20 Jahre Tamagotchi in Deutschland Füttere mich, sonst sterbe ich

Piep, piep, piep - habt uns lieb: Vor 20 Jahren kamen die Tamagotchis nach Deutschland. Doch mit den Jahren erlahmte das Interesse - heute leben sie eher innerhalb von Smartphones weiter.

Tamagotchis
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Tamagotchis


In gewisser Weise waren Tamagotchis Vorboten der heutigen Zeit, in der viele Menschen ständig ein Smartphone in der Hand halten. Die kleinen elektronischen Tierchen, die vor 20 Jahren auch in Deutschland auf den Markt kamen, mussten regelmäßig vom Nutzer versorgt werden, damit sie nicht virtuell eingingen.

Die Idee fiel in die Ära von Einfach-Handys, mobilen CD-Playern und Chart-Hits von Künstlern wie Blümchen. Weltweit wurden rund 80 Millionen der schlüsselanhängergroßen Geräte verkauft, die einen aus heutiger Sicht kaum nutzbaren Bildschirm und meist drei Knöpfe boten. Dazu gab es einen Film, eine Fernsehserie und jede Menge Spielzeug.

Die Tamagotchis kamen aus Japan, "Tamago" ist Japanisch für "Ei". Die Idee zu dem Spielzeug hatte die damals 30-jährige Bandai-Angestellte Aki Maita.

"Sie bekamen sofort leuchtende Augen"

Auch in Japan wünschen sich viele Kinder ein Haustier, doch zumindest in der Enge und Hektik des japanischen Großstadtalltags muss das für viele ein Traum bleiben. Maita steckte deshalb die winzigen Alien-Kreaturen in ein Plastikgehäuse. Damit die virtuellen Haustiere sich entwickeln konnten, musste der Besitzer sie dann pflegen.

Das Display zeigte an, ob ein Tamagotchi zum Beispiel hungrig ist - dann musste man es füttern. Ein Spiel mit dem kleinen Gefährten zu spielen, machte ihn glücklich. Gelegentlich mussten auch Hinterlassenschaften "weggeräumt" werden. Mit anderen Worten: Es war in etwa so, wie ein echtes Haustier zu haben. Kümmerte man sich nicht gut genug darum, wurde ein Tamagotchi "krank" und starb schließlich virtuell.

Maita wollte Kindern eine günstige Möglichkeit geben, den Alltag mit einem Haustier zu erleben - aber eben unverbindlicher und ohne Kosten für Tierarzt oder Futter. Sie probierte die Prototypen zunächst an rund 200 Mädchen in Tokios Shibuya-Bezirk aus. "Sie bekamen sofort leuchtende Augen", erinnerte sie sich später.

Heute gibt es Tamagotchis als App

Bandai, eine der führenden japanischen Spielzeugfirmen, die unter anderem mit Modellautos und Action-Figuren groß geworden war, konnte seine Vertriebskanäle voll ausspielen. Schon wenige Monate nach dem Japan-Start im November 1996 waren die Tamagotchis in über zwei Dutzend Ländern auf dem Markt und wurden so zum einem Kultspielzug der Neunzigerjahre.

Dabei gab es auch einigen Ärger. So konnten Modelle der ersten Generationen so schnell "sterben", dass Kinder sie zum Teil auch zur Schule mitnahmen. Die Lehrer sahen das als Ablenkung, und die Geräte wurden in einigen Schulen verboten, zum Beispiel in den USA.

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James-Bond-Gadget

Es war 2006, ein Jahr vor dem Beginn des iPhone-Zeitalters, als sich Wirtschaftsredakteur David Böcking einen iPAQ-Organizer von Hewlett-Packard zulegte - inklusive innovativer Falttastatur. "Das Ding an sich war ein Reinfall: Ich habe damit auf einer langen Ecuador-Reise viele Seiten Tagebuch geschrieben, doch am letzten Reisetag hatte ich am Flughafen einen Speicherfehler und alles war weg. Von der Tastatur konnte ich mich dennoch bis heute nicht trennen. Man zieht sie seitlich auseinander, die mittleren Tasten springen dann von unten in ihre Position - fast wie ein James-Bond-Gadget. Vielleicht besitze ich ja irgendwann noch mal ein Gerät, das ich daran anschließen kann."

