25 Jahre Windows Als DOS die Maus kennenlernte

Was für eine Geschichte: Windows 1.0 wollte keiner haben, die aktuelle Version wurde im ersten Jahr nach Einführung 240-Millionen-mal verkauft. Doch auch nach 25 Jahren verbindet User und Betriebssystem eine tiefe Hassliebe. 

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Damit hätte 1985 wohl niemand gerechnet: Windows ist das führende PC-Betriebssystem, läuft auf mehr als 90 Prozent aller Computer weltweit. Und das sind Hunderte Millionen. Windows ist eine Gelddruckmaschine, seine aktuelle Inkarnation ein riesiger Erfolg: Fast eine Viertelmilliarde Exemplare von Windows 7 konnte Microsoft im ersten Jahr nach dessen Einführung absetzen, es ist das bisher bestverkaufte Betriebssystem.

Von solchen Zahlen konnte Microsoft-Gründer Bill Gates nur träumen, als am 20. November 1985 die Auslieferung von Windows 1.0 begann.

Damals wurde es noch als enormer Erfolg gewertet, dass die US Air Force 90.000 Exemplare von Windows bestellte. Mit ihrem Großauftrag stand die amerikanische Luftwaffe allerdings weitgehend allein da. Windows 1.0 hatte keine Fans, denn es gab kaum Software, die sich mit dem neuartigen Fenstersystem vertrug. Und IBM, das Bill Gates mit der Wahl von MS DOS für ihre Bürocomputer zum Millionär gemacht hatte, zögerte, seine neue Software einzusetzen. Der ehemalige Schreibmaschinenhersteller hatte gerade selbst eine DOS-Erweiterung entwickelt. Allerdings war IBMs "Topview" immer noch textbasiert, sollte vor allem Multitasking, die gleichzeitige Nutzung mehrerer Programme, ermöglichen - und floppte.

Windows dagegen orientierte sich an den Prinzipien, die Apple mit dem sündhaft teuren Bürocomputer Lisa und dem Macintosh vorgelegt hatte, sollte wenigstens teilweise per Maus bedienbar sein. Um das Eintippen von Dateinamen kam man allerdings nicht herum und musste wegen des Mangels an Windows-Software sowieso oft noch auf DOS-Programme zurückgreifen. Die einzige Möglichkeit, einen solchen Computer mit einem anderen zu vernetzen, war ein sogenanntes Nullmodemkabel, eine komplizierte und langwierige Angelegenheit. Aber von Vernetzung im heutigen Sinne war 1985 ohnehin noch nicht die Rede. Wer damals hip war, steuerte per Modem sogenannte Mailboxen an, Rechner auf denen man Nachrichten ablegte, die andere User später abholen konnten. Der Begriff Internet war ein Fremdwort.

Mac-Programme sollten Windows Nutzer bringen

Richtig fensterln lernte Windows erst in der zweiten Version die endlich durchgängig per Maus bedienbar war. Den Mangel an passender Software versuchte Microsoft mit eigenen Programme auszugleichen. Um Windows, das immer noch eine Zusatzsoftware für MS-DOS war, für Büroanwender attraktiver zu machen, schrieb das Unternehmen seine Büroprogramme Word und Excel für Windows um. Vorher hatte es beide Anwendungen nur für den Mac gegeben. Apple reagierte verschnupft, klagte mit der Begründung gegen Microsoft, der Konzern habe vieles von dem was Windows ausmacht von Apple kopiert.

Den Erfolg der Microsoft-Software konnte Apple damit aber nicht aufhalten. Während sich der Rechtsstreit hinzog, brachte das Unternehmen 1990 Windows 3.0 heraus. Der Look hatte sich gewaltig geändert, und sollte jetzt ein dreidimensionales Design darstellen. Eine Behauptung, die man aus heutiger Sicht nur belächeln kann.

Windows-User mussten sich damals mit drei verschiedenen Betriebsmodi herumplagen, die als Real-, Standard- und Extended-Mode bezeichnet wurden. Je nach Modus konnten nur bestimmte Programme ausgeführt und nur eine bestimmte Menge Arbeitsspeicher genutzt werden. Ein Megabyte RAM wurde seinerzeit schon als Luxus angesehen. Vor allem aber war vom MS-DOS-Unterbau kaum noch etwas zu sehen.

Dem DDR-Computerbauer Robotron gefiel die Software so gut, dass man daraus eine eigene Ostblock-Version ableitete, die unter der Bezeichnung Karl-Marx-Städter Window-System (KWS) auf den Ost-Computern eingesetzt wurde.

Der erste Erfolg

Für Microsoft wurde Windows allerdings erst mit dem Update auf Version 3.1 zum Erfolg, die optisch erheblich aufpoliert worden und in der Version "Windows for Workgroups" erstmals rudimentär netzwerkfähig war. Was folgte, war Windows NT, sozusagen das Windows für Profis. Das Kürzel NT für "New Technology" sollte andeuten, dass es sich hier um etwas ganz Neues handelte. Neu war unter anderem ein deutlich verbessertes Multitasking und ein sogenannter Speicherschutz, eine Funktion, die dafür sorgen soll, dass das Betriebssystem weiterläuft, wenn ein Programm abstürzt.

