroup zusammengeschlossen werden. Das vereinfacht die Einrichtung eines Heimnetzwerks erheblich. In Familien oder WGs lassen sich so Musiktitel, Fotos oder Videos problemlos auf einem anderen Computer im Netz nutzen. Über MediaSharing kann Musik auf einem Computer zentral gespeichert und in verschiedenen Räumen gehört werden.
Grafikchips werden gezielter genutzt als bisher
Sowohl Windows 7 als auch Snow Leopard werden damit beworben, dass sie die Bedienung des Computers deutlich beschleunigen. Zum neuen Mac OS X gibt es noch keine Tests - Apple verspricht spürbar mehr Tempo bei Aufgaben wie der Aktualisierung von Symbolen im Finder, beim Backup oder beim Ausschalten des Rechners. Zu Windows 7 hat die Fachzeitschrift "c't" zwar keine durchgängige Beschleunigung gegenüber Vista oder XP messen können, aber dennoch einen flüssigeren Betrieb festgestellt.
Dies liegt auch daran, dass Windows 7 für einige Systemprozesse nur noch den Speicher der Grafikkarte nutzt und nicht mehr den Hauptspeicher. Auch das Mac OS X zapft verstärkt die in den vergangenen Jahren massiv verbesserte Leistung des Grafikchips an. In die gleiche Richtung gehen auch die Entwickler von Anwendungsprogrammen wie etwa Adobe mit seinem Photoshop.
Anderes System in der virtuellen Maschine zu Gast
Im Gegensatz zu den kommerziellen Systeme, die nur alle paar Jahre aktualisiert werden, geht die Entwicklung von Linux kontinuierlicher voran. Das betrifft sowohl die Systembasis, den sogenannten Kernel - aktuell ist die Version 2.6.30 - als auch die vielfältigen Distributionen mit ihren jeweiligen Besonderheiten. Beim meistgenutzten Desktop-Aufsatz KDE wurde Anfang August die Version 4.3 fertiggestellt. Zu ihren Neuerungen gehört die Möglichkeit, auf mehreren virtuellen Desktops unterschiedliche Mini-Anwendungen (Widgets) zu platzieren.
Dank der immer ausgereifteren Software für "virtuelle Maschinen" lassen sich auf einem Computer auch mehrere Betriebssysteme installieren. Viele Mac-Nutzer haben so auch eine Windows-Umgebung zur Verfügung - meist für ein ganz bestimmtes Programm, dass es nur für die Microsoft-Plattform gibt. Windows kann man mit Hilfe der Apple-Software BootCamp auch auf einer eigenen Partition der Mac-Festplatte installieren - der fliegende Wechsel ohne Neustart ist so aber nicht möglich. Auf einem Windows-PC lässt sich Linux problemlos als Gastsystem einrichten. Einen Besuch des Mac-Systems auf Standard-PC unterbindet Apple aber bislang, indem das Mac-Betriebssystem fest an die Apple-Hardware angekettet wird.
Bei den Preisen ist Linux unschlagbar - das Open-Source-System ist kostenlos. Auf dem Mac ist das Upgrade auf Snow Leopard mit 29 Euro deutlich billiger als die bisherigen Systemwechsel. Das auf einem Unix-Kern aufgebaute Mac OS X 10.6 kann aber nur noch auf Macs mit Intel-Prozessoren installiert werden. Für Windows sind noch keine Upgrade-Preise bekannt; die Preise der Vollversionen reichen von 120 Euro für die Variante Home Premium bis 300 Euro für die umfassende Ultimate-Edition.
Peter Zschunke/AP
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