3-D-Kino Nicht schlecht - nur wird mir schlecht!

Kino in 3D ist Trend: Jeden Monat drängen neue Spektakel auf die Leinwand. Das Publikum findet das gut - mit Ausnahme der Zuschauer, denen dabei schlecht wird. Erstmals machen so breitere Publikumsschichten mit der bei PC-Spielern berüchtigten 3-D-Krankheit Bekanntschaft.

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Seit Donnerstag letzter Woche läuft in deutschen Kinos "Drachenzähmen leicht gemacht", bereits am 8. April bekommt er mit "Kampf der Titanen" Konkurrenz: Zwar ist das eine ein familienkompatibler Trickstreifen für Jungcineasten ab sechs Jahre, das andere ein zum Action-Spektakel aufgeblasenes Mythen-Potpourri, trotzdem konkurrieren die Filme direkt miteinander. Denn ihre Zielgruppe sind die Liebhaber der dritten Dimension im Kino, der scheinbaren Räumlichkeit, der "Da fliegt was auf mich zu!"-Schrecksekunde.

Die 3-D-Fans werden in diesem Jahr regelrecht verwöhnt: 3D ist auf dem besten Weg, im vierten Anlauf doch noch zum Standard in den Kinos zu werden. Denn eigentlich ist der Trick ja eine alte Kamelle: Der erste 3-D-Kinofilm wurde 1922 gezeigt. Seitdem machten die Förderer der Technologie in den Fünfzigern, in den Siebzigern und Achtzigern des letzten Jahrhunderts weitgehend vergebliche Anläufe.

Bis jetzt: Digitalisierung macht neue Qualitäten von 3D möglich, digitale Nachbearbeitung zudem eine weitgehend überzeugende "Verräumlichung" von Filmen, die eigentlich in 2D gedreht wurden.

Das hat Konsequenzen: Voraussichtlich fast 30 Großproduktionen kommen 2010 auch in 3D in die Kinos (siehe Tabelle links), dazu gesellen sich zahlreiche Re-Releases und kleinere Streifen. Und da sie sich bisher alle als ungewöhnlich populär erweisen, laufen zumindest die 3-D-Versionen dieser Filme mitunter deutlich länger als heute üblich: James Camerons "Avatar" beispielsweise ist in vielen Kinos noch immer erfolgreich - in seiner fünfzehnten Woche seit Veröffentlichung. Und konkurriert zurzeit nicht nur mit dem Drachenzähmer-Trickfilm, sondern mindestens noch mit "Alice im Wunderland".

Viele Kinos haben reagiert und verfügen inzwischen - den exorbitanten Mehrkosten zum Trotz - über mehrere 3-D-Projektionsanlagen, die abhängig von eingesetzter Technologie und Kinogröße zwischen 100.000 und 200.000 Euro liegen. Das Publikum hat sich noch nicht sattgesehen daran, findet das wirklich gut - außer, ihm wird schlecht dabei. Das ist gar nicht so selten.

Schwindel, Schweiß und Übelkeit

So mancher Kinozuschauer bekommt ein flaues Gefühl, wenn er in die Tiefen des Films eintaucht. Je bewegter der ist, je näher man an der Leinwand sitzt, desto wahrscheinlicher ist es, dass man das nicht unbeschadet übersteht. Zu den gängigen Symptomen gehören Magenkrämpfe, Übelkeit - im seltenen Extrem bis hin zum Erbrechen -, Ausbrüche kalten Schweißes, Schwindelgefühle, Flauheit, Kreislauf-Flattern. Kurzum: Alles, was einem auch passieren kann, wenn auf See die Wellen mal etwas höher schlagen, das Flugzeug trudelt oder der Bus im Takt der Holperstraße schwingt.

Was nun Kinobesucher vermehrt zu spüren bekommen, ist zum einen mit den verschiedenen Formen von Reisekrankheit (Kinetose) verwandt, enger noch aber mit einem Syndrom, das Computerspieler bestens kennen - und seit langem auch als 3-D-Krankheit bezeichnen. Bei beiden geht es aber darum, dass das Hirn Probleme bekommt, widersprüchliche Informationen über die Bewegung im Raum zu verarbeiten.

