Afrika Kenia erlebt ein Handy-Wirtschaftswunder

Es begann als kleine Innovation im Ostafrika und wird Geschäftsmodell für die ganze Welt: Geldüberweisungen per Mobiltelefon boomen. Jetzt drängen Großkonzerne auf den Milliardenmarkt. Und Kenias Frauen sorgen sich um ihre Ehemänner.

Von , Nairobi


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Mobilfunk in Afrika: Reden, informieren, bezahlen
Geschichten aus Afrika handeln selten von Erfolg, Aufschwung und Innovation. Zumeist haben Geschichten aus Afrika mit Hunger und Armut, Ernteausfällen und Kriegen zu tun. Das gilt auch für Kenia, wo die Wirtschaft immer wieder Rückschläge erleidet. Die Industrie entwickelt sich schwerfällig. Die Landwirtschaft leidet unter anhaltender Dürre, fehlendem Dünger und mangelndem Wissen. Für einen nachhaltigen Aufschwung fehlt es an einem belastbaren Verkehrsnetz, an Strom und Wasser und vielfach auch an qualifiziertem Personal.

Doch die Wirtschaft in Kenia hat auch eine Sonnenseite. Ein Sektor erlebt einen einzigartigen Aufschwung. Er boomt, weil er angepasst, innovativ, preiswert ist - und für Millionen von Menschen den Alltag erleichtert. Es ist die Handy-Branche.

Afrika, das zeigen alle Statistiken, hat den am schnellsten wachsenden Handy-Markt der Welt. Dafür sorgen nicht preiswerte Endgeräte oder ein rasant steigender Wohlstand. Der Grund ist ein anderer: Nirgendwo ist das Handy so vielfältig einsetzbar und hat sich als Teil der Alltagskultur etabliert wie gerade in Ostafrika. Natürlich, Handys sind überall unverzichtbarer Bestandteil der Kommunikation. Doch sie haben inzwischen auch erhebliche ökonomische Auswirkungen. Zehn Prozent mehr Handys für die Gesamtbevölkerung, so hat eine Untersuchung an der London Business School ergeben, steigern das Wachstum in Entwicklungsländern um 0,6 Prozent.

Insbesondere die Mikroökonomie auf der Südhalbkugel wird von der Mobiltechnik beflügelt: Handwerker sind auch unterwegs erreichbar und können schneller disponieren. Fuhrunternehmer reagieren flexibel auf Angebot und Nachfrage. Farmer und Fischer können sich nun über Marktpreise informieren und so ihre Lagerhaltung und Verkäufe weitaus profitabler als zuvor organisieren.

In Kenia ist das mobile Kleingerät inzwischen so verbreitet, dass die Mobiltarife die Funktion des Brotpreises übernommen haben. Weil die Preise nach einem zwischenzeitlich ruinösen Wettbewerb inzwischen wieder stolze Höhen erklommen haben, schaltete sich vor kurzem sogar der Premierminister ein und forderte eine Absenkung der Tarife. Sie spiegelten, so seine Beschwerde, nicht die internationale Entwicklung wieder.

Telefonieren auf Kredit

Die afrikanischen Handy-Betreiber haben sich in den vergangenen 15 Jahren als ungleich innovativer erwiesen als etwa Anbieter in Europa oder Nordamerika. Der Erwerb einer Handy-Nummer ist deutlich unkomplizierter, umstandslos lassen sich Telefoneinheiten von einem Handy aufs andere übertragen, und wenn der Kunde keine Einheiten mehr hat, kann er bei einigen Anbietern für Kurzgespräche einen Kredit von 50 Cent aufnehmen. Den muss er allerdings innerhalb von drei Tagen, verzinst mit zehn Prozent, zurückzahlen. Einziges Handicap: In dünn besiedelten Gegenden, in denen nicht jedes Funkloch abgedeckt ist, müssen Handy-Nutzer bisweilen auf Hügel oder Bäume steigen, um eine SMS abzuschicken oder ein Gespräch zu führen.

Dass im 40-Millionen-Einwohner-Land Kenia inzwischen 20 Millionen Handys betrieben werden, hat nicht zuletzt mit einer besonderen Innovation zu tun, die ihren Siegeszug im März 2007 begann. Damals führte Marktführer Safaricom sein M-Pesa ein, auf deutsch: "mobiles Geld". Es war das Angebot, Geldtransfers übers Handy abzuwickeln. Und es war revolutionär für ein Land, in dem nur rund 15 Prozent der Erwachsenen über ein Bankkonto verfügen.

Monatlich 200 Millionen Euro per Handy überwiesen

Das Verfahren ist denkbar einfach: Der Kunde lässt sich bei M-Pesa registrieren, bekommt eine Nummer und ein Passwort und verfügt damit - dank einer speziellen Funktion auf der SIM-Karte - über ein Konto. Ist das Konto gefüllt, kann er von zu Hause oder unterwegs aus mit dem Handy Überweisungen vornehmen. Für die Ein- und Auszahlung der Summen sorgen landesweit über 11.000 Agenten mit ihren Shops. Jeder Agent musste umgerechnet knapp 1000 Euro investieren und bekam dafür eine Betreiberlizenz.

