Von Matthias Kremp
Das hört sich erst einmal gut an: Seit vergangenem Freitag verschenkt die Hamburger Navigon AG die Navigationssoftware " Navigon select Telekom Edition" für das iPhone. Die kostenlose Software basiert auf dem MobileNavigator iPhone, der bislang als Kauf-App für 70 Euro im App Store bereitstand. Doch dieses Geschenk polarisiert. Viele Navigon-Kunden fühlen sich durch die plötzliche Großzügigkeit des Unternehmens düpiert. Ihr Problem: Mit Einführung der select-Version verschwand die sogenannte DACH-Version, die Kartenmaterial von Deutschland, Österreich, der Schweiz und Liechtenstein enthält, aus Apples App Store - und damit jede Hoffnung auf künftige Updates oder Kartenaktualisierungen.
Dabei hatte Hersteller Navigon den Mobilenavigator iPhone gerade noch in einer Osteraktion beworben. Statt regulär 70, kostete die Software vom 31. März bis zum 12. April in der DACH-Variante nur noch 50 Euro. Der Preis der EU-Version wurde zeitgleich von 90 auf 60 Euro reduziert. Was nach Beginn der Aktion auffiel: Während seit Anfang April die Version 1.5 der Europa-Version im App Store verfügbar war, gab es zum selben Zeitpunkt noch kein entsprechendes Update der DACH-Variante auf diese Versionsnummer.
Käufer der preisreduzierten Version machten sich darüber aber kaum Gedanken. Auch wenn das Update ein paar Tage später eintreffen sollte, konnte man ja schon mal die Version 1.4 kaufen, später auf Version 1.5 aktualisieren, mag mancher sich gedacht haben. Ein Trugschluss, wie sich am Freitag herausstellte, als Navigon seine bisherige Einsteigerversion aus dem App Store entfernte und durch die funktionsreduzierte Gratis-App ersetzte.
"Warum verprellt ihr Kunden?"
Die Reaktionen jener, die sich die Software zum Teil noch kurz zuvor gekauft hatten, lassen sich im App Store nachlesen. "Als Navigon-DACH-Benutzer guckt man in die Röhre", schreibt etwa ein Anwender mit dem Pseudonym Buggy. "Warum verprellt ihr Kunden, die gezahlt haben und lasst sie im Regen stehen?", fragt Nutzer mppmpp. Navigon-Anwender Thomas F. fühlt sich gar betrogen und rechnet vor, dass es ihn 30 Euro kosten würde, die Gratis-Version auf das Niveau der zuvor gekauften Software zu bringen.
Doch bei Navigon scheint man sich keiner Schuld bewusst zu sein. Während des Aktionszeitraums hätten sich 94 Prozent der Neukunden für die EU-Variante entschieden, erklärt Navigon-Sprecherin Angela Obermaier gegenüber SPIEGEL ONLINE. Zudem habe man "diese Aktion nicht explizit an die Version 1.5 angeknüpft, sondern 1.5 angekündigt - ohne hier auf die einzelnen Varianten einzugehen. Und für die EU-Version sowie für die anderen Regionen wird das Update 1.5.0 bereits angeboten."
Sechs Zusatzpakete
Bestandskunden, die sich für die DACH-Version des Mobilenavigator entschieden haben, bleibt nun also nur, ihre jetzt veraltete Version 1.4 so lange weiter zu verwenden wie nur möglich - oder die select-Version zu laden und mit Zusatzmodulen auf das Niveau ihrer vorher gekauften Software aufzurüsten. Das wird nicht billig.
Mit Hilfe von sechs Zusatzpaketen lässt sich die App um zusätzliche Funktionen erweitern. Das "Sicherheits- & Relax Paket" etwa rüstet für zehn Euro unter anderem eine Warnung vor Radarfallen und einen verbesserten Fahrspurassistenten nach. Das "Traffic Live Paket" stellt Informationen zur Verkehrslage und Baustellen bereit, kostet 20 Euro. Gekauft werden die Zusatzpakete bequem direkt in der Navi-App, der Hersteller lobt das als Baukastensystem.
Nur für Telekom-Kunden
Kauft man alle Extras hinzu, wird man allerdings stattliche 90 Euro los, so viel wie die EU-Version kostet. Einen Funktionsumfang, der dem der Vollversion entspricht, bekommt man damit trotzdem nicht. So enthält beispielsweise das "Europa 20 Paket" nur die Kartendaten von 20 europäischen Ländern, während die Europa-Version deren 40 beinhaltet.
