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01. September 2011, 13:06 Uhr

3-D-Kinobrille von Sony

Das superprivate Überall-Kino

Statt Fernsehern mit 3-D-Brillen hat Sony auf der Ifa eine 3-D-Brille mit eingebauten Fernsehern vorgestellt. Matthias Kremp hat das futuristische Nerd-Accessoire sofort ausprobiert und diagnostiziert neben einem 3-D-Effekt auch einen Haben-wollen-Effekt.

Sony Vorstandschef Sir Howard Stringer hatte wohl einen Clown gefrühstückt. "Wir sind überflutet, platt gemacht, gehackt und versengt worden", scherzte er über die Naturkatastrophen und Hackerangriffe, die dem Unternehmen in diesem Jahr schon zu schaffen machten. Doch jetzt werde alles besser, legte er bei seiner Eröffnungsrede zu Sonys Ifa-Pressekonferenz am Mittwochnachmittag nach. Schließlich habe Japan einen neuen Premierminister. Als Stringer dann dazu überging, einerseits auf die Konkurrenz einzudreschen ("Es geht nicht darum, wer es zuerst macht, sondern darum, wer es besser macht") und andererseits die neuen Produkte anzukündigen, erwähnte er Sonys Messe-Highlight nur kurz: eine 3-D-Brille, die das Kino an den Kopf bringen soll.

In für Sony typischer Kryptologie hat dieses erstaunliche Kopfkino keinen leicht aussprechbaren Namen wie "Walkman", sondern nur eine Typbezeichnung. HMZ-T1 haben die Marketingexperten des Unternehmens die "futuristische OLED-Brille" genannt und damit die Chance vergeben, dem Hightech-Mini-Kino vom Start weg einen eingängigen Namen zu geben.

Ein fetter Brummer

Wobei der Begriff "Mini-Kino" das Gerät eigentlich nicht richtig beschreibt. Sicher, im Vergleich zu einem Fernseher ist Sonys Kopfkino ziemlich klein. Im Vergleich zu einer herkömmlichen 3-D-Brille ist es allerdings ein fetter Brummer. Ganz offensichtlich braucht die Elektronik zur Ansteuerung der beiden Mini-Bildschirme noch reichlich Platz. So viel Platz jedenfalls, dass ein Akku nicht mehr hineinpasste. Die Brille funktioniert nur im Kabelbetrieb und muss per HDMI an eine Bildquelle angeschlossen werden.

Und sie muss mit einem Haltebügel am Hinterkopf befestigt werden, weil sie so kopflastig ist. Das macht sie nicht gerade zu einem bequemen Accessoire, aber ohne diesen Bügel hat sie keinen Halt und fällt sofort zu Boden.

Als Zuspieler lässt sich offenbar so ziemlich alles hernehmen, was über einen HDMI-Anschluss verfügt. Ich konnte sie an einem Blu-ray-Player, an einer Playstation 3, einem Notebook und sogar an einem Smartphone ausprobieren.

Der erste Eindruck dabei: endlich! Verglichen mit früheren Versuchen, 3-D-Brillen mit eingebauten Displays zu etablieren, ist das Bild, das die beiden OLED-Displays in der Brille produzieren, richtig gut. Die Auflösung beträgt 720p, ist also die "kleine" HD-Auflösung. Das reicht aber dicke, um scharfe, detailreiche Bilder und schön weiche Farbübergänge auf die Netzhaut zu projizieren.

Mit Brille ins Trudeln gekommen

Der 3-D-Effekt scheint mir zunächst weniger stark ausgeprägt zu sein als bei den meisten 3-D-Fernsehern. Allerdings nur so lange, bis ich mich mit der Brille an einem 3-D-Egoshooter an der Playstation versuche. Hier ist der Effekt bei einer Passage besonders eindrücklich: Als ich eine Brücke herabschaue, komme ich unwillkürlich ins Trudeln und muss mich bemühen, nicht umzufallen. Nächstes Mal also lieber im Sitzen.

Erstaunlich ist auch der Ton, den die integrierten Kopfhörer produzieren. Über ein Steuerungsmenü, das sich per Knopfdruck einblenden lässt, kann man zwischen Sound-Presets wie "Cinema", "Game" und "Musik" wählen, die sich vor allem durch ihre Räumlichkeit und den Bassanteil unterscheiden. Ein echter Raumeffekt, wie ihn eine Surround-Anlage produziert, ist damit freilich nicht möglich. Man hört einen Helikopter damit auch nicht von links hinten nach rechts vorne fliegen. Schade, dass Sony den ursprünglichen Plan aufgegeben hat, den Anwendern die Möglichkeit zu geben, eigene Kopfhörer - zum Beispiel In-Ear-Headsets - anzuschließen.

Trotz dieser kleinen Schwäche und trotz des klobigen Gehäuses: Sonys Kopfkino kann Spaß machen. Allein die Vorstellung, entspannt im Bett zu liegen und sich damit einen Blockbuster anzuschauen oder im Zug zu sitzen und ein 3-Spiel zu spielen, ohne dass man seine Umgebung noch bewusst wahrnimmt, ist faszinierend.

Perfekt ist die HMZ-T1 indes noch nicht, und das nicht nur des Namens wegen. Um mehr zu werden als ein Liebhaberprodukt für Early Adopters, muss sie viel leichter und schlanker werden - und drahtlos. Vor allem aber muss sie billiger werden. 799 Euro soll sie kosten, wenn sie im November auf den Markt kommt. Für dasselbe Geld bekommt man auch schon einen ordentlichen 3-D-Fernseher. Und den kann man nicht nur allein benutzen.

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