Von Matthias Kremp
Hamburg - "Der Tablet-Effekt ist real." Für Léo Apotheker, den Chef des größten Computerherstellers der Welt, HP (Hewlett Packard), scheint dieser Satz ein Mantra zu sein. Mehrmals wiederholt er seine Erkenntnis, als er am Donnerstag Journalisten und Analysten die Geschäftsergebnisse des Konzerns bekanntgibt. Der Tablet-Effekt, das ist für Apotheker ein Sinnbild für die Veränderungen im PC-Markt. Es ist der Grund dafür, dass er die komplette PC-Sparte seines Unternehmens abstoßen und das Geschäft mit Handys und Tablets aufgeben will. Der Tablet-Effekt ist real.
Apothekers Ankündigung kommt überraschend. Noch im Mai hatte sich das Unternehmen kämpferisch gegeben: Als HP seinen Tablet-PC TouchPad einigen europäischen Journalisten in Cannes vorstellte, tönte Europachef Eric Cador, gegen Apples iPad gerichtet: "In der Tablet-Welt werden wir besser werden als die Nummer eins. Wir nennen es Eins-Plus." Mit den Flachrechnern werde der Konzern künftig die Hälfte seines Computerumsatzes bestreiten. Das wäre eine ganze Menge gewesen, denn noch liefert der Branchenprimus pro Sekunde zwei PC aus.
Ein ordentlicher Absatz wäre auch das Mindeste gewesen, schließlich hat sich HP den Einstieg in den Tablet-Markt einiges kosten lassen. Zum einen verlor HP die Sympathien seines wohl wichtigsten Partners Microsoft. 2010 präsentierte dessen Chef Steve Ballmer auf der Unterhaltungselektronikmesse CES den Prototyp eines HP-Tablets mit Windows-Betriebssystem. Mit solchen Geräten wollten die Konzerne gemeinsam gegen Apples iPad antreten - doch daraus wurde nichts.
WebOS statt und für Windows
Zum anderen entschied HP wenig später, dass Windows auch in der Version 7 noch nicht reif für die flachen Touch-Rechner sei, und tat, was Multimilliarden-Konzerne in solchen Situationen tun: eine passende Firma übernehmen. HP schnappte sich Palm, ein Unternehmen, das seit Jahren unter schwindender Bedeutung litt. Palm hatte zuvor den ehemaligen Apple-Entwicklungschef Jon Rubinstein engagiert, um wieder auf Kurs zu kommen - und war damit gescheitert. Für 1,2 Milliarden Dollar ging Palm an HP, inklusive seines webOS-Betriebssystems, seiner Ingenieure und seines Chefs.
Eine Viertelmillion unverkaufter TouchPads
Das machte Eindruck in der Branche und hätte HP einen großen Vorsprung vor der Konkurrenz einbringen können. Die Möglichkeit, Tablet-Apps auf dem PC zu nutzen und umgekehrt, hätte Anwendern den Umgang mit Daten auf den unterschiedlichen Geräten erleichtert und Entwicklern einen enormen Markt beschert. Viele neue webOS-Apps hätten die Folge sein können. Genau das hätte dem TouchPad jenen Kick geben können, den es gebraucht hätte, um dem iPad den Rang abzulaufen. Doch die Integration von webOS auf HPs Windows-PC wurde nur vage angekündigt, erste Modelle mit der neuen Technik hätten vielleicht zum Weihnachtsgeschäft erscheinen können.
So kam das TouchPad im Sommer zum iPad-Preis, aber ohne den Hauch einer Chance gegen den Tablet-Marktführer, in den Handel. Zu viele Lücken klafften im System, zu wenige Apps waren im Angebot. Da konnte auch das an sich gut durchdachte und schön gestaltete webOS nicht helfen. Die Quittung bekam HP an der Ladenkasse. Einem Bericht von AllThingsD zufolge schaffte es die US-Einzelhandelskette Best Buy in den ersten Monaten gerade mal, 25.000 HP-Tablets abzusetzen. Selbst eine Preissenkung um 100 Dollar konnte die Käufer nicht locken. Angeblich sitzt das Unternehmen noch auf einer knappen Viertelmillion unverkaufter TouchPads und fordert von HP, die Ware zurückzunehmen.
