Dieser Text ist ein stark gekürzter Auszug aus Christian Stöckers "Nerd Attack! Eine Geschichte der digitalen Welt vom C64 bis zu Twitter und Facebook" - Ein SPIEGEL-Buch. DVA; 320 Seiten; 14,99 Euro.
Die frühen Achtziger waren eine Zeit, in der die Apokalypse eine permanente, reale Möglichkeit war. Umweltzerstörung und Atomkrieg erschienen als ständig präsente Bedrohungen. Gleichzeitig und paradoxerweise herrschte damals die unbedingte Überzeugung, wenigstens in den Kinderzimmern der westdeutschen Mittelschicht, dass der Fortschritt nicht aufzuhalten sein würde.
Dass auch wir eines Tages all das Spielzeug aus den James-Bond- Filmen würden benutzen können (abgesehen von Maschinengewehren unter der Stoßstange vielleicht), dass es irgendwann, vermutlich in unserer Lebenszeit, fliegende Autos geben würde, Laserpistolen, Raumschiffe, die fernste Planeten ansteuern. Und, auch wenn dieser Gedanke so niemals ausformuliert wurde: dass Computer unser aller Leben verändern würden. Und sei es nur, indem sie uns einen ständigen, kostenlosen Strom immer besserer, immer ausgefeilterer Spiele bescherten. Von all den Versprechungen, die uns über die Zukunft immerfort gemacht wurden, waren Computer die einzigen, die es tatsächlich in unsere Kinderzimmer schafften.
Die Vorstellung, dass ein einzelnes Gerät scheinbar unendliche Möglichkeiten eröffnet, hat das Bewusstsein dieser Generation geprägt - auch wenn das vielen ihrer Mitglieder kaum klar sein dürfte. Der Commodore 64, der erfolgreichste Computer aller Zeiten, der sich allein in Deutschland drei Millionen Mal verkaufte, weltweit vermutlich zehnmal so oft, leitete in den Köpfen von Kindern und Jugendlichen eine Veränderung ein, die bis heute nachwirkt - und diese Generation von allen vorangegangenen unterscheidet.
Ein Gefühl unbegrenzter Machbarkeit
Vor fast genau 30 Jahren, im Januar 1982, wurde der bis heute erfolgreichste Computer der Geschichte der Öffentlichkeit vorgestellt, bei der Consumer Electronics Show in Las Vegas. Wenn die kommende Woche wieder einmal ihre Pforten öffnet, wird es um Smartphones gehen, um Tablet-Rechner und andere High-Tech-Spielzeuge der Gegenwart. Sie können unendlich viel mehr als die teuersten Großrechner von damals. Doch schon der C64 und das um ihn herum wuchernde Ökosystem installierten in unseren Köpfen ein Gefühl von nahezu unbegrenzter Machbarkeit, während der Kalte Krieg, die drohende Umweltkatastrophe gleichzeitig eines von nahezu absoluter Ohnmacht erzeugten.
Ich bekam meinen Commodore 64, kurz C64, zu meinem elften Geburtstag, am 1. Februar 1984, zwei Jahre nach seiner Vorstellung. Kurz zuvor, am 10. Januar 1984 hatte Commodore bei der CES Rekordergebnisse verkündet. Das Unternehmen hatte im Vorjahr drei Millionen Computer verkauft und über eine Milliarde Dollar umgesetzt. Der Marktanteil des C64 allein war fast dreimal so groß wie der des Apple II. Drei Tage später gab es im Konzernvorstand Krach. Noch vor dem Ende der Sitzung verließ Jack Tramiel, Gründer, Chefcholeriker und Gallionsfigur des Unternehmens, den Raum und kehrte nie zurück. Später wurde er Chef von Commodores größtem Konkurrenten: Atari.
Der Vater des erfolgreichsten Heimcomputers aller Zeiten wurde aus seinem eigenen Unternehmen geworfen. Zwölf Jahre später lief in den USA die große TV-Dokumentation "Triumph of the Nerds" über die Geschichte der PC-Industrie. Darin werden die Apple-Gründer Steve Jobs und Steve Wozniak als Erfinder und Gründer der gesamten Branche dargestellt. Commodore und Tramiel werden nicht einmal erwähnt. Letztlich verpasste das Unternehmen dann den Einstieg ins PC-Zeitalter, nach dem Commodore Amiga begann der Abstieg. Heute existiert Commodore nur noch als Marke, mit wechselnden Besitzern. Doch der C64 wurde noch bis 1994 verkauft.
Mir war nicht klar, dass der Vater des Unternehmens Commodore gerade geschasst worden war, als ich meinen C64 1984 endlich bekam. Er erhielt einen Ehrenplatz in der Ecke zwischen einem von oben bis unten mit Werbeaufklebern verzierten Buchenkleiderschrank und der Gasheizung auf unserem alten Kinderzimmertisch mit seiner zerkratzten und bemalten Kiefernholzplatte. Meine Computerecke sah aus wie eine knallbunte Kinderzimmerversion eines jener Cubicles, in denen moderne Großraumbüroarbeiter ihre Arbeitstage verbringen.
64 K RAM SYSTEM 38911 BASIC BYTES FREE
Der C64 war ein hässliches bräunliches Gerät mit noch brauneren Tasten, von manchen halb zärtlich, halb spöttisch"Brotkasten" genannt. Beim Einschalten begrüßte es einen mit einem in zwei unterschiedlichen Blautönen gehaltenen Bildschirm - hellblau der Rahmen, dunkelblau das Bearbeitungsfeld - und der Überschrift **** Commodore 64 BASIC V2 **** 64 K RAM SYSTEM 38911 BASIC BYTES FREE. Darunter folgte ein erwartungsvoll oder, je nach Betrachtungsweise, stoisch und indifferent blinkender Cursor. Dazwischen die Verheißung "READY".
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