Ab 99 Euro Angriff der Billig-Androiden

Die Hersteller Archos und Pearl bringen Mini-Tablets zum Kampfpreis auf den Markt. Nach dem Motto "billiger geht immer" wird fröhlich weggelassen, eingespart und alte Technik verwendet - Hauptsache, der Preis passt. Bleibt dabei auch der Spaß auf der Strecke? Matthias Kremp hat es getestet.

Matthias Kremp

Hamburg - Tablets sind teuer. Daran hat man sich in dem einen Jahr, seit Apple sein iPad vorgestellt hat, längst gewöhnt. Das Vorzeige-Tablet kostet, je nach Ausstattung, zwischen 500 und 800 Euro. Konkurrenzprodukte sind kaum billiger: Samsungs Galaxy Tab etwa startete mit einem Verkaufspreis von 800 Euro und ist mittlerweile für rund 600 Euro erhältlich. Auch das neue Motorola Xoom dürfte in dieser Preisklasse spielen: 800 Dollar werde es wohl kosten, wird gemunkelt.

Doch es geht auch billiger: Schon für einen knappen Hunderter bekommt man einen kleinen Touchscreen-Computer mit Android-Betriebssystem und W-Lan-Internetzugang. Wer doppelt so viel ausgibt, kann nicht nur einen größeren Bildschirm, sondern dank GPS auch noch ein integriertes Riesen-Navi sein Eigen nennen.

Auf den ersten Blick ein guter Deal: Was die Hardware angeht, mangelt es den Lowcost-Tablets scheinbar an nichts. Das beste Beispiel ist Pearls Touchlet Tablet-PC X2G für 199 Euro. Sein Bildschirm hat mit sieben Zoll die typische Tablet-Durchschnittsgröße, der eingebaute Speicher bietet mit zwei Gigabyte zwar nur wenig Platz, ist dafür aber per SDHC-Karte auf bis zu 34 Gigabyte erweiterbar. Auch ein W-Lan-Modul ist an Bord, Bluetooth sowieso und in der getesteten Variante auch ein GPS-Empfänger. Gegen Aufpreis gibt es das Gerät auch mit eingebauter UMTS-Karte. Ebenso gut lässt sich ein UMTS-Stick anstöpseln oder, via Bluetooth, das Handy als Internetmodem nutzen.

Ganz so üppig sieht es beim Archos 28 Internet Tablet nicht aus: Dieses 99-Euro-Gerät ist mehr Multimedia-Player als Tablet, mit seinem 2,8-Zoll-Bildschirm aber auch nicht größer als ein Handy. Trotzdem hat es W-Lan, USB 2.0 und einen Beschleunigungssensor an Bord. Beim Speicher muss man sich allerdings entscheiden: Vier Gigabyte sind verbaut, erweitern lässt sich der Archos nicht.

Als Verkaufsargument viel wichtiger ist allerdings Googles Android-Betriebssystem in der Versionsnummer 2.1, mit dem beide Geräte ausgeliefert werden. Ein System, an dem es wenig auszusetzen gibt, das bereits auf Hunderten unterschiedlichen Geräten zuverlässig läuft und von dem man weiß, dass es zum Surfen, Mailen, Musikhören und Videogucken bestens geeignet ist. Zudem kann man Zusatz-Software billig oder kostenlos aus dem gut bestückten Android Market laden. Alles bestens also, oder?

Wo sind die Apps?

Leider nein. Denn die Hoffnung, man könne sich mit den beiden Billig-Androiden nach Lust und Laune im Android Market bedienen, wird nicht erfüllt. Ab Werk haben beide keinen Zugang zu Googles Software-Shop. Stattdessen liefern beide jeweils eigene Download-Shops als App mit, über die man zumindest eine Auswahl an Android-Apps laden kann. Pearl spricht von "Hunderten meist kostenlosen Premium-Apps", Archos von einer "großen Auswahl an Android-Apps", die man auf diese Weise bekommen kann. An das mittlerweile sechsstellige Sortiment des Originals reicht das nicht heran.

Vollkommen versperrt ist der Weg in den Android Market den beiden Geräten allerdings nicht. Längst gibt es Hacks, um den Archos-Geräten doch einen Market-Zugang zu verschaffen. Für das Pearl-Tablet ist sogar eine komplett modifizierte Firmware im Umlauf, die den Market zugänglich macht. Aber das sind dann doch vergleichsweise komplizierte Umwege.

Träge Touchscreen-Technik

Offensichtlich sind die Schwächen, die sich die beiden Lowcost-Tablets bei der Bedienung leisten. Das Archos-Tablet, das eigentlich eher ein Mediaplayer ist, nervte im Test mit einer nahezu unbrauchbaren Bildschirmtastatur. Selbst nach mehrfachem Kalibrieren waren vor allem Buchstaben in den Randbereichen des Bildschirms nicht zuverlässig ansteuerbar. Schon das Eintippen eines W-Lan-Passworts wurde zur Tortur. Hinzu kommt, dass Buchstaben und Symbole auf dem 2,8-Zoll-Display winzig klein dargestellt werden, was das Auswählen und Starten bestimmter Apps erschwert.

Ähnliche Probleme plagen auch das Touchlet. Hier allerdings ist es weniger eine mangelhafte Treffergenauigkeit des Touchscreens, die stört. Stattdessen reagiert der Bildschirm oft nur träge auf das Fingergetippe, so als ob eine dämpfende Folie auf dem Display liegen würde. Tatsächlich hat die Trägheit eine technische Ursache, denn der Touchscreen basiert auf der sogenannten resistiven Technik, die einst für die Benutzung mit Bildschirmstiften entwickelt wurde. Und tatsächlich, mit dem Druckstift eines alten Palm-PDA klappt's wunderbar.

Alles inklusive - oder doch nicht?

Was die Ausstattung mit Zubehör angeht, geben sich Pearl und Archos ausgesprochen unterschiedlich generös. Dem Archos 28 liegt nicht einmal eine gedruckte Schnellstart-Anleitung bei. Hilfe bekommt man nur auf der Website des Herstellers. Ebenso liegt kein Ladegerät im Karton, lediglich ein paar simple Kopfhörer und ein USB-Kabel, zum Aufladen am PC. Pearl dagegen kommt gar nicht darum herum, ein Netzteil ins Paket zu stecken. Das Touchlet nämlich wird über einen Spezialstecker mit Strom versorgt, der nicht USB-kompatibel ist.

Als Goodie liegt dem Gerät in der getesteten Version X2G noch ein Adapter für Autohalterungen bei. Eine sinnvolle Ergänzung, schließlich wird diese Variante mit einem GPS-Modul und Navi-Software ausgeliefert. Den eigentlichen Autohalter für die Windschutzscheibe muss man aber doch als Zubehör für 12,90 Euro bestellen. Besser, man nimmt gleich das 20 Euro teure Set aus Kfz-Ladekabel und Autohalterung, weil der Akku sonst beim Navigieren noch schneller schlapp macht als sonst.

Ähnliches gilt auch für die Bildschirme der beiden Geräte. Keiner der Billigheimer sticht mit besonderer Brillanz hervor. Stattdessen kämpfen beide mit stark blickwinkelabhängigen Farben, oft mäßigen Kontrasten und Problemen mit der Lesbarkeit bei starker Sonneneinstrahlung. Immerhin: Schaut man senkrecht auf die Displays, lassen sie nur wenig zu wünschen übrig. Leider auch nur dann. Hinzu kommen gelegentliche Kunstpausen, vor allem beim Pearl-Tablet, die immer wieder geduldiges Warten erfordern.

Wie gut kann billig sein?

Mit den teuren Tablets der großen Anbieter, also Apples iPad, Samsungs Galaxy Tab oder Motorolas angekündigtem Xoom, können die Geräte von Pearl und Archos nicht mithalten. Dafür fehlt es an Leistung und an Qualität. Vor allem stört - aber daran kranken viele Android-Tablets - der fehlende Zugang zum Android Market. Wer die Geräte nicht selber modifiziert, kann sich nur wenige Apps zusätzlich besorgen. Dabei sind doch Apps der Stoff, nach dem Tablet-User lechzen.

So bleibt die Feststellung, dass, was billig ist, nicht gut sein muss. Als Abspielstation eignen sich beide Geräte. Sowohl das Archos 28 als auch das Touchlet X2G verstehen sich auf Spiele, Musik und Fotos. Letzteres lässt sich sogar als Gelegenheits-Navi und Ab-und-zu-Surf-Tablet nutzen - viel mehr aber auch nicht. Als mobile E-Mail- oder Chat-Begleiter sind dagegen beide aufgrund ihrer Bildschirmprobleme kaum geeignet.

Und schon gar nicht als Computerersatz für jedermann - auch nicht für 99 Euro.



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insgesamt 106 Beiträge
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Seite 1
berufskonsument 15.02.2011
1. Klingt doch gut.
You get what you pay for. 800 Euro für ein iPad (hatte ich das nicht gerade für 650 als Restposten bei Staples gesehen? egal) finde ich für den Funktionsumfang völlig übertrieben. Aber 100 oder 150 Euro? Da wird's langsam interessant für so ein Spielzeug, dessen objektiver Nutzwert doch stark beschränkt ist.
gsm900, 15.02.2011
2. Ich kaufe ein 'e'
Zitat von sysopDie Hersteller Archos und Pearl bringen Mini-Tablets zum Kampfpreis auf dem Markt. Nach dem Motto "billiger geht immer" wird fröhlich weggelassen, eingespart und alte Technik verwendet -*Hauptsache, der Preis passt. Bleibt dabei auch der Spaß auf der Strecke? Matthias Kremp hat es gestestet. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,744035,00.html
Dem Archos 28 liegt nicht einmal eine gedruckt>< Schnellstart-Anleitung bei.
BadTicket 15.02.2011
3. Schade um Android
Tja, so verkommt Android zu einem Ramschzeugs für billigen Mist der ausser bald auf dem Müll zu landen nichts taugt. Auf diese Weise werden die Leute Ramsch und Android zusammen verbinden was Android nicht verdient hat. Apple würde so etwas nicht zu lassen, daher ist das Zeugs eben teuer, dafür taugt alles wirklich etwas. Die Preise der guten Tablets zeigt eben nicht nur dass sie zu teuer sind, sondern das Qualtät auch seinen Preis hat. Wie sonst sollten die Firmen weitere innovative Produkte entwickeln? Wir arbeiten ja auch nicht für Ramsch-Löhne! Diese Geiz ist Geil Mentalität hat uns vor allem unnötigen Mist gebracht...
Schweizer, 15.02.2011
4. typisch Tech-Journalist
Typisch Tech-Journalist. Für Leute die ab und an mal eine Mail lesen schreiben wollen, warum nicht? Geht übrigens auch mit fast allen normalen Handys. Die Fragestellung könnte auch andersherum lauten: Teuer muss nicht gut sein. Das iiiiiPad ist für die appletypischen Unverschämtheiten recht teuer... Ich frage mich als Händler wirklich fast jeden Tag warum die Kunden bei Apple so viele freche Nachteile bei einem so hohen Preis in Kauf nehmen. Meist übrigens, weil Sie nicht wissen dass es Alternativen gibt.
peterbruells 15.02.2011
5. Weihnachtsmänner und andere Fabelwesen
Zitat von berufskonsumentYou get what you pay for. 800 Euro für ein iPad (hatte ich das nicht gerade für 650 als Restposten bei Staples gesehen? egal) finde ich für den Funktionsumfang völlig übertrieben. Aber 100 oder 150 Euro? Da wird's langsam interessant für so ein Spielzeug, dessen objektiver Nutzwert doch stark beschränkt ist.
Unwahrscheinlich. Mal ganz abgesehen, daß es das iPad in sechs Modellen von 499 bis 799 gibt. "Objektiver Nutzwert"? Was soll das sein?
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