Von Frank Patalong
Laut Zollstock ist meine Hand 12 Zentimeter breit und 22 Zentimeter lang (siehe oben). Wie die meisten von uns habe ich zwei davon, was ja auch zu begrüßen ist - sofern sie sich über der Tastatur eines Netbooks drängen, um schnell einen Text hinein zu hacken: Dann wird es ziemlich eng. Mit 20 Millimetern ist der Durchmesser des Ringfingers meiner linken Hand circa 2,5 Millimeter größer als die Standard-Netbook-Taste. Ich bin dabei zwar nicht klein gewachsen, aber auch nicht gerade der Hulk: Es gibt schon einen Grund dafür, warum die ersten Netbooks als ideale Mobilrechner für Frauen und Schüler beworben wurden.
Denn die kleinen Geschwister der Notebooks sind in Plastik gegossene Kompromisse. Klein und leicht versprechen sie wahre Mobilität. Zugleich sorgt ihre eher karge Technik dafür, dass man bei aller Begeisterung stets den Punkt erreicht, an dem Frust aufkommt.
Wie sagt man da in IT-Kreisen? "It's not a bug, it's a feature" - was als Fehler erscheint, ist Teil des Konzeptes. Denn die Industrie wollte mit den Netbooks eine neue Marktnische eröffnen, ohne etablierte und gewinnträchtigere Märkte zu kannibalisieren. Soweit die Theorie.
Der Status Quo: Einheitsbrei
Denn in der Praxis funktioniert das schon länger nicht mehr. Netbooks verkaufen sich zwar wie warme Semmeln, haben den Notebook-Markt aber auch unter gehörigen Preisdruck gesetzt. Inzwischen konkurrieren im Segment zwischen 300 und 400 Euro durchaus brauchbare 15-Zoll-Modelle mit den Kleinstrechnern. Von denen gibt es zudem eine inzwischen unüberschaubare Fülle. Allein Asus, Erfinder des Mini-Notebook-Konzeptes, bietet inzwischen acht Produktlinien im aktuellen EeePC-Portfolio, im Handel finden sich Restbestände weiterer Modelle. Jedes Modell gibt es dann noch in verschiedenen Ausstattungsvarianten - das allerdings in Grenzen.
Denn letztlich heben sich Netbooks fast nur über ihr Design, die Güte ihrer Tastatur und die Akkulaufzeiten voneinander ab. Als echter Marktvorteil gilt, wenn ein Gerät 200 Gramm weniger auf die Waage bringt - in einem Marktsegment, indem sich alles zwischen 950 und 1400 Gramm abspielt, ist das wenig relevant. Obwohl die Rechner darüber hinaus eigentlich technischen Einheitsbrei bieten (Standard sind 10-Zoll-Display, 1,6 GHz Atom-CPU, 160 GB Festplatte, 1 GB Speicher, Intel-Grafik) stürzen sich die Kunden regelrecht darauf: Innerhalb eines Jahres eroberten Netbooks rund 20 Prozent des Notebook-Marktes. Eine weitere Steigerung wünschen sich wahrscheinlich noch nicht einmal die Hersteller - wohl aber ein stärkeres Gewicht innerhalb des Marktsegmentes. Im Klartext: Jetzt geht der Konkurrenzkampf erst richtig los.
Neue Herausforderer
Denn es drängen nicht nur neue Anbieter auf den Markt, die - wie etwa Nokia - mit Netbooks etwas zu gewinnen, aber keine Laptop-Verkäufe zu verlieren haben. Es ist auch zu erwarten, dass völlig neue Konfigurationen auftauchen. Der Netbook-Markt droht oder verspricht - das ist eine Frage der Perspektive - zum Einfallstor für neue technische Konzepte zu werden, die alte Marktdominanzen regelrecht zerbrechen könnten.