Der Spiele-Designer, der nicht spielen kann

Was Auge und Innenohr dem Gehirn signalisieren, läuft in solchen Fällen so stark auseinander, dass es sich nicht mehr vereinbaren lässt: "Wir bewegen uns schnell!" signalisiert das Auge etwa im (dem Syndrom den Namen gebenden) Flugsimulator, aber auch im 3-D-Kino oder beim Ego-Shooter vor dem PC. "Quatsch, ich sitze und rühre mich nicht!" antwortet darauf das Gleichgewichtsorgan im Innenohr. Im Flugzeug oder auf dem Schiff läuft das dann umgekehrt: Wilde Bewegungsgefühle widersprechen der visuellen Information, dass eigentlich gar nichts passiert, dass sich der Körper in relativer Ruhe befinde.

Beide Widersprüche aber können uns den Magen umdrehen. Ist diese Reiz-Diskrepanz groß genug, erleiden bis zu 80 Prozent von uns die gefürchteten Übelkeitssymptome - der eine mehr, der andere weniger. Dabei scheint es auch eine genetische Komponente zu geben: Asiaten leiden häufiger unter 3-D-Krankheit als Europäer. Das prominenteste Opfer ist wohl der Spieledesigner Hideo Kojima ("Metal Gear Solid"), der zwar Spiele designen, aber nicht spielen kann, sobald die sich räumlich in der Ego-Perspektive bewegen.

Bei PC-Spielen könnten das laut einem Aufsatz von Michael Schmidt und Esther Schmitz zu Folge 20 bis 40 Prozent der Spieler sein, wiederum etwas niedriger sind die Prozentzahlen betroffener Kinobesucher zu vermuten.

Originell, wenn auch nicht ganz unumstritten ist die physiologische Erklärung für die härtesten Symptome: Wenn die Sinne über Kreuz liegen, gibt es im Leben von Otto Normsäuger oft eine Ursache. Aus der unnormalen Diskrepanz zwischen den Sinneswahrnehmungen schließe das Gehirn darum oft fälschlich auf eine Vergiftung - und versuche sich des vermuteten Toxins per Erbrechen zu entledigen.

