Frage: Herr Doctorow, Ihr neues Buch "For The Win" handelt von Goldfarmern - also von Spielern, die für Geld zum Beispiel "World Of Warcraft" spielen. Erinnern Sie sich noch, wann Sie erstmals von dem Phänomen gehört haben?
Cory Doctorow: Das war vor einigen Jahren auf einer Videospielkonferenz. Jemand erzählte mir, dass es in Mexiko, Indien und anderen Ländern Hunderttausende Menschen gibt, die ihren Lebensunterhalt damit verdienen, immer dieselben stupiden Handlungen in Online-Rollenspielen auszuführen, um an virtuelle Reichtümer, begehrte Gegenstände oder hohe Levelwerte zu kommen. Die verkaufen diese "Goldfarmer" dann an Spieler aus wohlhabenden Nationen, die sich die mühevolle Arbeit der Entwicklung ihres Charakters ersparen wollen.
Frage: Wie sah Ihre Recherche aus?
Doctorow: Zunächst habe ich viel Zeit auf dem Sofa und am Telefonhörer verbracht. Ich habe rund zweihundert Bücher über Wirtschaft, Globalisierung und Gaming gelesen und mich mit Experten unterhalten. Danach bin ich nach Indien und China gereist. Ich habe mich auf wenige Orte konzentriert, um nicht den Überblick zu verlieren: auf Pune, eine Freihandelszone in der Nähe von Mumbai, und auf die Städte Guang-zhou und Shenzhen unweit von Hongkong. Dort konnte ich auch mit Goldfarmern sprechen.
Frage: Welcher Fakt hat Sie während dieser Recherche am meisten überrascht?
Doctorow: Ich fand es erstaunlich, dass der größte Zuwachs an Goldfarmern derzeit in Dörfern und ländlichen Gegenden zu verzeichnen ist. Während viele junge Frauen in Indien und China in die Städte gehen, um in den großen Textilfabriken zu arbeiten oder iPods zusammenzuschrauben, bleiben die Männer oft zurück und werden Goldfarmer. Oft genügt irgendein Zimmer mit ein paar Tischen, Stühlen und Rechnern - die Jugendlichen aus dem Dorf kommen dann von selbst. Und deren Arbeit macht die Besitzer der Goldfarmen ungemein reich. Es gibt unzählige solcher Mini-Sweatshops, über die man bei uns nie etwas liest oder hört.
Frage: Wie genau läuft der halb legale Handel mit Spielgegenständen eigentlich ab?
Doctorow: Der graue Markt des Goldfarming weist Parallelen zur Börse auf. Bei den meisten Games spielen nicht alle Spieler in derselben Welt, sondern zum Beispiel auf verschiedenen Servern. Das Problem der Goldfarmer ist: Was sie auf dem einen Server erarbeitet haben, können sie nicht an Kunden auf einem anderen verkaufen. An dieser Stelle kommen Broker ins Spiel. Die meisten von ihnen sitzen in China. Diese kaufen und verkaufen auf möglichst vielen Servern der Spielwelt. Wenn ein Goldfarmer also aus Parallelwelt A etwas an jemanden in Welt B verkaufen will, geht das nur über den Broker: Der kauft die Ingame-Reichtümer aus A und verkauft an Kunden in B. Natürlich nicht, ohne vorher eine Provision abgezweigt zu haben.
Frage: Die Goldfarmer in Ihrem Roman sind mit viel Leidenschaft bei der Arbeit. Mögen die meisten Goldfarmer denn ihren Job?
Doctorow: Ich habe viele getroffen, die wirklich durch und durch Hardcore-Gamer sind und nach ihrem Arbeitstag von zwölf Stunden auch noch ihre Freizeit in dem Spiel verbringen. Man muss aber auch wissen, dass viele dieser Arbeitsverhältnisse nicht von langer Dauer sind. Früher oder später merken die Goldfarmer, dass ihr Boss sie ausnutzt, und sie bereuen ihren Entschluss, überhaupt damit angefangen zu haben. Aber während sie noch dabei sind, fühlt es sich für die meisten so an, als ob sie für ihr Hobby - das Spielen - bezahlt werden.
Frage: Sie beschreiben das Gefühl, online mit anderen zu spielen, und die Verschmelzung von Realität und Virtualität sehr eindringlich. Haben Sie auch in den Spielen recherchiert?
Doctorow: Schon. Ich habe mich in den großen Online-Games umgeschaut und habe Items von Goldfarmern gekauft, die ich im Spiel eingesetzt habe. Aber ehrlich gesagt: Die meisten Dinge, die ich über Videospiele weiß, habe ich von meiner Frau gelernt. Sie hat 1997 in der britischen "Quake"-Nationalmannschaft gespielt. Nachdem wir unsere Tochter zu Bett gebracht haben, verbringen wir den Abend häufig damit, dass meine Frau am Computer sitzt und Zombies abschießt, während ich ihr über die Schulter schaue und neugierige Fragen stelle.
Frage: Haben Sie auch mit Publishern von Online-Rollenspielen über das Thema gesprochen?
Doctorow: Für die sind solche Spiele aus wirtschaftlicher Sicht besonders faszinierend, weil es sich um geschlossene Wirtschaftskreisläufe handelt, die sich wunderbar studieren und direkt manipulieren lassen. Im Vergleich dazu bietet die Weltwirtschaft viel zu viele Unschärfen und Risiken. In einem Online-Rollenspiel kann das Verhalten der Spieler genau beobachtet und wenn nötig in gewünschte Bahnen gelenkt werden. Gerade, weil diese Art von Kontrolle und der lustvollen Hingabe an die Kontrolle durch etwas Höheres fester Bestandteil vieler Spiele ist. Man denke nur an die große Macht, die der Gamemaster über den Verlauf eines Pen-and-Paper-Rollenspieles ausübt - und wie gern wir uns von ihm eine Welt vorschreiben lassen.
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