Android Geheimverträge zeigen Googles Vorschriften für Handy-Hersteller

Die Play-Store-App muss ganz vorne positioniert werden und Google die Standard-Suchmaschine sein: Handy-Hersteller müssen sich strengen Vorschriften beugen, wenn sie Google-Apps installieren wollen. Das zeigen ältere Lizenzverträge, die eigentlich nicht an die Öffentlichkeit sollten.

Lizenzvertrag: Wer Google-Apps nutzen wollte, musste klare Vorgaben einhalten

Lizenzvertrag: Wer Google-Apps nutzen wollte, musste klare Vorgaben einhalten


So frei, wie man gerne denkt, sind die Hersteller von Android-Smartphones offenbar nicht. Jedenfalls nicht, wenn es darum geht, Google-Apps auf einem solchen Gerät zu installieren. Das konnte man bisher schon anhand des Verhaltens vieler Hersteller vermuten, aber einen direkten Einblick in das Regelwerk gab es nicht. Jetzt sind zwei Verträge ans Licht gekommen, die zeigen, welche strikten Vorgaben Firmen wie Samsung und HTC einhalten müssen, um Google Apps wie Gmail und den Play Store auf ihren Produkten installieren zu dürfen.

Eigentlich hätten diese Verträge wohl geheim bleiben sollen. Am Fußende jeder der 13 Seiten befindet sich der Schriftzug: "Streng vertraulich - nur für Anwälte". Dass sie jetzt trotzdem an die Öffentlichkeit gekommen sind, liegt an einem laufenden Prozess, den Google und der Datenbankkonzern Oracle in den USA gegeneinander ausfechten. Die Verträge wurden vom Gericht als Beweismittel eingestuft und offenbar vollkommen unverändert freigegeben. Benjamin Edelman, ein Assistenzprofessor an der Harvard University, hat sie sich verschafft und online gestellt.

Wirklich aktuell sind die Schriftsätze zwar nicht, sie stammen aus dem Jahr 2011, aber sie geben dennoch einen Einblick in Googles Lizenzbedingungen. Denn genau darum geht es: Während das Betriebssystem Android ausdrücklich frei verwendbar ist und von jedermann modifiziert und umgebaut werden kann, gilt dasselbe nicht für Googles Apps.

Keine Unterschrift, keine Apps: Nur wer Googles Richtlinien akzeptiert, darf auch Gmail und Co. verwenden
SPIEGEL ONLINE

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Die wiederum sind aber ein wichtiges Kaufargument. Ein Android-Handy, auf dem kein Gmail, kein Google Maps und kein Play Store zu finden sind, lässt sich potentiellen Käufern nur schwer schmackhaft machen. Umso mehr, als es keine alternativen Bezugsquellen für Googles Apps gibt. Eine echte Wahl bleibt den Firmen also nicht. Entweder sie nehmen Googles Vertrag an - oder sie nehmen erhebliche Wettbewerbsnachteile in Kauf.

Mit der Unterzeichnung der als "Mobile Application Distribution Agreement" (MADA) bezeichneten Verträge verpflichteten sich die Lizenznehmer unter anderem dazu:

  • ausnahmslos alle Google-Apps vorzuinstallieren, die in der jeweiligen Region zugelassen sind,
  • die Google-Suchfunktion und die App-Store-App mindestens auf der Bildschirmseite direkt neben dem Hauptbildschirm abzulegen,
  • alle übrigen Google-Apps maximal eine Ebene unterhalb des Hauptbildschirms bereitzustellen,
  • Google als Standard-Suchmaschine einzustellen,
  • Google monatlich zu berichten, wie viele der mit Google-Apps bestückten Geräte verkauft wurden,
  • Google vor der Markteinführung mindestens vier Exemplare zur Überprüfung zu liefern, am besten 30 Tage vor Produktionsbeginn,
  • sicherzustellen, dass der sogenannte Network Location Provider bei Auslieferung abgeschaltet ist. Es handelt sich dabei um eine Technik, die eine Ortung des Handys anhand der Feldstärke nahegelegener Funknetze ermöglicht. Google will damit sicherstellen, dass Anwender explizit einwilligen, dass diese Technik genutzt wird, mit der sich fast lückenlose Bewegungsprofile anfertigen lassen.
  • Sicherzustellen - sofern von Google nicht anderweitig schriftlich erlaubt - dass Geräte, die in Deutschland vertrieben werden, die Handelsmarke Google Mail (und nicht Gmail) verwenden. Der Internetkonzern durfte die Marke Gmail damals aus rechtlichen Gründen nicht in Deutschland nutzen.