In den folgenden Jahren wurden NT für die Profis und die Nachfolger von Windows 3.1 für Normalanwender parallel entwickelt. Mit viel Brimborium wurde 1995 Windows 95 eingeführt. Der riesige Marketing-Aufwand, unter anderem wurde ein Song der Rolling Stones ("You start me up") für die Werbung verwendet, zahlte sich aus: Binnen vier Tagen war die erste Million Exemplare verkauft. In den folgenden Jahren ließ der Windows-Erfolg Microsofts Kriegskasse derart anschwellen, dass es sich der Konzern mühelos leisten konnte, den mit Windows 95 neu aufgeflammten Streit um Urheberrechte an Fenster-Betriebssystemen mit Geld zu ersticken.

Der große Bruder Gates

Mit einem spektakulären Auftritt auf einer Keynote von Steve Jobs verkündete Bill Gates, man werde den Streit gegen den Kauf einer nicht genannten Zahl nicht stimmberechtigter Apple-Aktien beilegen. Der Deal war eine echte Win-Win-Situation. Apple stand damals mit dem Rücken an der Wand, war kurz vor der Pleite, und Microsoft hatte einen derart großen Marktanteil, dass es sinnvoll war den kleinen Gegner zu unterstützen, um nicht als Monopolist ins Visier der amerikanischen Handelsaufsicht FTC (Federal Trade Commission) zu geraten.

Derart abgesichert folgten auf Windows 95 dessen Weiterentwicklungen Windows 98 und das passend zum Jahrtausendwechsel als Millennium betitelte Windows ME. Auf der Profiseite wurde Windows NT zu Windows 2000 aufgerüstet. Eine Neuorientierung leistete sich Microsoft erst wieder 2001 mit Windows XP. Erstmals seit Windows NT gab es nur noch ein Windows, das Privatanwender und Büronutzer gleichermaßen bedienen sollte. Mit XP führte Microsoft das System der Editionen ein, verkaufte also eine billige "Home Edition" an Privatiers und ließ Business-User, die etwa erweiterte Netzwerkfunktionen brauchen, für eine "Professional Edition" tiefer in die Tasche greifen. Ein Konzept, das bis heute Bestand hat.

Ungeliebtes Vista

Mit Windows XP führte Microsoft allerdings auch die sogenannte Produktaktivierung ein. Wer ein neues Windows installiert, muss es seither entweder online oder telefonisch freischalten lassen. Microsoft versucht dadurch Raubkopien einzudämmen, dass die Aktivierung an eine bestimmte Hardware gebunden ist. Das rief zunächst Protest von Datenschützern auf den Plan und ärgert bis heute Computerbastler, weil man das System nach jedem größeren Umbau neu aktivieren muss.

Anders als Windows XP war seinem Nachfolger Windows Vista kein großer Erfolg beschieden. Vor allem die reichlich hoch gegriffenen Hardware-Voraussetzungen ließen viele potentielle Anwender vor dem Umstieg zurückschrecken. Etliche Software-Hersteller pflegten ihre Programme weiterhin nur für Windows XP statt eigene Vista-Versionen zu entwickeln. In Kombination mit anderen Beweggründen sorgten diese Einschränkungen dafür, dass Vista vor allem im geschäftlichen Bereich kaum Liebe entgegengebracht wurde.

Endlich auf die Anwender gehört

Microsoft reagierte, indem es die Entwicklung von Windows 7 verstärkt vorantrieb - mit Erfolg. Schon rund zweieinhalb Jahre nach dem Vista-Start kam Windows 7 Ende 2009 auf den Markt und überraschte Vista-Kritiker, indem es fast alle Makel seines Vorgängers ausmerzte. Windows 7 ist nicht schneller, fühlt sich aber so an, weil manche Umwege über Dialogboxen einfach wegfallen und das System schneller zu reagieren scheint. Die Entwickler, so scheint es, haben sich tatsächlich davon leiten lassen, was für Anwender nützlich ist - statt einfach zu verwirklichen, was technisch möglich ist. Mit Erfolg.

Wie es nun aber weitergehen wird mit Windows, ist bislang ein großes Geheimnis. Zunächst wird es ein Update, ein sogenanntes Service Pack, für Windows 7 geben. Das wird alle bisherigen Updates und Fehlerbereinigungen und noch einige weitere Verbesserungen und neue Funktionen enthalten. Eine Vorabversion kann man sich - auf eigene Gefahr - schon jetzt laden, die Endversion ist für die erste Jahreshälfte 2011 angekündigt. Erst danach wird es wieder richtig spannend werden.

Microsofts riskantestes Projekt?

Etwa 2012, so vermutet es die "Computerworld", wird dann bereits die Nachfolgeversion, erscheinen. Darüber, was diese - derzeit als Windows 8 bezeichnete - Version Neues bringen wird, schweigt der Windows-Konzern bisher noch. Anzunehmen ist allerdings, dass es ein wirklich großes Update sein wird, dass sich vieles ändert. Das legt jedenfalls eine Äußerung von Microsoft-Chef Steve Ballmer nahe. Der hatte auf die Frage, was denn Microsofts riskantestes Projekt sei, kürzlich geantwortet: "Das nächste Windows."

Mehr hat er dazu nicht gesagt, doch das wenige reicht schon aus. Denn riskant sind Software-Updates immer dann, wenn die Entwickler alte Zöpfe abschneiden und wirklich Neues erfinden. Apple hat vorgemacht wie das geht, als die Entwicklung eines Nachfolgers für das damals System 9 genannte Mac-Betriebssystem abgebrochen und stattdessen Mac OS X entwickelt wurde. Würde Microsoft einen ähnlich radikalen Neustart wagen, könnte sich der Konzern noch einmal neu erfinden. Und das wäre - nach 25 Jahren Windows und 36 Jahren Firmengeschichte - sicher nicht die schlechteste Idee.

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