Abschied vom Kassetten-Walkman: Bye-bye, Glücklichmacher

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Der Kassetten-Walkman ist am Ende: Nach über 30 Jahren hat Sony die Herstellung des einst kultisch verehrten Geräts klammheimlich eingestellt. Die Band-Technik war ohnehin längst obsolet - doch bis heute weckt der Walkman romantische Gefühle und nostalgische Erinnerungen.

Sony Walkman: Kassettenspieler ohne Zukunft Fotos
AP

Mein Erster war ein Falscher. Ich hatte ihn mir zu Weihnachten gewünscht, und dann bekam ich dieses Ding aus grauem Vollplastik, viel zu groß, mit einem transparenten Deckel und, überflüssigerweise, einem eingebauten Radio. Das zudem nie den Sender empfing, den man gerade hören wollte, schon gar nicht unterwegs. Der Falsche war von Quelle. Der einzig Richtige wäre von Sony gewesen, mit Metallgehäuse und einem großen Doppel-D auf dem Deckel, mit runden, einen halben Zentimeter vorstehenden Bedienknöpfen und in irgendeinem Metallic-Farbton. Sonys Walkman war das einzige technische Gerät, das sich auch modebewusste Jungs Anfang der achtziger Jahre gerne mal in Pink zulegten.

Jetzt ist es vorbei damit, endgültig. Ausgerechnet zum neunten Geburtstag seiner Nemesis schläfert Sony den Kassetten-Walkman endgültig ein. Am 23. Oktober 2001 kam der iPod auf den Markt - neun Jahre später verkündete Sony das definitive Ende für seine lange Jahre so intensiv begehrten tragbaren Kassettenspieler. Schon im April wurden die letzten Geräte ausgeliefert, teilte Sony mit. Wenn die verkauft sind, kommen keine neuen mehr nach. Erfunden hatte das Prinzip des tragbaren Musikgenusses übrigens gar nicht Sony, sondern der Deutsche Andreas Pavel. Schon zwei Jahre vor der Markteinführung des ersten Walkman 1979 hatte der eine tragbare "Kleinanlage für die hochwertige Wiedergabe von Hörereignissen" patentieren lassen, die er Stereobelt nennen wollte. Erst 2004, nach zwanzigjährigem Rechtsstreit und dem Tod des langjährigen Sony-Chefs Akio Morita, einigte sich der japanische Konzern mit Pavel, "in freundschaftlichem Einvernehmen".

Jeder eine Knospe im Ohr

Mein Nachmachergerät von Quelle fing nach einer Weile so fürchterlich an zu leiern, dass man sich eigentlich gar nichts mehr darauf anhören konnte. Mit einem DD-II von Sony wäre das nicht passiert, diese Geräte hatten nämlich keinen Riemen-, sondern einen Scheibenantrieb (DD stand für Disc Drive). Und Scheiben leiern nicht aus. Bevor er endgültig den Geist aufgab, bescherte mein grauer Klon mir doch auch all die Freuden, die damals ein echter Walkman und heute Mobiltelefone und MP3-Player bieten: Im Dunkeln im Bett liegend heimlich Musik hören, obwohl man doch eigentlich schlafen soll, neben der Angebeteten im Schulausflugs-Reisebus sitzen und, jeder eine Kopfhörerknospe im Ohr, gemeinsam ein möglichst romantisches Lied hören, in der Hoffnung auf eine versehentliche Berührung auf der mittleren Armlehne. Oder mit einem Klinkenstecker-Adapter, der den Anschluss von zwei Kopfhörern erlaubte, mit dem besten Freund auf einer Parkbank gemeinsam ein momentan wirklich ziemlich wichtiges Lied hören und dabei ernst vor sich hinnicken.

Für uns waren die für damalige Verhältnisse kleinen, handschmeichlerisch in Alu gehüllten Taschenspieler gewissermaßen ein Porsche für 14-Jährige. Noch Ende der Achtziger kosteten die besseren Modelle leicht mal 300 Mark - ziemlich viel für ein Taschengeld-Budget, aber eben nicht so viel wie eine Anlage von Nakamichi oder zur Not Denon, die gewissermaßen den Aufstieg in die audiophile Oberliga markiert hätten. Die letzten Kassetten-Walkmen kosten 30 oder 40 Euro, manche noch weniger.

