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29. März 2010, 19:41 Uhr

3-D-Kino

Nicht schlecht - nur wird mir schlecht!

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Kino in 3D ist Trend: Jeden Monat drängen neue Spektakel auf die Leinwand. Das Publikum findet das gut - mit Ausnahme der Zuschauer, denen dabei schlecht wird. Erstmals machen so breitere Publikumsschichten mit der bei PC-Spielern berüchtigten 3-D-Krankheit Bekanntschaft.

Seit Donnerstag letzter Woche läuft in deutschen Kinos "Drachenzähmen leicht gemacht", bereits am 8. April bekommt er mit "Kampf der Titanen" Konkurrenz: Zwar ist das eine ein familienkompatibler Trickstreifen für Jungcineasten ab sechs Jahre, das andere ein zum Action-Spektakel aufgeblasenes Mythen-Potpourri, trotzdem konkurrieren die Filme direkt miteinander. Denn ihre Zielgruppe sind die Liebhaber der dritten Dimension im Kino, der scheinbaren Räumlichkeit, der "Da fliegt was auf mich zu!"-Schrecksekunde.

Die 3-D-Fans werden in diesem Jahr regelrecht verwöhnt: 3D ist auf dem besten Weg, im vierten Anlauf doch noch zum Standard in den Kinos zu werden. Denn eigentlich ist der Trick ja eine alte Kamelle: Der erste 3-D-Kinofilm wurde 1922 gezeigt. Seitdem machten die Förderer der Technologie in den Fünfzigern, in den Siebzigern und Achtzigern des letzten Jahrhunderts weitgehend vergebliche Anläufe.

Bis jetzt: Digitalisierung macht neue Qualitäten von 3D möglich, digitale Nachbearbeitung zudem eine weitgehend überzeugende "Verräumlichung" von Filmen, die eigentlich in 2D gedreht wurden.

Das hat Konsequenzen: Voraussichtlich fast 30 Großproduktionen kommen 2010 auch in 3D in die Kinos (siehe Tabelle links), dazu gesellen sich zahlreiche Re-Releases und kleinere Streifen. Und da sie sich bisher alle als ungewöhnlich populär erweisen, laufen zumindest die 3-D-Versionen dieser Filme mitunter deutlich länger als heute üblich: James Camerons "Avatar" beispielsweise ist in vielen Kinos noch immer erfolgreich - in seiner fünfzehnten Woche seit Veröffentlichung. Und konkurriert zurzeit nicht nur mit dem Drachenzähmer-Trickfilm, sondern mindestens noch mit "Alice im Wunderland".

Viele Kinos haben reagiert und verfügen inzwischen - den exorbitanten Mehrkosten zum Trotz - über mehrere 3-D-Projektionsanlagen, die abhängig von eingesetzter Technologie und Kinogröße zwischen 100.000 und 200.000 Euro liegen. Das Publikum hat sich noch nicht sattgesehen daran, findet das wirklich gut - außer, ihm wird schlecht dabei. Das ist gar nicht so selten.

Schwindel, Schweiß und Übelkeit

So mancher Kinozuschauer bekommt ein flaues Gefühl, wenn er in die Tiefen des Films eintaucht. Je bewegter der ist, je näher man an der Leinwand sitzt, desto wahrscheinlicher ist es, dass man das nicht unbeschadet übersteht. Zu den gängigen Symptomen gehören Magenkrämpfe, Übelkeit - im seltenen Extrem bis hin zum Erbrechen -, Ausbrüche kalten Schweißes, Schwindelgefühle, Flauheit, Kreislauf-Flattern. Kurzum: Alles, was einem auch passieren kann, wenn auf See die Wellen mal etwas höher schlagen, das Flugzeug trudelt oder der Bus im Takt der Holperstraße schwingt.

Was nun Kinobesucher vermehrt zu spüren bekommen, ist zum einen mit den verschiedenen Formen von Reisekrankheit (Kinetose) verwandt, enger noch aber mit einem Syndrom, das Computerspieler bestens kennen - und seit langem auch als 3-D-Krankheit bezeichnen. Bei beiden geht es aber darum, dass das Hirn Probleme bekommt, widersprüchliche Informationen über die Bewegung im Raum zu verarbeiten.

Der Spiele-Designer, der nicht spielen kann

Was Auge und Innenohr dem Gehirn signalisieren, läuft in solchen Fällen so stark auseinander, dass es sich nicht mehr vereinbaren lässt: "Wir bewegen uns schnell!" signalisiert das Auge etwa im (dem Syndrom den Namen gebenden) Flugsimulator, aber auch im 3-D-Kino oder beim Ego-Shooter vor dem PC. "Quatsch, ich sitze und rühre mich nicht!" antwortet darauf das Gleichgewichtsorgan im Innenohr. Im Flugzeug oder auf dem Schiff läuft das dann umgekehrt: Wilde Bewegungsgefühle widersprechen der visuellen Information, dass eigentlich gar nichts passiert, dass sich der Körper in relativer Ruhe befinde.

