Von Felix Knoke
Amazon hat erstmals in der Firmengeschichte mehr E-Bücher als gebundene Bücher, sogenannte Hardcover, verkauft. In einer Pressemitteilung, die den Erfolg des E-Buch-Lesegeräts Kindle feiern soll, hieß es am Montag lapidar: "Obwohl unsere Hardcover-Verkäufe steigen, hat das Kindle- nun das Hardcover-Format überholt."
Amazon habe in den letzten drei Monaten pro 100 Hardcover-Bücher 143 Kindle-E-Bücher verkauft. Das Verhältnis verschiebe sich immer weiter zugunsten digitaler Versionen: Im letzten Monat kamen auf 100 gebundene schon 180 digitale Bücher. In der ersten Hälfte 2010 habe Amazon drei Mal mehr E-Bücher verkauft als in der ersten Hälfte 2009. Der Kindle habe sich millionenfach verkauft. Kurz: Das elektronische Lesegerät ist ein Wahnsinnserfolg; Offline-Buchhandel, schnall' dich fest an!
Erstaunlich sind diese Zahlen auch aus einem anderen Grund: Im lange Zeit völlig von Amazon dominierten E-Book-Markt verschiebt sich derzeit einiges. Noch zu Jahresbeginn 2010 hatte der Online-Buchhändler dort Schätzungen zufolge 90 Prozent Marktanteil. Schon Ende Juni verkündete dann aber der Konkurrent Barnes & Noble, der mit dem Nook einen eigenen E-Reader vertreibt, man habe inzwischen 20 Prozent Marktanteil gewonnen. Schon im Februar 2010 hatte ein Analyst der Credit Suisse prognostiziert, Amazon werde noch in diesem Jahr auf 72 Prozent Marktanteil fallen, bis zum Jahr 2015 würden es nur noch 35 Prozent sein - auch das iPad und ähnliche Alternativen zum Kindle dürften in dieser Rechnung eine Rolle gespielt haben. Bislang aber gilt noch: Die meisten E-Books verkauft Amazon. Die Zahlen des Konzerns spiegeln also nicht den Buchmarkt als Ganzes.
Ignoriert: Gebrauchtmarkt, Schnäppchenmärkte, Taschenbücher
Amazons triumphale Verkündung des eigenen E-Book-Erfolgs ist wohl auch eine Art Sich-Selbst-Mutmachen. Die Zahlen, die das Unternehmen nun präsentiert, scheint umso erstaunlicher, weiß man, dass Amazon nur die 630.000 kostenpflichtigen E-Bücher in den Vergleich einbezog. Verglichen mit den vielen Millionen Hardcover-Büchern, die Amazon führt, sind das also eher wenige. Auch die 1,8 Millionen gemeinfreien und damit kostenlos verfügbaren E-Bücher ließ Amazon in der Berechnung außen vor.
Beeindruckende Zahlen - aber muss man deshalb gleich das Ende des gedruckten Buches ausrufen, wie es die "New York Times" in einem Aufsehen erregenden Artikel tat? Einen " Tag für die Geschichtsbücher, wenn es sie in Zukunft überhaupt noch gibt"?
Lieber nicht: Zwar verkaufen sich E-Bücher blendend. Bis sie Papierbücher verdrängen, dürfte aber noch viel Zeit vergehen. So schlagen Taschenbuch- noch immer die E-Buch-Verkäufe. Nicht eingerechnet ist auch der immense Markt für gebrauchte Bücher und Remittenden. Den gibt es zwar für E-Bücher nicht mehr, vergleicht man Buch- und E-Buch-Verkäufe, darf man Antiquariate und Schnäppchenmärkte aber nicht ignorieren. Zumal Amazon selbst mit Marketplace und Z-Shops so einen Gebrauchtmarkt neben dem selbst organisierten Neuverkauf führt.
Auch sollte der Online-Anteil an den Buchverkäufen insgesamt nicht überschätzt werden. Laut GfK wurden im Jahr 2009 in Deutschland nur 21 Prozent der verkauften Neu-Bücher übers Internet verkauft. Das ist auch eine Folge des unterschiedlichen Einkaufverhaltens on- und offline: Bei Amazon und Co werden einzelne Bücher gesucht und gekauft, am Offlinemarkt gibt es vor allem Spontankäufe, etwa das Schnäppchen am Bahnhofskiosk.
Enthusiasmus der Branche noch immer sehr verhalten
Ganz zu schweigen von dem grundsätzlichen Problem, am Anfang eines Produktzyklus von Verkaufszahlen auf dessen Erfolg zu schließen: Vor allem Kindle-Neukäufer dürften sich aus purer Neugier mit einigen E-Büchern eindecken - um erst nach Monaten einen normalen Kindle-Konsum zu erreichen.
Auch ein Vergleich der US-Zahlen mit dem deutschen Markt ist schwierig: Eine im September 2009 veröffentlichte Umfrage unter 318 deutschen Verlagen und Medienunternehmern zeichnete ein Bild der E-Bücher als "Umsatzzwerge mit Wachstumspotential". Fast 80 Prozent der deutschen Verlage machten damals weniger als ein Prozent ihres Umsatzes mit E-Büchern.
Auch international ist die E-Buch-Euphorie unter Buchhändlern noch verhalten: Erst 2018, so glaubte die Hälfte der im Oktober 2009 von der Frankfurter Buchmesse, den Branchenmagazinen "Publishers Weekly" und "Buchreport" befragten internationalen Buchhändler, würden digitale Inhalte wohl mehr Umsatz erwirtschaften als das traditionelle Buchgeschäft.
Dass E-Bücher irgendwann, vor allem in speziellen Nischen, dem traditionellen Buch den Rang ablaufen könnten, steht außer Frage. Wie die "New York Times" das Ende des Buches auszurufen aber ist verfrüht.
Mitarbeit: cis
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Ja genau das glaub ich auch nicht. Man kann natürlich Mutmaßungen darüber anstellen, dass es Bücher bald nur noch Digital zu bekommen werden wird, allerdings (so hoffe ich dich) passiert das wohl nicht in den nächsten Jahren. [...] mehr...
Auch wenn elektronische Dokumente immer weiter in den natürlichen Raum vordringen, werden e-Books -wie wir sie heute kennen- "klassische" Bücher genausowenig verdrängen, wie Fahrräder durch Motorräder ersetzt wurden. mehr...
Der Artikel versucht den Liebhabern des gedruckten Wortes Mut zu machen, dass die Zahlen nicht so schlimm seien, aber mich erinnert die Argumentation an die peak-oil-Debatte bei der Ölförderung. Schon wenn das Fördermaximum [...] mehr...
Das kann ich gut nachvollziehen. Mittlerweile ist der Kindle ein sehr interessantes Gerät. Momentan stört mich nur noch der Zwang, den Kindle DX über die USA bestellen zu müssen. Aber wahrscheinlich werde ich es nächsten Monat [...] mehr...
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