Schick und unbrauchbar

Ein Junge in der Nachbarschaft hatte welche, also wollte Katharina Seebacher aus unserem Textproducing, damals zehn Jahre alt, auch zwei Walkie-Talkies. Und tatsächlich schenkte ihr die Oma zum Geburtstag 1977 zwei Funksprechgeräte: "Unglaublich schick waren die, in Orange und Silber. An einem der nächsten Abende gingen meine Eltern abends aus. Die Gelegenheit, um die Reichweite zu testen! Meine Eltern würden ein Walkie-Talkie mitnehmen und ab der nächsten Ecke Kontakt mit mir halten. Erwartungsvoll stand ich mit dem anderen Gerät am Fenster. Dann knackte und rauschte es kurz, und das war auch schon alles. Trotz des Misserfolgs konnte ich mich nie von den Geräten trennen. Gut aussehen tun sie immer noch. Ich muss unbedingt ausprobieren, ob sie noch funktionieren. Smartphone ist doch langweilig."

Datenaustausch durch Handschlag

Es sollte DER neue Trend in Sachen digitaler Visitenkarten werden. Umweltschonend, flexibel und günstig. Glaubte jedenfalls Wissenschaftsredakteurin Nicola Kuhrt und kaufte sich trotz anfänglicher Skepsis einen Poken: "Das Prinzip sollte einfach sein. Kurz am Rechner die eigenen Daten draufspielen, fertig. Dann war der Poken auf Terminen, Konferenzen oder in der Disco einsetzbar: Beim Treffen mit anderen Poken-Fans brauchte man nur kurz deren weiße Hand die eigene halten - schon waren die Kontakte getauscht. Allerdings nur theoretisch: In Deutschland rannte kaum jemand mit einem Plastikchip durch die Gegend, um händeschüttelnd Handynummern zu tauschen. Ich blieb allein mit meinem Poken, kein Tauschpartner war in Sicht. Er landete also in meiner Schreibtischschublade, gleich neben dem Kasten mit den ganzen Visitenkarten, deren Daten ich irgendwann einmal in mein Online-Adressbuch tippen will."

Tönende Postkarten

Netzwelt-Redakteurin Judith Horchert bekam von ihrer Mutter ein paar Ansichtskarten zugesteckt. Groß, bunt, mit feinen Rillen und einem Loch in der Mitte. Damit konnte sie erstmal gar nichts anfangen: "Zeigt man Kindern heute einen Walkman, ein Wählscheibentelefon oder einen Gameboy, besteht eine hohe Wahrscheinlichkeit, dass sie das Gerät noch nie gesehen haben - erst recht nicht in Benutzung. Genauso ging es mir mit diesen altmodischen Ansichtskarten-Gadgets. Meine Mutter hatte sie im Nachlass ihrer Mutter gefunden. "Tönende Postkarten" heißen die Dinger, das habe sie schon herausgefunden. Man legte sie früher auf einen Plattenspieler, dann ertönte Musik. Das galt sicher einmal als lustiger Gruß, so wie Musikkarten oder E-Cards auch einmal ihre Hochphase hatten und als witzig durchgingen. Vielleicht verschicke ich einfach mal eine der Schallplattenkarten, als nostalgischen Gag. Ich muss bloß einen Empfänger finden, der überhaupt ein Gerät besitzt, um den Musikgruß abzuspielen."

