Von Matthias Kremp
Einen Frühstart in Sachen Chrome OS hat der Computerbauer Dell hingelegt. Dessen Mitarbeiter Doug Anson und einige seiner Kollegen haben sich die Zeit genommen, das Google-System an das Dell-Netbook Mini 10v anzupassen. Angeregt wurden sie zu der Aktion vom Tech-Blog engadget, wo man es bereits zuvor geschafft hatte, die Software auf einem Dell-Notebook zu installieren. Noch zeigt das Projekt aber nur, dass so etwas prinzipiell geht: Obwohl sekundenschnell von einem USB-Stick gestartet, muss man fünf bis zehn Minuten warten, bevor man damit tatsächlich loslegen kann - die Treiber fürs drahtlose Netzwerk haben offenbar noch Macken.
Trotzdem: Dell stellt die Software schon jetzt als kostenlosen Download bereit. Um damit etwas anfangen zu können, braucht man allerdings drei Dinge: Ein Dell Mini 10v, einen 8-GB-USB-Stick und vor allem Geduld. Am Montagmittag stellte uns Dells Download-Server noch eine Wartezeit von drei Tagen zur Beendigung des Downloads in Aussicht.
Gut dass es auch einfachere Möglichkeiten gibt, Chrome OS schon jetzt - und ganz ohne Dell-Notebook - auszuprobieren. Verschiedene Websites stellen nämlich sogenannte virtuelle Festplatten mit vorinstalliertem Chromium OS bereit. So heißt die Variante von Chrome OS, die auf dem von Google veröffentlichten Chrome-OS-Quellcode basiert. Unter anderem bei gdgt kann man sich ein solches Chromium OS herunterladen, das sich mit Programmen wie dem kostenlosen Vmware Player, Vmware Fusion oder Virtual Box auf nahezu jedem aktuellen Computer ausprobieren lässt, ohne dass man es dafür auf dem Rechner installieren müsste: in einer virtuellen Maschine nämlich, die per Software einen Computer im Computer nachbildet.
Wir haben uns dafür entschieden, hierfür das kostenlose Virtual Box von Sun zu verwenden. Und tatsächlich: Die Installation ist einfach und schnell erledigt. In Virtual Box muss man nur eine neue virtuelle Maschine anlegen, der man vorgibt, sie solle das soeben heruntergeladene Chrome-OS-Festplattenabbild (mit der Endung vdmk) als Festplatte nutzen. Wichtig dabei: In den Netzwerkeinstellungen von Virtual Box muss von "NAT" auf "Netzwerkbrücke" umgeschaltet werden.
Sekunden später grüßt der Chrome-OS-Startbildschirm mit der Aufforderung, Nutzernamen und Passwort einzugeben. Hier tippt man seinen Google-Nutzernamen samt Passwort ein - ohne diese Verbindung zur Suchmaschine läuft bei Chrome OS gar nichts. Wer also Bedenken hat, sich bei Google anzumelden, kann an dieser Stelle aufhören zu lesen, muss sich auch künftig keine Gedanken mehr über Chrome OS machen.
Der Browser ist das Betriebssystem
Wer erwartet hat, jetzt ein schickes neues Betriebssystem à la Linux, Mac OS X oder Windows zu sehen, wird enttäuscht sein. Chrom OS sieht aus, als hätte jemand das Fenster von Googles Chrome-Browser bildschirmfüllend geöffnet und dabei den Knopf zum Schließen des Fensters entfernt. Wer den Browser Chrome kennt, kommt mit Chrome OS sofort klar. Verschiedene parallel zueinander laufende Anwendungen werden in Reitern (Tabs) nebeneinander aufgereiht.
Dass hier tatsächlich ein Betriebssystem am Werk ist, erkennt man erst, wenn man auf das Chrome-Logo links oben klickt. Dahinter nämlich verstecken sich die vorinstallierten Chrome-Programme, wobei der Begriff Programme eigentlich in die Irre führt. Tatsächlich handelt es sich einfach um eine hübsch präsentierte Sammlung von Links, die auf verschiedene Web-Apps verweisen.
Offline geht (fast) gar nichts
Aber das war zu erwarten: Chrome OS ist ein Betriebssystem für vernetzte Computer, funktioniert ohne Netzzugang nur rudimentär. Möglich, dass sich das im Laufe der weiteren Entwicklung noch ändert, wenn Technologien wie etwa Google Gears die Nutzung von Online-Applikationen auch offline ermöglichen. Vorerst geht das jedoch nicht.