Damals aber waren Walkmen immer auch ein Statussymbol, und zwar ein nicht minder mächtiges, als Handys es heute sind. Ich erinnere mich an einen wilden, hochgeschätzten Kunstlehrer an meiner Schule, der eines Tages überraschend kündigte, um nach Afrika auszuwandern. Er begründete diesen Schritt uns Schülern gegenüber explizit unter Verweis auf Sonys Markt- und Verführungsmacht: Er wolle Sprüche wie "dein Walkman ist wohl von Aldi" einfach nie mehr hören müssen.

Aufstieg in die audiophile Oberliga

Eigentlich ist der Walkman natürlich schon seit vielen Jahren hinüber. Er trieb gewissermaßen als Untoter weiterhin sein Unwesen, als vergessenes Überbleibsel einer untergegangenen, analogen Ära. Einer Zeit, in der man noch über die Bandqualitäten verschiedener Leerkassettenhersteller fachsimpelte, als die größte Schwierigkeit im Zusammenhang mit Raubkopien die Tatsache war, dass ein 45-Minuten-Album meist eben doch ein bisschen länger dauerte und deshalb nicht auf eine Seite einer 90er-Kassette passte. Als das Mixtape zur romantischen Basiswährung avancierte und der Engtanz mit diesem einen Mädchen mit dem Kopfhörer auf den Ohren (Sophie Marceau!) im Teenie-Liebesfilm "La Boum" einer ganzen Generation ein neues romantisches Leitbild einimpfte.

"Dreams are my Reality": Der Song, der nach der deutschen TV-Ausstrahlung urplötzlich in den Deutschen Charts landete, passte hervorragend zu der selbstgewählten Isolation, die so ein Schaumstoffkopfhörer auf den Ohren signalisierte. Im Bus einen aufzusetzen, war in manchen Gegenden durchaus ein Akt der offenen Rebellion, der von grantigen älteren Damen mit bösen Blicken und getuschelten Bemerkungen bestraft wurde. Aber die musste man dann ja nicht mehr hören.

Der Discman konnte nie den gleichen Glanz entfalten

Schon mit der Einführung des CD-Spielers war das Schicksal des Kassetten-Walkman eigentlich besiegelt - auch wenn Aficionados die frühen Discmen nicht nur aus prinzipiellem Teenager-Konservatismus ablehnten, sondern auch deshalb, weil sie weniger schock- und schüttelresistent waren als die im Laufe der Jahre perfektionierten Bandgeräte.

Dieses Problem lösten vollständig digitale Musikplayer dann endgültig - und Apple schuf mit dem iPod eine Ikone, die den Walkman zu einem historischen Relikt machte, zu einem obsolet gewordenen Botschafter der analogen Vergangenheit. Trotzdem dauerte es Jahre, bis der Emporkömmling den alten König des tragbaren Musikgenusses vollständig vom Thron stoßen konnte: Alles in allem hat Sony eigenen Angaben zufolge 200 Millionen Kassetten-Walkmen verkauft. Apple konnte erst im September 2009 verkünden, dass man weltweit mehr als 220 Millionen iPods abgesetzt habe.

Auf dem neuen Markt, dem mit der Musik in digitaler Form, konnte Sony nie mehr so recht reüssieren, und so ist der endgültige Abschied vom Kassetten-Walkman auch ein Symbol für eine weitgehend gescheiterte Unternehmenspolitik in Sachen tragbarer Musikgenuss. Mit seinem eigenen Minidisc-Format fand Sony zwar viele treue Fans, aber keinen echten Massenmarkt, und die immer noch "Walkman" genannten MP3-Spieler des japanischen Konzerns sehen oft zwar hübsch aus, aber niemand will sie haben. Was nicht zuletzt daran liegt, dass ihre Software und Benutzeroberfläche so unpraktisch sind, dass sich auch eingefleischte Sony-Fans in kürzester Zeit einen iPod herbeiwünschen.

Mal sehen, was passiert, wenn der iPod in 21 Jahren seinen 30. Geburtstag feiert, so wie der Walkman Ende 2009. Vermutlich wird man dann nostalgische Abgesänge auf dedizierte Musikabspieler ganz allgemein lesen, weil unsere tragbaren Multimediainternetgeräte dann für alles auf einmal zuständig sein werden, für Musik und Filme, Text und Spiele. Schon heute sitzen die Liebes- oder Freundespärchen in Bussen und Bahnen oft genug mit einem Handy auf dem Schoß nebeneinander. Noch immer aber haben sie je eine Kopfhörerknospe im Ohr. Und hören dieses eine, im Moment ziemlich wichtige Lied.