Das neue Angebot entwickelte sich rasant. Die Zahl der M-Pesa-Teilnehmer explodierte auf rund 8 Millionen Teilnehmer, umgerechnet über 200 Millionen Euro werden inzwischen monatlich in Kenia via Handy überwiesen. Zum Vergleich: Der Gesamt-Umsatz mit Kreditkarten beträgt in Kenia derzeit rund 300 Millionen Euro pro Monat. Er dürfte bald überflügelt werden. An die drei Milliarden Euro sollen bislang via M-Pesa transferiert worden sein. Und der Markt boomt weiter: Inzwischen gibt es allein in Kenia zwei weitere Anbieter, aus Südafrika drängt der Branchenriese MTN nach Norden und auf den arabischen Markt vor.

In Kenia haben sich innerhalb kürzester Zeit alle großen Unternehmen auf den neuen Service eingestellt. Strom und Wasserrechnungen lassen sich per Handy bezahlen, ebenso der Einkauf in manchen Supermärkten, Eintrittskarten, Flugtickets und Schulgebühren. Selbst Prostituierte, die mit der Zeit gehen, bieten inzwischen den innovativen Bezahlservice an.

"Gefahr von Überfällen deutlich geringer"

Auch Löhne werden bereits via Handy überwiesen. Der deutsche Beiersdorf-Konzern etwa, der in Nairobi rund 200 Mitarbeiter beschäftigt, zahlt den Gelegenheitsarbeitern im Unternehmen die Löhne über das Handy aus. "Das Verfahren ist unkomplizierter, und weil wir auf Bargeld verzichten, ist auch die Gefahr von Überfällen deutlich geringer", sagt der vormalige Niederlassungschef Mark Zillmann. Rund zwei Prozent der angestellten Kenianer bekommen inzwischen ihren Lohn aufs Handy überwiesen.

"Früher mussten die Leute aus abgelegenen Dörfern viele Kilometer fahren, um an Geld zu kommen und gingen auf dem Weg immer ein hohes Sicherheitsrisiko ein", sagte kürzlich die Geschäftsfrau Margaret Leshore, die in Maralal im Norden Kenias einen M-Pesa-Shop betreibt, der Tageszeitung "Daily Nation". Nun sind die Wege kurz und die Risiken deutlich geringer.

Das Verfahren hat viele Vorteile - vor allem für Kenianer ohne Bankkonto. Strapaziöse Reisen durchs halbe Land, nur um die Angehörigen zu Hause mit Barem zu versorgen, sind nicht mehr nötig. Im Norden, wo Überfälle an der Tagesordnung sind, nutzen viele Geschäftsleute ihr Handy als eine Art Sparbuch. So laden Viehhändler ihr Konto auf, bevor sie in die nächst größere Stadt auf den Markt fahren - und machen es in der Stadt, falls nötig, wieder zu Geld. Millionen im ganzen Land verfahren vor größeren Reisen ähnlich.

"Landschaft der Finanzdienstleistungen radikal verändert"

Die Transaktionen mit Safaricom sind um mindestens ein Viertel preiswerter als mit der Post, einer Busgesellschaft oder Marktführer Western Union, die in der Vergangenheit zuständig waren für den nationalen Bargeldtransfer. Und schließlich ist das Netz der M-Pesa-Shops so engmaschig, dass keine Bank oder Post mithalten kann.

Das Überweisungsgeschäft scheint so lukrativ, dass nun auch andere hellwach geworden sind. Jahrelang haben die bisherigen Platzhirsche des internationalen Transfergeschäfts, Western Union oder Money Gram, traumhafte Renditen mit den Überweisungen von nach Übersee ausgewanderten Afrikanern erzielt. Diese Zeiten sind vorbei.

Nachdem Safaricom nun auch das grenzüberschreitende M-Pesa-Geschäft etwa zwischen Kenia und Großbritannien eröffnet hat, drängen gewöhnliche Geschäftsbanken, die Kreditkartenbetreiber, aber auch Netzbetreiber und Handy-Produzenten auf den Markt. Für die Kreditkartenriesen Visa und Mastercard war Afrika bisher weitgehend uninteressant, weil ihr Geschäft ein Bankkonto voraussetzt. Nun wird umgedacht: "Auch wir müssen in den Markt hinein und an Lösungen arbeiten", verriet unlängst Victor Ndlovu, Chef von Visacard Afrika. "Die Möglichkeit, Geld mit dem Handy zu überweisen, hat die Landschaft der Finanzdienstleistungen radikal verändert", hat auch Gail Galuppo, Vizepräsident und Marketingchef von Western Union erkannt.