Wer allerdings so viel Geld in die vermeintlich kostenlose Software steckt, sollte sich darüber im klaren sein, dass Navigon select nur so lange auf seinem iPhone läuft, wie er einen T-Mobile-Vertrag hat. Laut Navigon wird beim Start der App überprüft, "ob ein T-Mobile Deutschland Mobilfunkvertrag zugrunde liegt". Kann der nicht abgefragt werden - und sei es nur, weil keine Verbindung zu einem Mobilfunknetz besteht - startet die Software nicht. Diese Prozedur wird in unregelmäßigen Abständen wiederholt. Sollte man eines Tages sein Bündnis mit der Telekom aufkündigen, das iPhone im Netz eines anderen Anbieters betreiben, wird der Gratis-Navi samt Zusatzsoftware den Betrieb also einstellen.
Sackgasse für Zusatzmodule
Für Neueinsteiger mag das Aufrüsten der kostenlose Software mit Zusatzmodulen auch der richtige Weg sein: Man kann die Grundfunktionen kostenlos nutzen, zahlt nur für Extras drauf, die man auch braucht oder unbedingt haben will. Bestandskunden hingegen stecken in einer Sackgasse, können eventuell schon gekaufte Zusatzmodule in der neuen Select-Version nicht weiter nutzen und müssen für dieselben Funktionen noch einmal zahlen.
Navigon könnte sich aus der Affäre ziehen, wenn die Firma Besitzern der eingestellten DACH-Version gegen Zahlung der Kostendifferenz, also 20 Euro, ein Upgrade auf die EU-Version anbieten würde. So könnten diese weiterhin den gewohnten Funktionsumfang und zugekaufte Module nutzen und hätten zudem Zugriff auf künftige Updates. Doch Navigon weist in einer Frage-Antwortliste, einer FAQ, ausdrücklich darauf hin, dass es keinen solchen Upgrade-Pfad gibt.
"Eine Lösung ist derzeit technisch nicht möglich"
Dass die Bezahlvariante der Software aus dem App Store verschwunden ist, scheint ohnehin nicht Navigon selbst oder zumindest nicht allein anzulasten zu sein. "Die Entscheidung, die iPhone DACH-Variante aus dem Apple App Store zu entfernen, wurde nach intensiven Diskussionen mit unseren Partnern getroffen", schreibt die Firma auf ihrer Facebook-Seite und wälzt damit die Verantwortung auf die Telekom ab.
Doch scheint das letzte Wort hier noch nicht gesprochen zu sein: "Wir steigen noch einmal intensiv in die Diskussion mit den Geschäftspartnern ein, um für unsere bestehenden DACH-Kunden aus Deutschland zeitnah eine Lösung anbieten zu können", sagt Obermaier. Auch ein Upgrade auf die EU-Version scheint nicht ausgeschlossen. "Leider ist so eine Lösung derzeit technisch nicht möglich", so Obermaier. Man setze aber alles daran, "um eine Lösung zu finden."
Viel ist das nicht, aber immerhin ein Hoffnungsschimmer.
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Erbärmlich? Kaum... Zeigt nur, daß sich die Erkenntnis von den Geeks (heise-forum) langsam zu den Lesern des Spiegel verbreitet... mehr...
Ja, und dafür gab es zu Recht ein Abwatschen bei Facebook, Twitter, im AppStore. Es wäre besser gewesen, es wäre nicht notwendig gewesen. Nun, auf Mails hat Navigon schon immer kaum reagiert, das ist ein generelles [...] mehr...
Mein werter Freund der Wichtigtuerei und der Gönnerhaftigkeit, es geht in keiner Weise darum, die geschaffene Lösung zu schmälern, nein,ich finde sie sogar sehr beeindruckend und klasse. Es geht um die Art und Weise (und das [...] mehr...
Meine Güte, kann man nicht mal ein paar Tage die Füße stillhalten? Für 99% der Kunden gab es kein akutes Problem und heute, 13 Tage nach dem GAU, ist eine vernünftige Lösung im Store: DACH wird zu EU10, 's gibt ein paar [...] mehr...
Tja, auch nach einer Woche passiert nichts. Keine Information, keine Lösung, schon gar keine Antworten auf Mails. So geht man mit Kunden um, meinen tiefen Respekt. mehr...
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