30 Jahre Commodore 64 So schön kann hässlich sein

2. Teil: Was man bei Commodore spielte - und warum Spiele nichts kosteten


Der Startbildschirm des 64ers war eine Tabula rasa, ein leeres Spielfeld, das befüllt, beackert, bezwungen werden wollte. Das Gerät kostete bei seiner Markteinführung in Deutschland fast 1500 D-Mark, das Diskettenlaufwerk VC 1541, schlicht "Floppy" genannt, weil es mit biegsamen Disketten, Floppy Discs, gefüttert wurde, noch einmal 850 D-Mark.

Wer einen C64 zu Hause hatte, bekam ständig Besuch

Das war weit jenseits der Budgets für ein übliches Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenk. Die Preise fielen jedoch rapide. Es gehörte in der Schule zum guten Ton zu wissen, was der "64er" aktuell kostete. Als ich endlich meinen eigenen 64er hatte wurde die Ecke zwischen Schrank und Heizung zu meinem neuen Lieblingsplatz, zu einem Ort, an dem ich ständig Gäste empfing und endlose Nachmittage verbrachte. Wer einen 64er zu Hause hatte, konnte sicher sein, regelmäßig Besuch zu bekommen.

Meine Eltern um Spiele für den eben erst für vergleichsweise viel Geld angeschafften Computer zu bitten, wäre keine gute Idee gewesen. Mir war jedoch ohnehin klar, dass es andere, effektivere Wege gab, sich neue Software zu beschaffen. Ich war im Begriff, auf die Produkte einer neuen, internationalen Szene zuzugreifen, die unfassbar produktiv und einfallsreich war, sich im Hinblick auf Urheberrechte völlig rücksichtslos verhielt und zum überwiegenden Teil aus Teenagern bestand: die Cracker-Subkultur. Raubkopien gehörten zum C64 wie Böller zu Silvester.

Zu den ersten raubkopierten Spielen von damals gehörte "Jumpman Junior", aus heutiger Sicht ein echter Klassiker das amerikanischen Software-Hauses Epyx, das später durch "Summer Games" und "Winter Games" weltberühmt wurde. In "Jumpman Junior" musste eine winzige, aus wenigen Pixeln zusammengesetzte Spielfigur vor schwarzem Hintergrund über Leitern und Plattformen gelenkt werden und Pixel-Pillen einsammeln.

Was man bei Commodore spielte

Gelegentlich schossen von rechts oder links, oben oder unten kleine weiße Projektile durchs Bild. Wenn es dem Spieler nicht gelang, durch Hüpfen oder Rennen auszuweichen, stürzte der Jumpman ab. Der Musik-Chip des C64 spielte dann eine blechern dröhnende Version der ersten Takte von Chopins Trauermarsch. Nach drei Fehlversuchen war Schluss.

Das Spiel war trotz seiner Schlichtheit extrem populär, und zwar sogar innerhalb des Commodore-Konzerns. Der Sachbuchautor Brian Bagnall zitiert den C64-Ingenieur Bil Herd mit den Worten: "Jumpman war wahrscheinlich das dauerhaft populärste Spiel überall in der Entwicklungs- und ich vermute auch einigen anderen Abteilungen." Später sahen die Spiele besser aus, waren aufwändiger und manchmal auch intelligenter. Aber "Jumpman Junior" machte Spaß - und war kostenlos.

Im Startbildschirm meiner Version des Spiels stand "(C.) BY OLEANDER". Eigentlich hätte dort "(C.) BY EPYX" stehen müssen, der Copyrightvermerk des Herstellers. Meine Version aber hatte "Oleander" gecrackt und in Umlauf gebracht. Als Gründungsmitglied der Cracker-Gruppe JEDI 2001 wurde er später zu einer Legende der Szene. Heute arbeitet er als Software-Entwickler und Hochschuldozent. Einen ähnlichen Weg gingen viele der Szenegrößen der Achtziger - die frühe Erfahrung mit dem C64 und anderen Heimcomputern verschaffte ihnen später einen mächtigen Vorsprung innerhalb der gerade entstehenden IT-Branche.

