Alternative Stromerzeugung: Topf und T-Shirt sollen Handys laden

T-Shirt mit Ladegerät, Kochtopf mit USB-Anschluss, Spezial-Touchscreen: Entwickler aus aller Welt arbeiten an neuen Technologien, mit denen man Strom erzeugen kann, wenn keine Steckdose in der Nähe ist. So sollen Tablet-Fans länger wischen und Rockfans ihre iPods startklar machen können.

Fingertippen, Wasserkochen, Musik hören: Stromerzeugung mal anders Fotos

Eigentlich kann man ja schon ganz zufrieden sein: Die meisten Tablet-Computer haben auch ohne Steckdose Energie für einen ganzen Tag voller E-Mails, Web-Seiten und Zwischendurchspielen. Aber dann müssen sie an die Ladestation und per Netzteil mit Energie versorgt werden - bisher.

Denn damit könnte - oder vielmehr sollte - es bald vorbei sein, wenn es nach einer Gruppe koreanischer Designer geht. Yonggu Do, Jun-Se Kim und Eun-Ha Seo hatten die Idee, man könne doch einfach moderne Nanotechnik zur Energiegewinnung benutzen. Ihren Vorschlag reichten sie, wie 3000 andere Teilnehmer auch, bei dem Wettbewerb "a life with future computing" (Leben mit den Computern von morgen) des Computerherstellers Fujitsu ein. Die koreanischen Designer wurden mit einem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet, berichtet " designboom".

Begeistert hat die Jury, wie die jungen Designer den Strom für die Flachrechner ohne größeren Aufwand von den Anwendern selbst erzeugen lassen wollen. Die Grundlage des Konzeptes ist, dass Tablet-Nutzer durchschnittlich 10.000-Mal pro Tag auf ihren Touchscreen tippen. Die Energie, die dabei durch die Finger auf den Bildschirm einwirkt, wollen sie mit einem piezoelektrische Nanofilm unter dem Display in Strom umwandeln.

Die Technik ist nicht neu

Dabei nutzen sie den sogenannten piezoelektrischen Effekt aus. Der ermöglicht es, Druck direkt in elektrischen Strom umzuwandeln. Piezoelektrische Filme, die sich diesen Effekt zunutze machen, gibt es heute durchaus schon. Die Ströme, die sie erzeugen, sind allerdings so gering, dass sie kaum sinnvoll zur Energiegewinnung nutzbar wären. Stattdessen kommen Piezofilme in Sensoren zur Anwendung, die Druck oder Verformungen messen. Hier genügen winzige Ströme, um Signale zu geben.

Wann also aus der Idee ecoPad tatsächlich ein serienreifes Produkt wird, steht in den Sternen. Dass die Idee eine gute ist, steht außer Frage, auch wenn der so erzeugte Strom kaum ausreichen wird, den Akku komplett aufzuladen, sondern bloß dessen Laufzeit verlängern dürfte. Die Grübelei hat sich für die Designer schon gelohnt: Sie wurden mit einem Geldpreis von 1000 Dollar (700 Euro) belohnt.

Tee kochen für das Telefon

Ein solches Preisgeld wird Kazuhiro Fujita von der japanischen Elektronikfirma TES NewEnergy kaum bekommen. Stattdessen wird er seine Belohnung ganz schlicht über Verkäufe einnehmen. Seine Idee zur alternativen Stromerzeugung kam ihm nach der Erdbebenkatastrophe vom 11. März. Er war zwar selbst nicht betroffen, sah aber im Fernsehen, wie Erdbebenopfer versuchten sich über offenem Feuer Essen zuzubereiten.

So kam er auf die Idee, einen Kochtopf zu entwickeln, der nebenbei Strom erzeugt. Das Ergebnis heißt Hatsuden-nabe, sieht aus wie ein gewöhnlicher Topf und hat einen USB-Anschluss als Stromspender im Griff. Den Strom erzeugen Streifen einer speziellen thermoelektrischen Keramik, die in den Topf eingearbeitet sind. Sie gewinnen aus der Temperaturdifferenz zwischen dem Topfboden (550 Grad Celsius) und dem kochenden Wasser (100 Grad Celsius) Energie.

Je nach Modell braucht man etwa drei bis fünf Stunden, um ein Smartphone aufzuladen, verspricht der Hersteller. Anders als das ecoPad ist der Ladetopf allerdings schon ein fertiges Produkt, wird in Japan für umgerechnet 212 Euro verkauft.

Lautstärke lädt

Für das Sound-Charge-T-Shirt des britischen Mobilfunkanbieters Orange gilt das leider nicht. Die elektrifizierende Bekleidung ist derzeit noch in der Entwicklung. Genau wie beim ecoPad sorgt auch hier ein piezoelektrischer Film für die Stromerzeugung durch Druck. Allerdings wird nicht Nanomaterial, sondern gewöhnlicher Piezofilm verwendet, der vorne unter dem Stoff angebracht ist. Und auch die Quelle des Drucks, der hier in Strom umgewandelt wird, ist eine andere.

Denn anfassen, womöglich darauf herumdrücken, muss man bei dem Spezial-T-Shirt nicht. Das wäre für die Träger dieser Textilie wohl auch zu unangenehm. Stattdessen soll Schalldruck ausreichen, um Strom für Handy und MP3-Player zu erzeugen. Im Klartext heißt das: je mehr Schalldruck, desto mehr Strom erzeugt das Leibchen. Noch klarer ausgedrückt: Erst wenn es so richtig laut wird, wird der Akku ordentlich aufgeladen.

Ob das wirklich funktioniert, wollen die Entwickler mit drei Prototypen in einer Umgebung testen, die dafür wie gemacht zu sein scheint - und in der man nebenbei reichlich Werbung für den Orange-Konzern machen kann: das Rockfestival in Glastonbury. Dort soll sich zeigen, mit welcher Band sich denn nun am meisten Strom erzeugen lässt: U2, Coldplay oder Queens of the Stoneage. Ein Schalldruck von 80 Dezibel, was nicht besonders laut ist, soll ausreichen, um ein Handy während des ganzen Festival-Wochenendes mit Energie zu versorgen.

Nach dem Live-Test werden die T-Shirts aber erst einmal wieder im Labor verschwinden. Ob daraus jemals ein echtes Produkt wird, das man sich als Notstromaggregat für die Festivals des Sommers überziehen kann, ist unklar.

Eine gute Idee wäre das ganz bestimmt.

mak

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1. Weiterführend...
Datenscheich 21.06.2011
Es wäre schön, wenn SpOn ein paar sinnvolle, weiterführende Links veröffentlichen würde, wo man verifizierte Hintergrundinformationen finden, z.B. zum Thema Micro Energy Harvesting, wo es u.a. auch um das Thema Piezoelektrizität geht: http://www.buch-der-synergie.de/c_neu_html/c_01_10_micro_energy.htm Eine umfassende Darstellung des Thermoelektrischen Effekts und seinen Anwendungen findet sich hier: http://www.buch-der-synergie.de/c_neu_html/c_05_03_waermeenergie_3.htm#Thermoelektrische_Effekt
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