Anders als etwa bei Lebensmittelvergiftungen oder nach Alkohol-Exzessen aber ändert sich dadurch nichts an der Übelkeit, denn das Erbrechen kann die wahre Ursache ja nicht entfernen. Kurzum: Ist man einmal soweit, sich dank 3-D-Krankheit zu übergeben, hört das so schnell nicht wieder auf - die verwandte Seekrankheit lässt grüßen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 71 Beiträge
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a.weishaupt 29.03.2010
1. Mir wird dabei auch schlecht..
..allerdings aus dem Grund, dass es aktuell in Hamburg in 3D nur 'synchronisierte' Fassungen zu sehen gibt. So ist das in der "Weltstadt".
lespaul57 29.03.2010
2. also...
..irgendwie habe ich meine Zweifel. Wird hier ein Haar in der Suppe anlässlich des Niedegangs des "normalen" Kinos gesucht? Das beschriebene Phänomen klingt für mich wie eines aus der Kategorie: "Zu häufiges Masturbieren macht blind" Ich verstehe auch die vergleiche mit der Seekrankheit nicht, da es hier doch darum geht, dass das Gleichgewichtsorgan etwas anderes vorhat, als die Augen suggerieren, um es mal salopp auszudrücken. Im Kinosessel findet doch keine Art von Bewegung statt, oder habe ich etwas verpasst? Aber es soll ja auch Menschen geben, denen wird übel, wenn sie aus der Heckscheibe eines fahrenden Autos schauen. (schon erlebt) Sachen gibt's...
DefTom 29.03.2010
3. Titel Titel Titel Titel - TÖtet Den Titel!!!!!
Zitat von lespaul57..irgendwie habe ich meine Zweifel. Wird hier ein Haar in der Suppe anlässlich des Niedegangs des "normalen" Kinos gesucht? Das beschriebene Phänomen klingt für mich wie eines aus der Kategorie: "Zu häufiges Masturbieren macht blind" Ich verstehe auch die vergleiche mit der Seekrankheit nicht, da es hier doch darum geht, dass das Gleichgewichtsorgan etwas anderes vorhat, als die Augen suggerieren, um es mal salopp auszudrücken. Im Kinosessel findet doch keine Art von Bewegung statt, oder habe ich etwas verpasst? Aber es soll ja auch Menschen geben, denen wird übel, wenn sie aus der Heckscheibe eines fahrenden Autos schauen. (schon erlebt) Sachen gibt's...
Neenee, "Motion Sickness" als Problem ist bei Zockern schon lange bekannt. Zumindest hat man es schon mal gehört, ich selbst hab dieses Problem z.B. auch nicht. Ich tippe auch mal, daß dieses Phänomen häufiger bei Nicht-Spielern auftritt, da diese es einfach nicht gewohnt sind, die "Falschinformationen" zu verarbeiten. Mir wird immer nur dann schlecht, wenn bestimmte Personen auf der Leinwand auftauchen... das hat dann aber nix mehr mit Bewegung zu tun.
Wallenstein, 29.03.2010
4. 3-D Kino bald auch auf dem Lande
Die Seuche wird sich in Kürze auch in ländlichen Gebieten wieder ausbreiten.... .... nach dem digitalen 3-D wird es bald wieder wie in den 80er Jahren auch Zelluliod-3D geben. Technicolor bietet mit Unterstützung großer Hollywood-Studios demnächst für Kinos mit schmalem Budget wieder 3-D Kopien für Filmprojektoren an. Ich persönlich halte nichts von den aktuellen 3-D Filmen. Sie sind in der Regel künstlich errechnet und nicht real mit zwei Kameras aufgenommen wie die alten 3-D Filme der 50er bis 80er Jahre. Die waren damals plastischer. Galt es früher, je weiter weg, desto mehr Raumwirkung, gilt heute näher hin, damit der plastische Eindruck am Ende der Leinwand nicht jähhh zerstört wird .... Auf Dauer auch zu teuer und zu aufwändig. Brillen waschen, mehr Personalaufwand. Der 2-D Film wird nicht aussterben.
albiedo 29.03.2010
5. Nicht schlecht, nur wird mir schlecht bei diesem Artikel (mit Verlaub)
Wie der Titel des Artikels, so möchte man es zurückgeben. Alles Halbwissen in einen Topf geworfen geht eine Menge durcheinander. Trotz vieler besuchter S3D-Vorstellungen habe ich noch nie jemandem im 3D-Kino erlebt, dem von der Projektion schlecht wurde. Nur weil das für Action-Gaming mit Monitoren in niedriger Frequenz und passiven Brillen, gar in Anaglyph gilt, kann man es nicht auf das Kino übertragen, da die Technik sich grundlegend verändert hat. Und bei Actionrides in Fahrsimulatoren geht es ja genau um den gescholtenen Effekt. Die sogenannten Tipps zur Vermeidung sind mitunter Blödsinn. Klar kann man die Augen zu machen, um den Film nicht zu sehen (gilt auch bei schlechten Artikeln), einer Verlagerung der Tiefenschärfe mit dem Blick nicht zu folgen erzeugt genau das Gegenteil. Für mich ist der beste Ort in einer S3D-Projektion mittig in der Mitte, dies liefert für mich das gewünschte immersive Erlebnis. Ich frage mich, wieviele S3D-Filme der Autor selber schon im Kino gesehen hat. Wenn er wirklich solche Erfahrungen gemacht haben sollte, rate ich dringend zum Wechsel des Kinos auf. Denn ein knackig scharfes digitales Bild mit einer Frequenz von 144 Bildern pro Sekunde macht keine Kopfschmerzen- höchstens ein schlecht eingestellter Projektor. Die Filmstartliste ist übrigens voller Fehler und falscher Starttermine, zudem fehlen diverse 3D-Filme. Eine Übersicht mit allen 3D-Filmen und ihren deutschen Kinostarts gibt es z.B. unter http://www.digitaleleinwand.de/3d-filme/
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