Die Männer kommen nicht mehr nach Hause

Die Überlegung ist einfach: Vier Milliarden Menschen weltweit, so sagen die Statistiken, haben zwar ein Handy, aber kein Bankkonto. In dieser Marktlücke will jetzt allen voran der finnische Handy-Hersteller Nokia vorstoßen. "Nokia money" heißt die Tochter, die in Kürze zusammen mit ausgewählten Netzbetreibern in Asien und Afrika ins Rennen gehen will. Auch er hat es vor allem auf den internationalen Devisentransfer abgesehen. Und weil der Multi gerne in globalen Dimensionen denkt, setzt er sich ehrgeizige Ziele: 300 Millionen Kunden will er innerhalb von zwei Jahren gewinnen.

An Kenias Netzbetreiber Safaricom und M-Pesa, mit denen alles anfing, wird sich dann kaum noch jemand erinnern. Dort ist M-Pesa inzwischen so populär, dass neben dem Segen auch der Fluch erkennbar wird. Einer Studie der weltweit agierenden, regierungsunabhängigen "Consultative Group to Assist the Poor" (CGAP) zufolge haben in Kenia die in die Städte abgewanderten Männer ihre Fahrten nach Hause aufs Land deutlich reduziert. Nun liefern sie das Geld nicht mehr persönlich ab, sondern überweisen per Handy. Schon fürchten viele Frauen, so die Studie, den Verlust ihrer Männer an anonyme "Frauen in der Stadt" - und damit auch den Verlust der regelmäßigen Geldzuwendungen.

Auch der Schalter von Margaret Leshore in Maralal hat nicht selten die Funktion einer Klagemauer: "Es gibt massenhaft Beschwerden, dass die Männer jetzt nicht mehr nach Hause kommen."



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 21 Beiträge
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el3ktro 10.01.2010
1. Toll
Klingt nach einer tollen Sache. Not macht erfinderisch würde ich sagen :-) Hierzulande wird schon seit Jahren an mobilen Zahlungssystemen herumprobiert, und in Kenia machen sie es einfach!
think-beyond 10.01.2010
2. Einmal Europa - Afrika und zurück
Es ist schon verrückt, wenn man bedenkt, dass schon 1996 Matthias Entenmann zusammen mit der Deutschen Bank als Investor und seiner Firma Paybox dasselbe in Deutschland anbot und anscheinend kläglich damals scheiterte. Ich hatte es damals auf meiner Internetseite installiert, es funktionierte hervorragend, aber es hatte wohl zu wenig Nutzer in den Anfängen. Jetzt kommt die Welle von einem so einleuchtenden Zahlungsverfahren aus Afrika.
peterregen 10.01.2010
3. Gebühren?
Die Gebühren wären mal interessant. Sowohl für normale Gespräche/SMS, als auch für Überweisungen.
CHANGE-WECHSEL 10.01.2010
4. der Untergang ist programmiert
Geld und Marktwirtschaft ist eine Droge, dies ist erwiesen. Und wie bei jeder Droge, kommt erst der euphorische Höhenflug, dann die Abhängigkeit und ständige Steigerung des Höhenfluges, schließlich der zerstörende unaufhaltsame Absturz. Die Gewinner sind die Dealer und Händler, in diesem Fall die Banken im fernen Westen wie Deutsche Bank, Credit Suisse oder in der fernen USA wie Goldman Sachs. Geld ist eine Droge und die Staatsbanken sind die Drogenküche und die Banken die Dealer. Die Wurzeln des Guten - Das neue Bild vom Menschen http://www.ardmediathek.de/ard/servlet/content/3607464
ElOmda 10.01.2010
5. Habe ich schon
mehrmals an alle möglichen Medien in Leserbriefen und in Schreiben an Redaktionen vorgeschlagen sich darum zu kümmern. Das verfahren ist schon seit Jahren in ganz Afrika verbreitet! Eine Überweisung ist letztendlich nichts anderes als eine SMS. Aber: Während Millionen und Milliarden an SMS weltweit in Minuten am Ziel sind brauchen so genannte "moderne" Banken immer noch Tage um so was von A nach B zu senden. Nur bei Boni und Gehältern sind sie schnell und ideenreich! Hier ein Beispiel für die Cleverness der Finanzdienstleister! Wie clever die Manager bei Banken sind und vielfach damit verbundenen Versicherungsgesellschaften sind zeigt der Fall der MEG wo ( so schreibt es der ExtraTip Chefredakteur heute ) dämliche Manager von Versicherungsgesellschaften halfen 47 Millionen zu verbraten ! Und der Hauptschuldige sitzt in der Türkei und lacht sich einen ins Fäustchen , auch über die Staatsanwaltschaft in kassel die immer noch überlegt wie sie im die Zahlung erleichtert, statt ihn endlich unter "dach und Fach " zu bringen!
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