Ob oder inwieweit diese oder ähnliche Klauseln heute noch gelten, ist unklar. Man kann aber davon ausgehen, dass Google die Nutzung seiner Apps auch heute noch an Verträge bindet, die bestimmte Standards vorschreiben. So frei, wie man es oft zu hören bekommt, sind Handy-Hersteller im Umgang mit Android also nicht.

Das kann man beklagen und auf die Prinzipien freier Software verweisen. Aber es hat auch etwas Gutes, wenn der Konzern für seine eigene Software bestimmte Regeln vorgibt. Zum einen ermöglicht es Google eine Art firmenübergreifender Qualitätskontrolle. Zum anderen kann der Konzern damit Standards definieren, die einen all zu argen Wildwuchs verhindern und dafür sorgen, dass man als Android-User zumindest die Grundfunktionen auf jedem Android-Gerät wiederfindet. Unabhängig davon, ob und wie sehr dessen Hersteller die optische Anmutung der Benutzeroberfläche verändert hat.

mak

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insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
OneTwoThree 14.02.2014
1. Skandalfrei
Naja, ein Vertrag halt. Nicht besonderes. Was ich interessant finde: ´´sicherzustellen, dass der sogenannte Network Location Provider bei Auslieferung abgeschaltet ist. Es handelt sich dabei um eine Technik, die eine Ortung des Handys anhand der Feldstärke nahegelegener Funknetze ermöglicht. Google will damit sicherstellen, dass Anwender explizit einwilligen, dass diese Technik genutzt wird, mit der sich fast lückenlose Bewegungsprofile anfertigen lassen. ´´ Ja, da macht Google dann doch alles richtig: Einfach auf die Naivität und Unwissenheit der Nutzer setzen ;)
soeinschwachsinn 14.02.2014
2. MS Windows & MS Internet Explorer
Genau wie bei o.g. Kombination könnten hier mal die EU eingreifen und solche Knebelverträge und Kundenverarsche verbieten. Wäre ja schon fast Wunschdenken. Doch für wen Internet Neuland ist, der weiß garantiert auch nicht, dass Google nur eine von vielen Suchmaschinen ist.
redspot 14.02.2014
3.
Da Android nun mal von Google stammt, ist dagegen ist eigentlich wenig zu einzuwenden. Mich würde eher interessieren, welche "Benefits" die Smartphone-Hersteller erhalten, wenn sie 3rd-Party Apps wie Facebook, Twitter usw. installieren. Sicherlich gibt es auch hier Verträge, schon alleine wegen der Rechtssicherheit. Und spätestens seit dem Spähskandal muss man erst recht hinterfragen, warum NSA-nahe Apps schon fest vorinstalliert sind und sich ohne Root auch nicht löschen lassen. Dabei könnte man diese Apps bei Bedarf leicht selbst nachinstallieren, aber scheinbar möchte man diese Entscheidung nicht den Benutzern selbst überlassen.
panameño 14.02.2014
4. ... na und?
Ein ganz gewöhnlicher, üblicher Vertrag. Weit entfernt vom sektenartigen Gebaren Apples.
Toecutter 14.02.2014
5.
Zitat von panameñoEin ganz gewöhnlicher, üblicher Vertrag. Weit entfernt vom sektenartigen Gebaren Apples.
Eine sehr seltsame Sicht der Dinge. Ich möchte mal Ihren Kommentar lesen, wenn Apple solche Knebelverträge abgeschlossen hätte. BTW: Ich nutze kein iPhone, sondern ein Nexus 5. Nur um dies gleich klar zu stellen.
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