Berlin - Millionen Menschen sahen im vergangenen Jahr in deutschen Kinos den Fantasystreifen "Avatar". Der weltweit bislang erfolgreichste Film begeisterte vor allem durch die aufwendige 3D-Technik. Wie die künftig Einzug halten könnte in unsere Wohnzimmer, zeigt die 50. Internationale Funkausstellung (IFA) vom 3. bis 8. September in Berlin. Prototypen des dreidimensionalen Fernsehens waren schon im Vorjahr präsentiert worden.
"Das wächst sich zum großen Trend aus, auch in der Fotografie und bei Camcordern", sagt Christoph de Leuw von der Zeitschrift "Audio Video Foto Bild". Unter dem Funkturm zeigten gut ein halbes Dutzend ihre 3D-Geräte. So stelle Panasonic etwa mit dem HDC-SDT750 eine Kamera vor, die 3D-Aufnahmen dank einer speziellen Vorsatzlinse machen kann. Das Gerät soll ab September nach Angaben des Herstellers für rund 1400 Euro im Handel zu kaufen sein.
Ganz ohne zusätzliche Linse will dagegen Sony bei den Digitalkameras einen 3D-Effekt erzeugen. Die Cybershot DSC-WX5 sieht aus wie ein ganz normales Gerät und soll laut Sony mittels eines "3D Sweep Panoramas" buchstäblich eine neue Dimension eröffnen. Dabei muss der Fotograf die Kamera nach dem Auslösen horizontal oder vertikal schwenken. In dieser Zeit nimmt die Cybershot bis zu 100 einzelne Fotos auf, aus denen sie dann zwei für ein 3D-Bild benötigte Ansichten zusammenstellt. Sie soll ebenfalls ab September für 330 Euro zu haben sein.
Um all das auch darstellen zu können, brauchen Technikfans 3D-Fernseher, wie sie zuhauf auf der IFA gezeigt werden. Dabei sind die Geräte laut de Leuw mit einem Aufschlag von 200 bis 300 Euro nicht viel teurer als herkömmliche LCD-Geräte. Somit gebe es 40 Zoll-Geräte für 1100 Euro. Dazu kommen die Kosten für die Spezialbrillen von rund 100 Euro pro Stück. "Die Technik ist viel aufwendiger als bei den Pappbrillen von früher und auch den Spezialbrillen aus dem Kino", sagt de Leuw. Die Shutterbrillen verfügten über zwei steuerbare LCD-Gläser. Diese würden abwechselnd geschlossen und zwar so schnell, dass das Auge gar kein Flimmern mehr wahrnehme. Somit ergebe sich ein dreidimensionales Bild.

3D liegt im Trend, doch Lust und Frust liegen bei dem Thema noch ziemlich nah beieinander. Herumgesprochen hat sich inzwischen, dass das Angebot an Inhalten noch immer minimal ist und Early Adopters der neuen Wohnzimmertechnik Gefahr laufen, ihre drei, vier 3-D-Filme bald synchron mitsprechen zu können. Wie schnell und gründlich sich das ändert, wird der Markt entscheiden: Je mehr Menschen sich vom Inhalte-Mangel nicht abschrecken lassen, desto schneller wird der wohl behoben werden.
Trotzdem ist 3D auf absehbare Zeit ein Gimmick, dass man im Heimkino nur gelegentlich wird einsetzen können. Und zwar vorzugsweise im trauten Kreise seiner Lieben - denn Freunde und Besucher, mit denen man vielleicht einmal gemeinsam etwas sehen möchte, können dies nur dann, wenn sie die passende Brille mitbringen.
Denn das ist vielleicht der dümmste Hasenfuß, den die Technik bisher noch hat: Die Hersteller kochen ihre eigenen Süppchen, bieten 3D-Brillen, die je nach eingesetzter Technik mit zusätzlichen Kosten von knapp 100 Euro pro Brille zu Buche schlagen, jeweils nur passend zu ihrer eigenen TV-Technik an. Brillen von Firma A sind für Fernseher der Firma B nicht zu gebrauchen. Bis sich das ändert, wird noch einige Zeit vergehen: Die Diskussion um gemeinsame Standards hat gerade erst begonnen.