Mit Drehrad und ohne Antennenanschluss

Aus einer Zeit, als Sony noch Handys produzierte, aber noch nicht Sony-Ericsson hieß, stammt das schlanke Dual-Band-Handy mit dem sperrigen Namen CMD-CD5. Es hatte 2002 schon einen Vibrationsalarm, die Texteingabehilfe T9 war installiert, und es gab sogar ein Drehrad zur schnellen Steuerung. Mit T9 konnte man auf den Zahlentasten schneller Texte tippen als auf jedem Smartphone. Bei einem Test lobte chip.de auch die solide Verarbeitung. Das Telefon sieht wirklich aus, als könnte es einen Sturz aus unserer Redaktion im 13. Stock überleben. Was chip.de allerdings bemängelt: Das Handy hat keinen Anschluss für eine externe Antenne.

Die Nachricht kommt zum Leser

Es ist schon lange her, irgendwann Mitte der Neunzigerjahre, da hatte jemand beim SPIEGEL eine Idee: Wir versorgen unsere Leser mit diesen neuen, modernen Pagern und bringen ihnen die wichtigsten Nachrichten direkt in ihre Hosentasche. Immer aktuell, in Echtzeit, dreimal am Tag! Politikredakteurin Lisa Erdmann hat selbst die ersten Schlagzeilen auf den T-Skyper geschickt und erinnert sich noch gut: "Wir haben es alle gehasst!" Das Textverarbeitungsprogramm für den Pager war damals schon veraltet, eine Nachricht konnte nicht länger sein als 80 Zeichen. Selbst ein Tweet hat 140. Und auch die Leser liebten die innovative Idee nicht besonders. Gerade einmal 2000 Nutzer wurden über den T-Skyper mit Nachrichten versorgt. Zum Vergleich: Heute rufen unsere Leser SPIEGEL ONLINE rund 1000-mal so häufig auf - am Tag.

Das Lieblingsteil unbekannt

Das ist der kleine Liebling von Dörte Trabert aus der Redaktionsassistenz. Weinrot, zum Aufklappen und sogar mit Farbdisplay. Das Nokia 2650 hat sie 2004 irgendwo in Hamburg gekauft, vielleicht in einem kleinen Handyladen an irgendeiner Straßenecke. Oder auch beim Otto-Versand. Auf jeden Fall war es Liebe auf den ersten Blick. Sogar ins Internet kam sie damit schon, über GPRS. Wer sich jetzt auch verliebt hat: Bei Amazon ist das hübsche Teil noch zu finden. Allerdings: "Derzeit nicht verfügbar Ob und wann dieser Artikel wieder vorrätig sein wird, ist unbekannt."

Der Hosentaschencomputer

Die kompakte Kommunikationszentrale mit ausklappbarer Antenne, Farbdisplay und Lautsprecher gab es ab Mitte 2001. Im Gegensatz zu heutigen Modellen hielt der Akku im Standby noch knapp eine Woche. Der Communicator sollte dem vielbeschäftigten Büromenschen manchen Weg ersparen: Faxe verschicken ohne Faxgerät, E-Mails versenden, ohne ins Büro zu müssen, Termine und Adressen immer dabei, ohne dass Visitenkarten aus der Brieftasche quellen. Unheimlich praktisch. Ein echtes Smartphone, nur etwas groß - das wurde damals schon bemängelt. Es soll aber durchaus namhafte Hacker geben, die heute noch mit dem Ding in der Tasche herumlaufen - wegen der guten Tastatur.

Trotz Versuchen, mit der Zeit zu gehen und die Tamagotchis zum Beispiel untereinander kommunizieren zu lassen, geriet diese Art des Spielzeugs im vergangenen Jahrzehnt schließlich doch aufs Abstellgleis der Technikgeschichte. Die Idee virtueller Tiere - oder ganzer Welten - in Simulationen lebt jedoch in Spielen wie "Farmville" weiter. Für Tamagotchi-Nostalgiker gibt es die kleinen Aliens heute standesgemäß als App.

mbö/dpa, Andrej Sokolow



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