Beide Widersprüche aber können uns den Magen umdrehen. Ist diese Reiz-Diskrepanz groß genug, erleiden bis zu 80 Prozent von uns die gefürchteten Übelkeitssymptome - der eine mehr, der andere weniger. Dabei scheint es auch eine genetische Komponente zu geben: Asiaten leiden häufiger unter 3-D-Krankheit als Europäer. Das prominenteste Opfer ist wohl der Spieledesigner Hideo Kojima ("Metal Gear Solid"), der zwar Spiele designen, aber nicht spielen kann, sobald die sich räumlich in der Ego-Perspektive bewegen.

Bei PC-Spielen könnten das laut einem Aufsatz von Michael Schmidt und Esther Schmitz zu Folge 20 bis 40 Prozent der Spieler sein, wiederum etwas niedriger sind die Prozentzahlen betroffener Kinobesucher zu vermuten.

Originell, wenn auch nicht ganz unumstritten ist die physiologische Erklärung für die härtesten Symptome: Wenn die Sinne über Kreuz liegen, gibt es im Leben von Otto Normsäuger oft eine Ursache. Aus der unnormalen Diskrepanz zwischen den Sinneswahrnehmungen schließe das Gehirn darum oft fälschlich auf eine Vergiftung - und versuche sich des vermuteten Toxins per Erbrechen zu entledigen.

Anders als etwa bei Lebensmittelvergiftungen oder nach Alkohol-Exzessen aber ändert sich dadurch nichts an der Übelkeit, denn das Erbrechen kann die wahre Ursache ja nicht entfernen. Kurzum: Ist man einmal soweit, sich dank 3-D-Krankheit zu übergeben, hört das so schnell nicht wieder auf - die verwandte Seekrankheit lässt grüßen.

Praktische Tipps gegen die 3-D-Krankheit

Gegen eine starke 3-D-Krankheit mit wirklich heftigen Symptomen ist kein Kraut gewachsen. Wer spürt, dass er sich im Kino bereits dem "Reling, ich komme!"-Zustand nähert, sollte das Kino einfach verlassen.

Ansätze von Unwohlsein lassen sich dagegen unter Kontrolle bekommen - und wie bei der See- und Autoreisekrankheit unter anderem durch Fixieren von Objekten am "Horizont", wenn man so will. Hinter diesem einfachen Trick steht nichts anderes als der Versuch, die Überflutung mit widersprüchlichen Reizen einzuschränken.

Das beginnt damit, dass man sich in 3-D-Filmen so weit wie möglich nach hinten und in die Mitte setzen sollte, wenn man weiß, dass man zu Reisekrankheit neigt - denn wer für das eine anfällig ist, leidet oft auch unter dem anderen. Leichtes Unwohlsein lässt sich einschränken und oft kontrollieren:

Was definitiv nicht funktioniert, ist auch das Absetzen der Brille. Gerade bei den klassischen farbverschobenen 3-D-Bildern bekommt man dann nur noch einen optischen Brei serviert, der oft noch schwerer zu verdauen ist als das 3-D-Bild.

Medikamentierung? Fehlanzeige

Dazu, ob Medikamente gegen Reisekrankheit auch gegen 3-D-Krankheit im Kino wirken, gibt es bisher keine Erkenntnisse. Auf jeden Fall machen schon die verschreibungsfreien Antihistamine (meist Dimenhydrinat-Präparate) reichlich dösig - was nicht hilfreich ist, wenn man einen 161-Minuten-Film wie Avatar verfolgen will, der seinen Reiz aus Optik und Action bezieht.

Auf der anderen Seite funktioniert aber auch eine vorsichtige Desensibilisierung, wie jeder Möchtegern-Seebär mit Magenproblemen weiß. Man kann sowohl lernen, auf die Symptome der Kinetose frühzeitig und angemessen zu reagieren, als auch lernen, die Sinneswahrnehmungsdiskrepanz als das zu interpretieren, was sie ist - eben keine Vergiftung.

Einige von uns aber sind schlicht hoffnungslose Fälle. Wir hängen auch nach dem neunten Segeltörn noch über der Reling, werden im Flieger blass, müssen im Bus neben dem Fahrer sitzen und starr geradeaus sehen. Wir spielen keine Ego-Shooter, weil uns das den Magen umdreht und werden Freunden künftig einen Korb geben, wenn die zum gemeinsamen Kinoabend bitten: "3-D-Film? Nicht schlecht, nur mir wird schlecht!"

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