Wer soll das schaffen?
Genau das könnte das Signal gewesen sein, auf das HP-Chef Apotheker gewartet hatte. Dem ehemaligen SAP-Mann, der als Spezialist fürs Großkundengeschäft gilt, mag es durchaus recht gewesen sein, einen Grund gefunden zu haben, die Privatkundensparte abzustoßen. Das Wachstum im PC-Markt ist ohnehin seit Jahren rückläufig. Einzig Apple kann, ganz gegen den Trend, immer noch Jubelzahlen melden. Anzeichen für einen Umbau von HP zu einem Business-Business hätte man vielleicht schon früher wahrnehmen können. Aktuell will der Konzern die britische Software-Firma Autonomy übernehmen, für 8,2 Milliarden Euro. Autonomy entwickelt sogenannte Infrastruktursoftware für Großunternehmen und Regierungen.
Aber während HP dank prall gefüllter Kassen genug Barschaft hat, um sich solche Riesen-Übernahmen zu leisten, bleibt die Frage: Wer soll HP jetzt seine Privatkundensparte abkaufen? Apple hätte sicher die Mittel, sich HPs Fabriken und Entwicklungslabors zu leisten, wird ein solches Angebot aber ablehnen. Die Integration eines derart großen, weitverzweigten Gebildes in die engen, geschlossenen Strukturen des iPad-Herstellers könnte das ganze Konzerngebilde ins Wanken bringen. Dell dürfte sich ebenfalls selbst genug sein. Interesse könnte aus Asien kommen.
Für die PC-Branche hat HPs Schritt Leuchtturmwirkung. Wenn sogar der größte, fetteste Fisch im Teich keine Chance sieht, mit all seiner Technologie, seinem Wissenskapital und seinem weltweiten Vertriebsnetz gegen Apple zu bestehen, wer soll das dann schaffen?
Frei-webOS für alle
Was jetzt viele Palm-Fans - und nicht nur die - bewegt, ist die Frage: Was wird aus dem webOS? Einfach eindampfen ist keine Option. Nicht nur, weil das ein hoher Preis wäre, sondern auch, weil die Software immer noch Potential hat. TechCrunch spekuliert, Amazon könnte Interesse an dem Mobil-Betriebssystem haben. Ein doppelt naheliegender Schluss. Einerseits wäre webOS eine gute Wahl und ein Alleinstellungsmerkmal für künftige Amazon-Tablets, andererseits sitzt webOS-Chefentwickler Jon Rubinstein im Amazon-Vorstand.
Eine noch interessantere Alternative hat ReadWriteWeb parat: HP könnte sein webOS in Lizenz oder gar als Open-Source anbieten. Potentielle Abnehmer wären Firmen wie HTC, Samsung und LG Electronics. Diese Unternehmen haben bislang weitgehend auf Googles Android gesetzt. Sie sehen jetzt einer ungewissen Entwicklung entgegen, nachdem Google sich mit Motorola Mobility einen eigenen Smartphone- und Tablet-Hersteller einverleiben will.
Für sie könnte ein frei verfüg- und modifizierbares webOS genau das richtige Angebot sein, um sich von Google freizuschwimmen und trotzdem Apples iOS etwas entgegenzusetzen. Als Einzelkämpfer aber hätten sie damit keine Chance. Würden sich aber mehrere bedeutende Unternehmen zu einer webOS-Allianz zusammenschließen, wäre das ein Zeichen, mit dem man um Vertrauen in die jetzt scheintot dahintreibende Plattform werben könnte.
Bisher sind die Versuche, Apple Konkurrenz zu machen, allerdings wenig erfolgreich. Das iPad steht immer noch synonym für Tablet-PC. Erst vor wenigen Tagen machte eine Umfrage Schlagzeilen, bei der 95 der an einem Tablet-Rechner interessierten US-Bürger antworteten, sie würden sich ein iPad kaufen wollen. Der Tablet-Effekt ist real und Apple profitiert davon - sonst niemand.
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