Anmerkung der Redaktion: Die deutsche Sony-Tochter vertreibt noch drei Kassetten-Walkman-Modelle. Für Deutschland hat das Unternehmen noch keinen konkreten Zeitpunkt festgelegt, zu dem das Produkt aus dem Sortiment genommen wird. Eine Sprecherin erklärt: "Für 2011 sehen wir hierzulande noch ausreichend Marktpotenzial und werden dieses auch bedienen."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 68 Beiträge
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1. Naja
99erFiesta 24.10.2010
Hatte mal den alten Walkman von meinem Vater in der Hand. Klobig, unhandlich, schwer und dann muss man alle Nase die Kasette wechseln, respektive schleppt noch einen Rucksack Kassetten mit sich rum. Da bin ich doch über meinen kleinen No-Name MP-3 Player froh. Groß wie eine Streichholzschachtel, aber mit über 300 Songs drauf und exzellenter Soundqualität. Wird aber auch nicht mehr produziert :( Früher war eben doch nicht alles besser ;) Ach halt, es gibt eine Kassettensache die ist bis heut am Leben und immer noch genial, besonders für Leute die wie ich ein altes Auto mit Kassettenradio fahren: Den Kassettenaddapter für MP-3 Player! Das ist eine Kassette mit Kabel und Klinkstecker. Einfach die Kassette ins besagte Fach, mit dem Player verbinden und ohne bohren, schrauben, Werkstattkosten direkt jeden MP-3 Player übers Bordradio abspielen können. Sorgt immer wieder für Erheiterung wenn die Mitfahrer sich drum kloppen wer jetzt sein Gerät dranhängen darf. Leider gibt es nur wenig gute Addappter die auch intressanterweise immer hinter den billigen Ramschaddaptern versteckt werden.
2. Tschüß !!
lemming51 24.10.2010
Zitat von sysopDer Kassetten-Walkman ist am Ende: Nach über 30 Jahren hat Sony die Herstellung des einst kultisch verehrten Geräts klammheimlich eingestellt. Die Band-Technik war ohnehin längst obsolet - doch bis heute weckt der Walkman romantische Gefühle und nostalgische Erinnerungen. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,725030,00.html
Ich habe an meinem Walkman viel Spass gehabt und nun ist seine Zeit um. Machs gut alter Kumpel. Der Ipod wird dich würdig vertreten.
3. MP3 Player = (un)tote Technologie
Lightbringer 24.10.2010
Wie es am Ende des Artikels schon richtig steht: MP3 Spieler sind auch schon eine (un)tote Technologie, sie wissen es nur noch nicht. Jedes Smartphone kann mittlerweile Musikstücke verschiedenster Formate abspielen und speichern, und das habe ich fast immer bei mir. - warum sollte ich also noch ein weiteres Gerät mit mir herum schleppen? In 10 Jahren braucht niemand mehr iPods, der wird durch die zunehmende Verbreitung von iPhone & Co. aussterben.
4. Hatte 1985 einen DDII in schwarz mir gepolsterter Umhängetasche
hzd 24.10.2010
,allein das zusätzliche Netzgerät kostete 50 DM! Aber er spielte wunderschön. Bei schwächelnder Batterie fing die rote LED langsam an zu flackern (vor allem beim Spulen). Na ja, vor einiger Zeit habe ich mir ein Handy mit dem "Walkman"-Schriftzug gekauft, tatsächlich nur aus Nostalgie, aber der alte Zauber ist natürlich hin...
5. The times they are a changin
schna´sel, 24.10.2010
Zitat von sysopDer Kassetten-Walkman ist am Ende: Nach über 30 Jahren hat Sony die Herstellung des einst kultisch verehrten Geräts klammheimlich eingestellt. Die Band-Technik war ohnehin längst obsolet - doch bis heute weckt der Walkman romantische Gefühle und nostalgische Erinnerungen. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,725030,00.html
So ist das mit den Glücklichmachern. Es schien tatsächlich so zu sein damals, dass mit dem Walkman ein Traum wahr geworden war. Ich kann mich erinnern, wie ich das selber abgefeiert habe: Musik in einer super Qualität und überall dabei. Heutzutage ist das für mich eine Plage geworden: Das Dauergedudel in den Bussen und Bahnen, die unüberhörbaren Attacks von HiHat und Snare aus allen Ecken und Enden. Ich hoffe darauf, dass sich auch diese Zeiten noch einmal verändern werden.
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