Noch heute gibt es übrigens Enthusiasten, die vom Brotkasten nicht lassen wollen. Der C64 lebt noch immer, und wird mit Hardware-Erweiterungen so weit gegenwartsfähig gemacht, dass er, schließlich ist er eine programmierbare Maschine, inzwischen Dinge kann, die zu seiner Geburtsstunde noch völlig undenkbar waren. Das WWW, wie wir es heute kennen, gab es damals längst noch nicht. Heute aber kann man mit einem Commodore 64 selbstverständlich online gehen - wenn auch nur sehr langsam und mit einem ausschließlich textbasierten Interface. Und seit 2009 ist der 64er sogar Social-Media-fähig: Der belgische Softwareentwickler Johan Van den Brande, Familienvater und Hobby-Hacker, hat dem Brotkasten einen Twitter-Client spendiert.



insgesamt 78 Beiträge
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kai80 07.01.2012
1. der bis heute erfolgreichste Computer aller Zeiten
Wieso sollte der C64 der bis heute erfolgreichste Heimcomputer aller Zeiten sein? Haben sich nicht weit mehr PC's verkauft? Selbst PC's die nur Hause benutzt werden sollte die Menge/Umsatz u.s.w. übersteigen.
Trondesson 07.01.2012
2.
Meistverkauft? Das bezweifle ich doch stark. Wäre ohnehin nur möglich mangels Kokurrenzprodukten, die es heute zuhauf gibt.
Mindbender 07.01.2012
3. ...
Zitat von sysopDer meistverkaufte Computer der Geschichte wird 30: Im Januar 1982 kam der Commodore 64 auf den Markt und brachte die digitale Welt in die Kinderzimmer. Christian Stöcker erinnert*an Glücksmomente mit dem "Brotkasten" - und verrät, warum der 64er heute twittern kann. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,807639,00.html
Was zum _Geier_ interessiert mich, ob der 64er twittern kann? Was ist das bitte für ein hanebüchener Quatsch??
ZiehblankButzemann 07.01.2012
4. Der gute alte Brotkasten!
Selbst ich habe das Teil noch ganz gut kennengelernt. Bevor es das sauteure Floppy-Disk Laufwerk gab mit Disketten-Kapazität ich glaube 360 Kilobyte pro Seite, mußten Anwender mit der sogenannten Datasette von Commodore vorlieb nehmen. Das Gerät sah aus aus wie eine kleiner Kassettenrekorder mit Datenkabel und man konnte aber ganz normale Compact-Kassetten verwenden, wie sie die meisten noch von ihren Musikaufnahmen kennen. Das Laden eines Programmes mit dieser Datasette konnte schon mal unglaubliche 30 Minuten oder mehr dauern, und wenn man Pech hatte und es gab einen Lesefehler, was sehr leicht passierte, mußte der gesamte Ladevorgang wieder von vorne beginnen. Ich gäh´n jetzt noch wenn ich daran denke. Eins der damals revolutionärsten Spiele der Firma Epyx für den C 64 hieß "Impossible Mission". Das besondere an diesem Speil war, daß die Spielfigur wesentlich besser animiert war, als alles was bis dato dagewesen war. Zum Beispiel Bewegungen wie saltoschlagen, hechten, abrollen, klettern usw. Zudem hatte das Spiel auch noch wie eine Art Sprachausgabe, mit Lachen, Schreien , und einer fiesen Stimme im Hintergrund. Für damalige Verhältnisse revolutionär und heißbegehrt, heute ein echter Klassiker. Wenn man bedenkt wieviel Millionen Menschen einen C 64 hatten, dann könnten ruhig ein paar davon etwas im Forum schreiben. Die Leser seien hiermit freundlich aufgefordert.
chagall1985 07.01.2012
5. Schmunzel
Immer wieder schön die Geschichten! Meinen ersten Kontakt hatte ich in der 5. Klasse 1988. Zuerst noch bei einem Freund mit Datasette. Eine Zumutung in meiner Erinnerung. Später dann mit Floppy was erträglich wurde. Dann nur 2 Jahre später hatte ich einen Freund der einen 386 von seinem Vater mitbenutzen durfte (wir blockierten ihn selbstverständlich fast vollständig) Der Sprung war gigantisch! Wing Commander lief auf dem Teil flüssig. Und trotzdem kam ich aus der Videoszene. Ich war Krieg der Sterne gewöhnt, Rambo oder Stirb Lamgsam. Das was selbst Wing Commander da geboten hat kannte ich sonst grafisch nur aus dem Kinderprogramm von ARD. So vergingen für mich fast 10 Jahre bis "Return too Castle Wolfenstein" mich endgültig PC affin machte. Und Sucht ist bei diesem Spiel ein Euphemismus gewesen. grins
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