Denn bisher sah es auf dem PC- und Laptop-Markt ungefähr so aus: Die Hersteller konkurrieren miteinander über Ausstattung und Design. Doch egal, ob es um Ferraris oder Tatas geht, drinnen werkeln stets die gleichen "Motoren". Zur Wahl stehen als erwähnenswerte Marktkontrahenten Intel-Chips (preislich und leistungsmäßig entspricht das einem 3er-BMW bis Ferrari Testarossa), AMD-CPUs (das Marktsegment VW Golf bis Audi TT) und VIA-Prozessoren (Tata Indica, Darcia, Lada bis VW Jetta).
Bei den Netbooks legte Intel mit dem Atom-Chip eine Art Drei-Liter-Technik vor: Die Dinger sind zwar nicht sonderlich leistungsstark, dafür aber verbrauchen sie auch sehr wenig. Eine Art VW Lupo unter den Intel-Chips. Die Konkurrenz hatte dem wenig entgegenzusetzen - aber das ändert sich jetzt.
Ion: Das Netbook lernt Grafik
Und zwar kräftig. Erster Vorbote einer neuen Mobilrechner-Architektur ist das Ion-Konzept: Erstmals wird hier ein Grafikchip als integraler Bestandteil eines Chipsatzes zur Leistungssteigerung eines Gesamtsystems eingesetzt. Der Witz daran: Unter dem Strich ist Nvidias Grafikchip in dieser Kombination mit Stromspar-CPUs wichtiger als der eigentliche Rechenknecht. Erst Nvidias Ion-Chips sollen Intels Atom Flügel verleihen - und ihn fit machen für HD-Videos und Mainstream-Spiele. Schon auf der Ifa wird man wohl eine Reihe von Modellen zu sehen bekommen.
Damit aber bröckelt auch die von Intel und Microsoft fest eingebaute Leistungsgrenze für Netbooks: Weil der Atom-Chip nicht fix genug war, Microsofts Vista zu verarbeiten, bot der Softwareriese XP-Lizenzen für Netbooks an, koppelte diese aber an Auflagen bezüglich der Leistung und Ausstattung. Hier liegt der Grund für den bisherigen Ausstattungs-Einheitsbrei.
Chipsätze aber, die preisgünstig und stromsparend deutlich mehr Leistung möglich machen, sind auf Windows XP nicht mehr angewiesen. Für die Verbraucher ist das ganz prächtig, denn mit einem Mal wird vieles denkbar, was bisher tabu war.
Ausweitung des Marktsegments
Beispiel AMD: Die kommende Neo-CPU-Plattform schickt sich zwar nicht an, wirklich mit den Netbooks zu konkurrieren. Sie schafft aber neue Übergänge ins nächsthöhere Produktsegment. Die - oft ziemlich teuren - Subnotebooks dürften unter gehörigen Preisdruck geraten. Ein Vorgeschmack ist da der im Frühjahr vorgestellte HP Pavilion dv2, der noch auf AMDs Yukon-Mobilchips beruht. Das Ding ist in seiner Grundausstattung ein 12-Zoll-Gerät mit 2 GB Speicher, 320 GB Festplatte, mit 512 MB Grafikkarte, HD-fähig - und ist aktuell schon ab 500 Euro zu haben (offizielle Preisempfehlung: 699 Euro). Manche schicken, aber schwachen Netbooks liegen nur knapp darunter.
Das aber ist erst der Anfang. AMDs Congo-Plattform wird Zweikernprozessoren in den Markt tragen, die energiesparend und preiswert sein sollen. Intel kündigt seit gefühlten Ewigkeiten auch Dualcore-Atoms in Netbooks an, erst jetzt aber tauchen erste Exemplare davon auf: In dieser Woche machte die chinesische Mainboard-Schmiede Weibu mit einem Netbook "N10A" Schlagzeilen, das auf Atom-330-CPUs im Verbund mit Nvidias Ion-Chips setzt und zunächst nur in Japan in den Handel kommt. In Europa wird man das Ding wohl kaum unter diesem Namen zu sehen bekommen, denn hier tauchen Weibu-Produkte "gebrandet" auf - unter anderen Markennamen.
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