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10.03.2010
 

Ausgezeichnet

Konstrukteur des Ur-PC bekommt Turing-Preis

Xerox Alto: Der Urvater aller PC
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Charles P. Thacker ist eine Legende: Der noch immer tätige Ingenieur war in den Siebzigern maßgeblich an der Erfindung des ersten PC mit Grafikschnittstelle beteiligt. Jetzt bekommt er den Turing-Preis, eine Art Nobelpreis für Informatiker - ungewöhnlich für einen Schrauber.

Er selbst, sagt Charles P. Thacker (67), habe nie damit gerechnet, jemals die höchste Auszeichnung zu bekommen, von der jemand im IT-Business träumen kann: Der Turing-Preis ist für Informatiker das, was für Mediziner, Literaten oder Physiker der Nobelpreis, was für Mathematiker die Fields-Medaille ist. Jetzt hat er ihn, ist 250.000 Dollar reicher, vor allem aber ist er aufgenommen ins Pantheon der Personen, die die Entwicklung der Informatik maßgeblich geprägt haben. Dass er damit nicht gerechnet hat, darf man ihm glauben, denn gemeinhin landen dort eher Theoretiker oder Software-Entwickler: Noch nie ist jemand mit dem Turing-Preis ausgezeichnet worden, der so sehr wie Thacker vor allem Schrauber ist.

Seine Karriere begann er Anfang der Siebziger, wurde 1971 zu einem der Mitbegründer der PARC getauften Palo Alto Entwicklungslabors des US-Büromaschinenherstellers Xerox. Legendär wurden diese Werkstätten deshalb, weil der Kopierer-Entwickler seinen Ingenieuren ungewöhnlich viele Freiheiten ließ: Die Schrauber und Programmierer konnten sich bei Xerox PARC richtig austoben, weil es dort eben nicht um konkrete Entwicklungsprojekte ging, sondern um die Exploration neuer Möglichkeiten. Denn Xerox fürchtete damals um das eigene Geschäft, da es seine Patente für die den Kopierern zugrunde liegende Elektrofotografie verlor.

Um weiter ganz vorne mitzumischen, entschieden die Lenker des Konzerns, mussten neue Technologien erfunden werden. Traumbedingungen für die Xerox-Entwickler also, und sie lieferten, was sich ihr Arbeitgeber wünschte: Sie erfanden den ersten Laserdrucker, entwickelten Computerspiele und Videobearbeitungssoftware, neue Programmiersprachen, das Grundkonzept des Laptops, vor allem aber den Alto - wenn man so will den Ur-PC.

Xerox entwickelte, was später andere zu Geld machten

Der war Thackers folgenreichstes Projekt: Von 1972 bis 1973 schraubte und programmierte er mit seinen Kollegen Butler Lampson, Dave Boggs, Bob Sproull und Ed McCreight an einem für seine Zeit kleinen Workstation-Rechner, der als erster überhaupt das Prinzip der grafischen Benutzeroberfläche nutzte. Bedient wurde das Gerät über die von Xerox zu diesem Zweck weiterentwickelte Computermaus: Zum ersten Mal kam hier die im Prinzip bis heute unveränderte, auf einer Kugel basierende Drei-Tasten-Maus zum Einsatz. Die wesentliche Programmsteuerung lief über Bildschirmsymbole (Icons), auf die man klickte - heute ist das selbstverständlich, damals war es revolutionär.

Denn es machte Computer auch für Laien nutzbar. Jahre später erkannte das bei einem Besuch der PARC-Labore der Apple-Mitbegründer Steve Jobs, der Konstruktion wie grafisches Interface (GUI) der ersten Macs dem Xerox Alto entlehnte und damit mehr Erfolg hatte als Xerox selbst. Denn Thacker führte die Entwicklung des experimentellen Alto fort, die 1981 in die Veröffentlichung der ersten kommerziellen PC-Workstation aus dem PARC-Labor mündete, dem Xerox Star. Fast ein Jahrzehnt nach Entwicklung der grundlegenden Techniken aber kam der zu spät, um noch zu einem Megaseller zu werden.

Denn zu diesem Zeitpunkt ernteten bereits andere die Früchte der Xerox-Erkenntnis, dass Workstations die bis dahin dominanten Mainframe-Rechner beerben würden - Apple und Altair, Commodore und schließlich auch IBM, zu dieser Zeit der größte Büroelektronikhersteller überhaupt.

Einer der Väter einer technologischen Revolution

IBMs erste PC waren gegenüber Apple und Alto zwar vor allem wegen des vom jungen Start-up Microsoft zugelieferten, weit unkomfortableren DOS-Betriebssystems eigentlich Rückschritte, senkten aber die Einstiegspreise für auch professionell nutzbare PC-Workstations deutlich, nachdem IBM mit der Freigabe der Grundkonstruktionsmerkmale einen Industriestandard setzte. Der Siegeszug der Personal Computer erreichte so den Massenmarkt - in der Rückschau war das alles eine Umwälzung von epochaler Bedeutung.

Die renommierte Association for Computing Machinery ACM, die seit 1966 den nach dem britischen Mathematiker und Kryptoanalytiker Alan Turing benannten Turing Award verleiht, würdigte Charles P. Thacker nun nicht nur als Konstrukteur des Alto, sondern unter anderem auch als Entwickler des Ethernet-Netzwerkes.

Aktiv ist der Entwickler immer noch, leitet eines der Forschungslabore des Software-Konzerns Microsoft. Dort begann er vor 13 Jahren mit der Entwicklung eines E-Book-Readers, der sich allerdings anders entwickeln sollte: Thacker gilt auch als Erfinder des 2001 vorgestellten Tablet-PC-Konzeptes. Neben dem Turing-Preis erhielt er in den letzten Jahren zahlreiche akademische Auszeichnungen, Ehrendoktorwürden sowie die John von Neumann Medal, eine renommierte Computer-Ingenieur-Auszeichnung, für die Entwicklung des Alto.

Nicht schlecht für einen Ingenieur und Physiker, dessen wissenschaftliche Karriere eigentlich schon unter die Räder gekommen war: Nach seinem Bachelor-Abschluss wollte Thacker eigentlich promovieren - eine Notwendigkeit für einen ambitionierten Nachwuchswissenschaftler, der Teilchenbeschleuniger entwickeln wollte. Allein, es fehlte ihm das Geld fürs weitere Studium, und so landete er als Aushilfsschrauber jobbend in einer frühen Computerschmiede.

Thacker wurde zum Quereinsteiger in eine Branche, in der zu dieser Zeit jeder Quereinsteiger war. Er "geriet unter die falschen Leute", scherzte er später einmal, und fing Feuer: Computer wurden zu seinem zentralen professionellen Interesse, akademische Meriten reizten nun nicht mehr. Wenig später begann er bei Xerox PARC und half, eine völlig neue Technologie mitzubegründen, die die Welt von Grund auf verändern sollte. Wie gesagt: Nicht schlecht für einen Schrauber.

pat

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