Das Dumme daran: Käufer einiger Marken sitzen dann irgendwann auf Geräten und Brillen, deren Technik nicht mehr unterstützt wird - eine Art Betamax-Video2000-VHS-Effekt. Mit den angebotenen Filmen hat all das aber zum Glück nichts zu tun, die laufen auf der Technik aller konkurrierenden 3D-TV-Standards: Unterschiedlich sind nur die Verfahren, mit denen die Hersteller die 3D-Informationen übertragen und zwischen TV und Brille synchronisieren.
Analog zur Universalfernbedienung beginnen einzelne Zuliefererfirmen in diesem Herbst, Universal-3D-Brillen anzubieten. Ob die dann wirklich auf jeder Technik funktionieren, wird die Tester der IT-Presse dann wohl im Vorweihnachtsgeschäft beschäftigen.
pat
Freilich gibt es bis dato dem Experten zufolge kaum Medien, die das auch wiedergeben können. So seien aktuell eine Handvoll Blu-rays mit 3D-Produktionen erhältlich, selbst der Kassenschlager "Avatar" soll erst im November dreidimensional auf Scheibe erhältlich sein. Und wann solche Produktionen im Fernsehen gezeigt werden, sei noch offen. Entsprechende Probeausstrahlungen via Satellit habe es gegeben und der Bezahlsender Sky habe in ausgewählten Sportbars in England vor ebensolchen Gästen sogar schon Fußballspiele in 3D übertragen. "Dabei ist - verglichen mit Blu-ray - nur die Bildschärfe nicht ganz so perfekt", sagt de Leuw.
Programm wird es auf absehbare Zeit nicht geben
Ein Regelprogramm in der neuen Technik - ähnlich wie beim hochauflösenden Fernsehen - wird es nach seiner Einschätzung in absehbarer Zeit nicht geben. Der finanzielle Aufwand für die Vielzahl der zusätzlich benötigten Kameras ist seiner Einschätzung nach zu groß. "Ich sehe es innerhalb der nächsten drei bis fünf Jahre nur als Sparte", sagt de Leuw. Nichtsdestotrotz würden aber schon in der Mittelklasse bald alle Fernseher eventuell mit Zusatzgerät 3D-tauglich sein.
Darum empfiehlt er Konsumenten, die sich ohnehin einen neuen Bildschirm mit einer Diagonale von mehr als 100 Zentimetern leisten wollen, sich gleich zukunftsfest zu machen: "Da würde ich schon schauen, dass die Möglichkeit gegeben ist, auch 3D-Filme anzuschauen."
Während diese Technik noch am Anfang steht, zeigt die IFA auf dem Gebiet des hochauflösenden Fernsehens HDTV schon fast die Endstufe. So wird es zahlreiche neue LCDs geben, die einen entsprechenden Receiver bereits eingebaut haben. In der gehobenen Geräteklasse werden so HDTV-Empfangsteile für Satellit, Kabel und Antenne bald zum Standard gehören.
Deutlich zunehmen wird nach Ansicht von de Leuw die Verschmelzung von Fernsehen und Internet. So werde es erste Geräte geben, die ein Google-Betriebssystem haben und den Zugriff auf das Internet so selbstverständlich machen wie das Zappen durch die Fernsehkanäle. So sollen Fernsehen und Internet noch mehr zusammenwachsen. Erstmals auf der IFA präsentiert wird in diesem Zusammenhang auch eine neue Generation des Videotextes, die - natürlich - auf Internettechnologie basiert. Passend zum Thema werden auch Bildschirme mit eingebauter Kamera und Mikrofon präsentiert. So kann man via Videokonferenz in der Halbzeitpause des Fußballspiels schnell mal mit Freunden und Bekannten in aller Welt chatten.
Von Ralph Bauer, ddp
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Netzwelt | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Gadgets | RSS |
| alles zum Thema Unterhaltungselektronik | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2010
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH