Abschied vom Apple-Chefposten: Das Jobs-Wunder

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Kompromisslos bis zum Rücktritt: Steve Jobs, schon lange krank, konnte als Apple-Chef den eigenen Ansprüchen nicht mehr genügen. In den vergangenen 15 Jahren hat er sein Unternehmen zielstrebig zum wertvollsten IT-Konzern der Welt gemacht - weil er so besessen, getrieben und oft unausstehlich ist.

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Konsequent kompromisslos: Der Apple-Mitgründer Steve Jobs

Der berühmte IT-Journalist Steven Levy hatte einmal ein peinliches Erlebnis mit Steve Jobs. Levy benutzte einen iPod als Aufnahmegerät, gehüllt in eine transparente Kunststoffhülle und mit einem daran festgeklemmten Mikrofon. "Als ich Jobs interviewte", verriet Levy kürzlich in "Wired", "fuhr Jobs zurück, als ob ich etwas Giftiges mitgebracht hätte." Die Schönheit einer natürlich gealterten Edelstahlhülle in etwas so Hässliches zu hüllen - das provozierte beim Apple-Chef eine körperliche Abwehrreaktion. Er wies Levy regelrecht zurecht.

Die Anekdote sagt eine Menge über den Menschen und den Manager Jobs aus. Sie zeigt, wie besessen von Oberflächen er ist, wie kompromisslos, was seine ästhetischen Visionen angeht - und wie unhöflich, wie rücksichtslos er werden kann, wenn etwas seinen eigenen Perfektionskriterien zuwiderläuft.

Und noch etwas gehörte von Anfang an zu Jobs' Selbstverständnis: das Brechen von Konventionen. Als er in den späten siebziger Jahren gemeinsam mit seinem Kumpel Steve Wozniak dem Homebrew Computer Club beitrat, dem Herz der Hacker-Szene des Silicon Valley, trugen beide originelle Bärte und Wuschelköpfe - und verkauften Subversives. Wozniak hatte eine Blue Box konstruiert, mit der man kostenlos und selbstverständlich illegal telefonieren konnte. Schon damals, auch bei der Konstruktion des Apple I und Apple II, war Wozniak der Bastler, der die Technik beherrschte - und Jobs der Vermarkter, der Verkäufer. Als Gespann schufen sie im Anschluss den heute wertvollsten IT-Konzern der Welt. Irgendwann lief es nicht mehr rund zwischen dem kompromisslosen Jobs und dem gutmütigen Wozniak - "Woz" ging, Jobs übernahm die Kontrolle.

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Steve Jobs: Der Konzern und sein Guru
Eben weil er so kompromisslos ist, räumt er jetzt auch seinen Chefposten bei Apple. Weil er weiß, dass er seinen Job nicht mehr perfekt erledigen kann, tritt er lieber zur Seite. Jobs war schon einmal krebskrank, er hat eine Spenderleber im Leib - offenbar macht sein Körper nun wirklich nicht mehr mit. Und egal, ob es um seine Firma, seine Mitarbeiter, seine Reden oder seine Produkte geht: Für Jobs gibt es keine Spielräume.

Diese Kompromisslosigkeit war es, mit der er Apple Ende der neunziger Jahre vor dem drohenden Untergang bewahrte. Kaum war Jobs 1996 wieder bei Apple an Bord gegangen - der Konzern hatte seinen Gründer 1985 wegen interner Querelen vor die Tür gesetzt -, begann er damit, alles aus dem Weg zu räumen, was nicht seinem Bild von Perfektion entsprach.

Zu den ersten Leidtragenden gehörten die Kloner, Firmen, die Mac-Nachbauten in Lizenz herstellten. Einige davon waren deutlich leistungsfähiger, schneller als die Originale, machten den Macs erhebliche Konkurrenz - und passten mit ihrem PC-Design offensichtlich nicht in Steve Jobs' Vorstellung davon, wie ein Mac aussehen sollte. Jobs löste die lukrativen Lizenzverträge auf, kaufte kurzerhand den marktführenden Klon-Anbieter Power Computing für 100 Millionen Dollar auf. Die Firma verabschiedete sich mit ganzseitigen Anzeigen: "We lost our licence for speeding."

