Von Florian Gathmann und Matthias Kremp
Berlin/Hamburg - Früher funktionierte geheime Kanzler-Kommunikation ungefähr so: "Ecki, halt mal an", sagte Helmut Kohl zu seinem Fahrer Eckhard Seeber, wenn es dringend und eine Telefonzelle in Sicht war. "Und bitte mal 20 Pfennig." Dann stieg der Kanzler aus seiner schweren Limousine und führte ein Gespräch in einem dieser gelben Häuschen, umringt von den Sicherheitsleuten des BKA. So glaubte sich der CDU-Politiker sicher - während er sein Autotelefon von fremden Diensten abgehört wähnte.
Spätestens mit Angela Merkel ist das Handy als wichtigstes Kommunikationsinstrument im Kanzleramt angekommen. "Sie will immer persönlich erreichbar sein", heißt es - und kommuniziert ständig via Mobiltelefon, am liebsten per SMS. Das Problem angesichts Merkels Kommunikationsverhaltens: die Sicherheit. Es gilt als offenes Geheimnis, dass gerade in Berlin jedes Handy von Geheimdiensten abgehört werden kann. Gespräche der Regierungschefin, ihre SMS oder E-Mails müssen deshalb verschlüsselt werden. Das erreicht man durch einen sogenannten Krypto-Chip. Und weil Merkel künftig noch verschlüsselter kommunizieren soll, bekommt sie in diesen Tagen die neueste Krypto-Generation auf ihr Handy.
5250 Krypto-Chips wurden vom Innenministerium bestellt
Die Kanzlerin ist damit nicht alleine: Um Minister, Regierungsbeamte und andere politische Geheimnisträger ebenfalls besser gegen Mithörer zu schützen, hat das Innenministerium 5250 "Rahmenverträge für Verschlüsselungsprodukte" bestellt. Bei zwei verschiedenen Firmen, wie eine Sprecherin SPIEGEL ONLINE sagte. Es gehe um einen "neuen Innovationszyklus". Das Geld dafür stammt aus dem noch von der Großen Koalition verabschiedeten Konjunkturpaket, man geht von einer zweistelligen Millionensumme aus.
Sicherheit per Chip
Merkels künftiges Handy ist zunächst einmal ein ganz normales Nokia-Mobiltelefon aus der E-Serie, einer Baureihe, die sich vor allem an Business-User wendet. Die Verschlüsselungstechnik liefert das Düsseldorfer Unternehmen Secusmart. Dabei werden dem Mobiltelefon die Sicherheitsfunktionen über eine microSD-Karte eingeimpft, die in den Speicherkarten-Steckplatz des Handys gesteckt wird. Anschließend wird automatisch die Verschlüsselungssoftware auf dem Handy installiert.
Allerdings kann die Kanzlerin, um mit Ehemann Joachim Sauer den Wochenend-Einkauf abzusprechen, auch weiterhin unverschlüsselt telefonieren. Will Merkel abhörsicher sprechen, tut sie das nicht über die normale Telefonfunktion des Handys, sondern muss eine spezielle Software benutzen. Die erledigt unter anderem den Austausch der Kodierschlüssel mit dem angerufenen Mobiltelefon. Deshalb funktioniert die Verschlüsselung nur, wenn die Kanzlerin mit jemandem spricht, der ebenfalls ein solches Handy benutzt.
Wie funktioniert das?
Die Sprachübertragung erfolgt digitalisiert als Datenstrom über den sogenannten GSM-CSD-Kanal der Mobilfunknetze. Der ist zumindest global in allen GSM-Netzen vorhanden - Angst, im Ausland plötzlich ohne Verschlüsselung dazustehen, muss im Kanzleramt also niemand haben. Nur die Rechnung für das Daten-Roaming wird höher als gewohnt ausfallen, schließlich wird jedes Telefonat wie eine Surftour durchs Web abgerechnet.
Auch Täuschungen wie bei dem Anruf eines Radiomoderators, der sich im September 2008 gegenüber Andrea Ypsilanti als Franz Müntefering ausgab, sind ausgeschlossen: Der Krypto-Chip sorgt für glasklare Identität des Gesprächspartners, denn auf den Chips sind sogenannte Zertifikate gespeichert, quasi digitale Ausweiskarten. So kann man auch bei einem unbekannten Anrufer sofort sehen, ob der wirklich aus dem Innen- oder Außenministerium anruft - oder vielleicht dem Willy-Brandt-Haus.
Einziger Wermutstropfen für die Kanzlerin: Ihre geliebten SMS werden vorerst nicht zusätzlich verschlüsselt. Erst zur Cebit im März will der Hersteller ihrer Krypto-Karte SMS- und E-Mail-Verschlüsselung per Update nachliefern. Allerdings erscheint folgende Überlegung nicht grundlos: Merkel selbst werde dafür auf der Messe den Startschuss geben, hofft die Firma.
Denn wie sehr sich Merkel schon selbst als SMS-Kanzlerin fühlt, zeigt folgende Episode: Bei einer Koalitionsrunde zum Thema Gesundheitspolitik, so erinnert sich ein Teilnehmer, war zwischen Roten und Schwarzen noch keine Ergebnis gefunden, da lief bereits eine entsprechende Agentur-Meldung, offenbar über einen CDU-nahen Journalisten. Der damalige SPD-Fraktionschef Peter Struck bollerte los: "Wer was das?".
Worauf Angela Merkel sofort entschuldigend beide Hände hob und sagte: "Ich nicht."
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