Bei Makro-Aufnahmen aus kurzer Distanz machen Fotografen unliebsame Bekanntschaft mit den Gesetzen der Optik: Will man eine Orchideenblüte oder eine Libelle fotografieren, beschränkt sich der Bereich der Schärfentiefe oft auf wenige Millimeter. Abhilfe soll eine intelligente Software aus der Ukraine schaffen: Helicon Focus. Das Programm legt mehrere Aufnahmen mit unterschiedlicher Schärfe übereinander, konstruiert daraus ein Foto mit optimaler Schärfe.
Seit sechs Jahren basteln die Entwickler von HeliconSoft an den Algorithmen ihres Programms. Inzwischen ist die Version 4.2.1 erreicht, und es gibt die Anwendung nun auch in einer Version für Macs.
Der Weg zum rundum scharfen Bild beginnt auch bei Helicon Focus mit der Aufnahme. Um mehrere Fotos mit identischem Bildausschnitt erstellen zu können, wird die Kamera aufs Stativ geklemmt. Bei manueller Fokussierung wird zunächst der vorderste Punkt ins Visier genommen, er soll auf dem ersten Bild scharf erscheinen. Dann wird die erste Aufnahme ausgelöst. Anschließend muss der Einstellring für die Scharfeinstellung ein winziges Stück nach rechts gedreht und ein zweites Mal ausgelöst werden. Dies wird so lange wiederholt, bis beim letzten Foto der Fokus auf dem hintersten Punkt des Bildbereichs liegt.
Jetzt darf die Software ran. Die übersichtlich gestaltete, deutschsprachige Oberfläche von Helicon Focus enthält oben links den Schaltknopf "Bilder hinzufügen". Zunächst werden alle Bilder der Aufnahmereihe ausgewählt, die dann am rechten Bildschirmrand in der Spalte der "Quellbilder" erscheinen. Darüber befindet sich ein Button mit der Bezeichnung "Rendern". Der Mausklick darauf setzt die Rechenoperation in Gang.
Von vorn bis hinten scharf
Schon die Standardeinstellung führt zu einem überzeugenden Ergebnis. Ein bis zwei Minuten lang werkelt die Software vor sich hin, holt sich ein Bild nach dem anderen und ermittelt, welche Fotos in welchen Bildbereichen die größte Schärfe aufweisen. Diese werden dann ausgesucht und miteinander verschmolzen. Das Ergebnis ist ein fast unwirklich scheinendes Foto, das von vorn bis hinten scharf ist.
Mit dem Software-Zoom können die Bildbereiche vergrößert und detailliert auf ihre Schärfe überprüft werden. Sollte die Software bei bestimmten Bildbereichen die falsche Entscheidung getroffen haben, kann man auch manuell das richtige Einzelfoto mit der idealen Schärfe für diesen Bereich auswählen und mit einem Software-Pinsel in das Zielfoto kopieren. Oder man wiederholt den Prozess mit anderen Einstellungen.
Im Test gab es die besten Resultate mit der "Methode B", einem Erkennungsradius von 4 Punkten und einer Glättung mit dem Wert 2. Methode B ermittelt die jeweils schärfsten Bildpunkte und wählt diese dann für das zusammengesetzte Foto aus. Alternativ untersucht Methode A jedes Pixel nach seinen Kontrastwerten zu den benachbarten Pixeln.
Damit ergeben sich einige Möglichkeiten, um mit verschiedenen Einstellungen zum optimalen Ergebnis zu gelangen. Die einzelnen Ausgabebilder werden in einer Liste ausgezeigt, so dass man das Foto mit der besten Wirkung schnell gefunden hat.
Volle Lichtstärke für Abbildungsqualität
Neben der Makrofotografie und der Mikrofotografie mit dem Mikroskop bietet Helicon Focus seine Dienste auch bei Landschaftsaufnahmen an, wenn sowohl der Horizont als auch ein Detail im Vordergrund gleichmäßig scharf sichtbar sein sollen. Die Software macht es möglich, bei der Aufnahme eine offene Blende zu wählen und so die Lichtstärke des Objektivs voll für die Abbildungsqualität auszunutzen. Ohne Software-Tricks führt der Weg zur größtmöglichen Schärfentiefe gewöhnlich über das Abblenden, was längere Belichtungszeiten erzwingt und zu Verwacklungsunschärfen etwa durch Wind führen kann.
Helicon Focus speichert seine Ergebnisse in zehn unterschiedlichen Formaten, darunter jpg, psd (Photoshop) und pdf. Als kleines Extra lassen sich auch die einzelnen Fotos mit ihren unterschiedlichen Bildschärfen als Web-Animation speichern - dabei wird die Tiefe eines Fotos im Zeitablauf erfahrbar.
Weil Schärfentiefe auch ein 3D-Thema ist, haben die Entwickler die Möglichkeit eingebaut, das gerenderte Ausgabebild in einer 3D-Darstellung auszugeben. Dafür gibt es einen speziellen 3D-Viewer, in dem die berechneten Objekte nach allen Seiten gedreht werden können.
Helicon Focus gibt es sowohl für Windows (ab Windows 2000) als auch für den Mac (ab Mac OS X 10.4). Benötigt werden fünf Gigabyte Speicherplatz auf der Festplatte und ein Gigabyte Arbeitsspeicher. Die Version Helicon Focus Pro kann zum Preis von 149,95 Euro beim Helicon-Vertriebspartner Globell heruntergeladen werden.
Peter Zschunke/AP
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