Neue Bildschirmtechnik Das ist mal echtes 3D

Wir halten uns Filter vor die Augen, legen Linsen über Bildschirme oder erfinden Videobrillen - nur um Bilder und Filme dreidimensional betrachten zu können. Die räumliche Tiefe bleibt trotzdem eine Illusion. Ein neues Display lässt nun echte Formen in den Raum wachsen.

Daniel Leithinger/ Sean Follmer/ Hiroshi Ishii

Unsere Computerwelt ist noch immer flach. Die dritte Dimension wird von moderner Technik nur simuliert, das Gehirn - mit teils erheblichem Aufwand - ausgetrickst, um Räumlichkeit zu simulieren. Zu mehr sind die Smartphones, Fernseher und Tablets, die wir im Alltag benutzen, nicht in der Lage. Ihre flachen Bildschirme produzieren eben nur flache Bilder.

Einige Ingenieure der "Tangible Media Group" am Media Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) haben ein anderes Ziel: Sie arbeiten an einem neuartigen Display, das Informationen mit Hilfe beweglicher, dreidimensionaler Pixel darstellt und dem Benutzer die Möglichkeit gibt, mit der Anzeige körperlich zu interagieren. Die Bezeichnung für die MIT-Technik: "inFORM".

Daniel Leithinger, der die Technik mitentwickelt hat, sieht in "inFORM" Parallelen zu einem berühmten Kinderspielzeug: dem "Pin Screen" - einer Art Nagelbrett, das Formen kopiert. "Der große Unterschied ist, dass bei unserem Display jeder Stift von einem Elektromotor bewegt wird", erklärt der gebürtige Österreicher. "Auf diese Art und Weise können wir beliebige Formen generieren."

900 Plastik-Pixel

Der Aufbau des "InForm"-Displays ist allerdings weit weniger handlich als der des Kinderspielzeugs. Der Kasten ist - samt Motoren, Stiften und Kunststoffpixeln - rund einen Meter hoch. Und schon das eingebettete, quadratische Display hat eine Kantenlänge von rund 40 Zentimetern. Die 900 beweglichen Pixel können per Motorantrieb bis zu zehn Zentimeter weit aus der Grundebene herausgeschoben werden.

Eine über der Pixelfläche montierte Kinect-Kamera kann Bewegungen, die innerhalb ihres Sichtfeldes stattfinden, erfassen und per Computer auswerten. So sollen Benutzer mit dem Display interagieren können. In einem Video der Wissenschaftler wird es beispielsweise als dreidimensionaler Touch-Screen genutzt, aus dem farbige Knöpfe wachsen. Ein über dem Pixel-Feld angebrachter Projektor kann dabei beliebige Bilder auf die großen Kunststoff-Pixel werfen. Zudem ist der Widerstand, den die Pixel beim Draufdrücken leisten, veränderbar.

Ein 3-D-Anrufbeantworter

Die Anwendungen, die die Forscher mit ihrem Prototypen vorführen, sind beeindruckend. Schon jetzt könnte der Aufbau im Mathematikunterricht helfen: Schüler und Studenten könnten 3-D-Graphen und -Ebenen anfassen und erfühlen, statt sie unspektakulär an der Tafel oder auf dem Taschenrechner zu sehen. Die Ideen der Forscher beschäftigen sich aber noch stärker mit dem Alltag.

So zeigen sie, wie das Display seinem Nutzer bei einem Anruf das Telefon bringt und dabei unübersehbar auf sich aufmerksam macht. Ein Ball, der in einer wachsenden Landschaft auf dem Display umherrollt oder über Stufen gleitet, erinnert an alte Trickanimationen. Doch findet das Schauspiel vor den Augen der Nutzer statt. Auch als eine Art primitive Fernbedienung für Objekte kann "inFORM" funktionieren: Im Demonstrationsvideo lässt sich eine Taschenlampe mit den aus der Ebene wachsenden Pixeln auf- und ausrichten. Der Operator sitzt dabei im Nebenzimmer, das Display bildet seine Bewegungen nach.

Chirurgen, die sich durch Datensätze graben

Wenn es nach dem Willen der Forscher der "Tangible Media Group" geht, ist das aber nur der erste Schritt. Sie arbeiten bereits daran, Formen, Objekte und Strukturen, die wir mit unseren Händen anfassen, verändern oder bewegen können, mit der digitalen Welt zu verbinden. Statt uns auf neue technische Steuerungen einzustellen, versuchen sie Nutzer davon zu befreien. Die digitale Welt würde quasi anfassbar, Technik würde sich an die Nutzer anpassen statt umgekehrt.

In Zukunft könnte eine verbesserte Version von "inFORM" auch Ärzten bei ihren Aufgaben helfen. "Ein Chirurg kann beispielsweise den Datensatz einer Tomografie laden und dann die Oberfläche des Shape-Displays verformen, um diesen zu erforschen", glaubt Leithinger. "Er 'gräbt' sich dann sozusagen durch den Datensatz." Experten, die sich mit solchen volumetrischen Datensätzen beschäftigen, hätten bereits Interesse bekundet, so der Doktorand weiter.

Neben einer höheren Auflösung für eine verbesserte Version des Displays denken die MIT-Wissenschaftler über ein Zwei-Wege-Display nach, das die Kommunikation zwischen zwei Menschen über das Internet verändern könnte. Zudem hofft Leithinger, dass ähnliche Systeme "hoffentlich in einigen Jahren auf Smartphones und Tablet Computern zu finden sein werden".



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insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
Loddarithmus 03.12.2013
1. Da ist es auch nicht mehr weit ...
... bis zum echten Cyber-Sex. Nix mehr mit Pornos runterladen. Demnächst werden wir Wunschpartner/In runterladen. Und können Spezialeffekte dazuschalten. Ich bin zu früh geboren worden!
tam_venceremos 03.12.2013
2. Mechanische Plastik Pixel?
Nein danke. Der technische Aufwand wäre immens und es wäre einfach nur ein in die dritte Dimension verbogenes zweidimensionales Bild, kein wirklicher Körper. Das ist doch alles keine Lösung. 3D wird erst interessant, wenn es 'in den Raum projiziert' wird, ohne Polarisationsfilter vor den Augen.
fuchsenberger 03.12.2013
3. Interessanter Ansatz, ABER...
...im Endeffekt werden hier nur zweidimensionale Bilder dargestellt, auch wenn die "Pixel" hier unterschiedlich weit aus dem "Bildschirm" ragen können. Eine Darstellung von richtigen 3D-Objekten, die quasi auf dem "Bildschirm" stehen, bekommt diese Technik nicht hin. Der Artikel suggeriert dies allerdings.
Dyl Ulenspegel 03.12.2013
4. Bildschirm? 3D?
was für ein irreführender Titel - weder ist diese Technik für Bildschirme geeignet noch ist es richtiges 3D. Hat SPON das nötig?
morpheus70 03.12.2013
5.
Vlt ist das die Vorstufe zu echten 3D "Displays". Der Bildschirm würde zwar wieder globiger werden aber der Effekt wäre besser als das hingeschummelte 3D.
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