"Sorry, no beige"

Mit derselben Kompromisslosigkeit ging Jobs im eigenen Unternehmen vor. Das Design der damaligen Macintosh-Modelle näherte sich immer mehr der PC-Welt an, die Geräte waren beigegrau, ein besonders hässlicher Macintosh bekam den Spitznamen "Bierkasten". Um das ändern zu können, brüskierte Jobs die Top-Manager des Unternehmens, als er auf einer Sitzung erklärte: "Wisst ihr, was bei dieser Firma nicht stimmt? Die Produkte sind lausig, sie haben keinen Sex." Eine Aussage, die offenbar Eindruck machte und Jobs die Freiheit verschaffte, zu tun, was er wollte.

Wenige Monate später stellte er den iMac vor, seit dem Macintosh von 1984 Apples erster Computer, der wirklich anders war als die Produkte der PC-Welt. Wer ihn kaufte, tauschte Leistung gegen Design. Dem Rechner fehlten die üblichen Anschlüsse für Peripheriegeräte, stattdessen hatte er den damals kaum gebräuchlichen USB-Standard eingebaut. Statt mit technischen Daten bewarb Apple den Knubbel-Mac dann auch mit seiner Andersartigkeit: "Sorry, no beige". Jobs hatte den Umbau des Konzerns zum Lifestyle-Unternehmen begonnen.

Kompromisslos, auch sich selbst gegenüber

Und diesen Umbau betrieb Jobs mit einem Hang zum Perfektionismus, der ihm seinen Ruf als diktatorischer Unternehmensführer einbrachte. Jobs ist einerseits aufbrausend und ungeduldig, wenn etwas nicht nach seinen Vorstellungen umgesetzt wird, bedankt sich aber auch persönlich, wenn ein Mitarbeiter etwas Besonderes geleistet hat.

Sein Hang zum Perfektionismus macht auch Apples Produkte aus. Jede Funktion, jeder Knopf, der entbehrlich ist, will er bei seinen Produkten weglassen. Dieser Minimalismus, der von Kritikern als Mangel bezeichnet wird, ist das eigentliche Erfolgsgeheimnis von Produkten wie iPod und iPad. Legendär ist seine Weigerung, Apple-Mäuse mit einer zweiten Taste zu versehen, wie man sie vom PC kennt. Die Reduktion auf das Wesentliche macht den besonderen Charme vieler Apple-Produkte aus - und das Lesen von Anleitungen oft überflüssig.

Das falsche Gelb im zweiten "O"

Schön illustriert das Jobs-Prinzip eine Geschichte, die Google-Chefentwickler Vic Gundotra erzählt, in einem kleinen, melancholischen Blog-Eintrag zum Rücktritt des Apple-Gründers. Als er noch für Googles Mobil-Apps zuständig gewesen sei, habe ihn der Apple-Chef an einem Sonntagmorgen persönlich angerufen, um "eine wichtige Angelegenheit" zu besprechen. Wörtlich habe Jobs gesagt: "Ich habe mir eben das Google-Logo auf meinem iPhone angeschaut, und ich bin damit nicht glücklich. Das zweite 'O' in 'Google' hat einfach nicht den richtigen gelben Farbverlauf. Das ist einfach falsch, und ich werde das morgen korrigieren lassen. Wäre das okay für dich?"

Jobs ist jemand, der gerne alles unter Kontrolle hat, der in seiner Firma jedes Detail kennen will und die Möglichkeit braucht, darauf Einfluss zu nehmen.

Genau dazu scheint er nun nicht mehr in der Lage zu sein. Und hat deshalb eine gewohnt kompromisslose Konsequenz gezogen.

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1. Richtig
juergen.urlichs@berlin.de 25.08.2011
Gesundheitlich angeschlagen zur besten,aktuell zur erfolgreichsten Fa. weltweit und Quartalsumsätze jenseits aller Vorstellungen. Er macht es richtig. Wenn es am schönsten ist soll man gehen. Mehr kann er nicht mehr erreichen und das weiß er. Daran sollten sich unsere Politiker ein Beispiel nehmen.
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