Von Google sind in der App-Sammlung derzeit vornehmlich typische Google-Online-Anwendungen wie Google Mail, Docs, Reader und Kalender voreingestellt. Außerdem können Seiten wie Picasa, YouTube und Twitter direkt erreicht werden. Und auch die Konkurrenz haben die Suchmaschinisten nicht vergessen. Wer seine Mail lieber über Hotmail oder Yahoo erledigt, findet auch dafür vordefinierte Links. Die verweisen allerdings allesamt auf US-Web-Seiten. Ein Verweis auf eine künftige Erweiterbarkeit dieser Linksammlung ("Get more…") ist zwar bereits vorhanden, aber noch ohne Funktion.
Ein wenig wackelig
Sonderlich stabil läuft das virtuelle Chrome OS allerdings nicht. Bei unseren Tests erstarrte die Software regelmäßig, sobald sie einige Minuten nicht verwendet wurde. Der Mauszeiger war zwar noch steuerbar, Aktionen ließen sich damit aber nicht mehr anstoßen, jeder Klick lief ins Leere. Nachvollziehbar allergisch reagierte das virtuelle System auch auf Versuche, die W-Lan-Funktion zu aktivieren. Ein Klick auf die Schaltfläche "Turn Wifi on" brachte entweder gar keine Reaktion zustande oder das System zum Stillstand. Schlimm war diese Malaise freilich nicht, da die virtuelle Maschine dem Chrome OS trotz W-Lan-Anbindung des Wirtsrechners eine verkabelte Ethernet-Verbindung vorgaukelte.
Dass man Chrome OS jetzt schon ausprobieren kann, ist vor allem dem Umstand zu verdanken, dass Google den Chrome-OS-Quellcode jedermann für eigene Modifikationen freigegeben hat. Da das System zudem auf etablierten Linux-Standards aufgebaut ist, ist es für geschickte Programmierer kein Problem, die Software in lauffähigen Versionen zu verteilen. Diese Adaptionen zeigen allerdings auch ganz klar, dass man sich von Google kein gewöhnliches Betriebssystem erwarten sollte. Die Software ist komplett vom Netz abhängig, lebt davon, Online-Anwendungen bereitzustellen. Offline bleibt vom Chrome-OS-Glanz nur ein matter Widerschein - zumindest vorläufig.
Online aber macht das Herumspielen mit der Google-Software Spaß, zeigt, in welche Richtung Googles Programmierer denken: Chrome OS soll einfach werden, sich auf die absolut notwendigen Grundlagen konzentrieren, dem Anwender die Computertechnik möglichst vom Leibe halten. Wenn Google dieses Prinzip bis zur Markteinführung von Chrome OS durchhält, womöglich noch verbessert, wird die Software ein feines Betriebssystem für alle, die noch nie etwas mit Computern zu tun hatten oder haben wollten. Mehrheitsfähig aber wird Chrome OS wohl bis auf weiteres nicht werden.
Auf anderen Social Networks posten:
wahrscheinl. keiner braucht es - und man darf bei derlei grossfirmen davon ausgehen, dass selbst die kostenlosen angebote natuerlich dem 'profit' dienen mehr...
Hi all, ...naja, Sinn macht es schon, bei den etlichen Millionen EUR an System Administration, wieder zurueck zu den Anfaengen zu gehen - ein zentral verwalteter Arbeitsplatz, dann in der "Wolke", mit z.B. Chrome, bei [...] mehr...
Wer braucht den bitte sowas. Zum rumspielen und sinnlosem Zeitvertreib mag es geeignet sein. Aber sobald wirklich was zum arbeiten ansteht, ist es wohl nutzlos. Anspruchsvolle Arbeiten, z.B. Grafikbearbeitung dürften wohl auf [...] mehr...
:13dd Sorry, dieser Definition kann ich nicht folgen. Damit hätte Microsoft sich ja stets gut herausreden können, denn dann wäre alles Betriebssystem und jegliche Komponente, die "einem bestimmten Zweck" dient, wäre [...] mehr...
Betrieb im Sinne von etwas betreiben/machen System = Summe mehrerer Komponenten, die eine Einheit darstellen Betriebssystem = Summe von Softwarekomponenten, die für den Betrieb eines Computers zu einem bestimmten Zweck [...] mehr...
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