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16. Dezember 2011, 14:18 Uhr

Android-Handy Galaxy Nexus

Heldenhafter Handschmeichler

Es hat einen gebogenen HD-Bildschirm, Hightech-Datenfunk und das neue Android 4.0 an Bord: Mit dem Galaxy Nexus wollen Samsung und Google einen Maßstab für Smartphones setzen. Kurz vor dem Verkaufsstart hat Matthias Kremp getestet, ob das gelungen ist - und ist bass erstaunt.

Da habe ich mir wegen des großen Bildschirms des Galaxy Nexus ein so schönes Vorurteil zurechtgelegt. Einen schwer bedienbaren Klotz, ein dickes Frühstücksbrett hatte ich erwartet, als ich den XL-Verkaufskarton öffnete - und dann kommt dieses Android-Überphone und macht meine Vorstellungen sekundenschnell zunichte. Denn das Smartphone mit dem neuen Google-Betriebssystem Android 4.0, Codename Ice Cream Sandwich, liegt wirklich gut und bequem in der Hand.

Erstaunlicherweise kann man glatt als elegant bezeichnen, was Samsungs Designer da entwickelt haben. Kamen mir Smartphones mit Bilddiagonalen von mehr als vier Zoll bisher stets als zu groß, zu unhandlich vor, liegt das neue Nexus mit seinen üppigen 4,65 Zoll erstaunlich gut in der Hand. Vermutlich hat die leichte Keilform - das Handy wird von unten nach oben dünner - ihren Anteil daran. Ein weiterer Effekt, den die flache, breite Form hervorruft: Obwohl es fast genauso viel wiegt wie ein iPhone 4S, fühlt sich das Nexus leichter an, weil es das Gewicht auf eine größere Fläche verteilt. Komisch nur, dass trotzdem bloß 16 GB Speicher darin stecken - und kein Erweiterungssteckplatz.

Was diese zusätzliche Fläche bringt, merkt man beim Websurfen, beim Lesen und in etlichen Apps. Der Bildschirm hat eine Auflösung von 1280 x 720 Bildpunkten, zeigt also 50 Prozent mehr Pixel an als das Retina-Display des iPhone 4/4S. Und genauso wie man bei der Einführung des iPhone 4 über dessen Auflösung staunte, bewunderte, wie scharf Schrift dargestellt wird und wie viele Informationen auf das Display des Apple-Handys passen, staune ich jetzt darüber, wie viel mehr das Nexus-Display abbildet - siehe Fotostrecke:

Immerhin entspricht die Auflösung der eines HD-Fernsehers. Entsprechend viel Spaß macht es, darauf Filme oder Fotos anzusehen - oder selbst welche zu machen. Dabei ist die Bildqualität nicht überragend - die Frontkamera hat fünf Megapixel, die Chat-Kamera 1,3 - aber ordentlich. Vor allem aber ist die Kamerafunktion enorm schnell. Muss man bei anderen Smartphones immer einen Augenblick warten, bis ein Schnappschuss gespeichert ist, sichert das Galaxy Nexus Fotos derart schnell, dass ich manche Motive mehrmals fotografiert habe, weil ich nicht bemerkt hatte, dass bereits der erst Schuss gelungen war.

Damit nicht genug, hat Google die Kamerasoftware in Android 4.0 mit allerlei teils nützlichen, teils kurzweiligen Funktionen aufgebohrt. So kann man Panoramaaufnahmen durch einen einfachen Schwenk der Kamera erstellen. Das verbinden der Einzelbilder erledigt die Software automatisch und schnell. Außerdem gibt es einige Live-Effekte für Videoaufnahmen. Man kann die Nase der gefilmten Person besonders groß, die Augen besonders klein machen oder gleich die ganze Person vor einen Fotohintergrund (Weltraum, Sico, etc.) montieren lassen. Sinnvoll ist das nicht, aber kurzweilig. Schade nur, dass sich die Effekte nur auf Bewegtbilder und nicht auf Fotos anwenden lassen.

Etwas Goldstaub und ein Roboto für Android 4.0

Aber die Fotofunktionen sind nur ein Ausschnitt dessen, was Google beim Ice Cream Sandwich gegenüber den Vorversionen verändert und hinzugefügt hat. Besonders sinnvoll ist beispielsweise das neue Kontrollfeld Datenverbrauch, auf dem sich detailliert ablesen lässt, welche App wie viele Daten überträgt und wie viele Daten man insgesamt im jeweiligen Beobachtungszeitraum verbraucht hat. Vor allem aber kann man dort einstellen, dass man nach Erreichen einer bestimmten Datenmenge gewarnt werden möchte.

Neben solchen funktionellen Verbesserungen hat Google reichlich optischen Goldstaub über Android ausgekippt. Mit viel Gefühl für Feinschliff sind etliche Ecken und Kanten angerundet worden. Außerdem wurde für Android 4.0 eine neue Schrift namens Roboto entwickelt, die ihrerseits für eine deutliche Änderung des Erscheinungsbilds sorgt.

Datenübertragung per Anstupsen

Einige Neufunktionen konnte ich leider nicht testen, weil dafür zwei Galaxy Nexus nötig gewesen wären. Dazu gehört die Android Beam genannte Datenübertragung per NFC-Funk (Near Field Communication), die Samsung zufolge in Gang gebracht werden kann, indem man zwei NFC-fähige Handys aneinander hält. Dasselbe gilt für W-Lan Direct, das es ermöglicht, zwei Android-Handys per W-Lan-Funktechnik miteinander zu verbinden.

Aber Android 4.0 hat auch Macken. Eine davon: Es enthält keinen Flash-Player mehr. Erst seit dem Freitag dieser Woche ist der Flash-Player auch in einer Version verfügbar, die auf dem Galaxy Nexus läuft. Sie muss allerdings nachträglich aus dem Android Market geladen werden. Eines der wichtigsten Argumente, mit denen Handy-Hersteller ihre Android-Geräte bislang gegen Apples iPhone positioniert hatten, fällt damit weniger gewichtig aus. Gut, dass immer mehr Anbieter auf HTML 5 setzen.

Nervig ist auch die Bildschirmsperre per Gesichtserkennung, das sogenannte Face Unlock. In der Theorie erfasst die Software mit der eingebauten Chat-Kamera die besonderen Merkmale im Gesicht des Users, woraufhin man das Handy künftig freischalten kann, indem man in die Kamera lächelt. Wenn es klappt, ist das klasse und macht ordentlich was her, wenn man mit dem Telefon angeben will. Leider klappt es aber häufig nicht, so dass man eine PIN eingeben muss, was die ganze Angelegenheit langwierig und den Vorführeffekt zunichte macht.

Immer der Akku

Aber diese Kritikpunkte sind Kleinigkeiten verglichen mit dem, was am Galaxy Nexus gelungen ist. Zum ersten Mal gibt es ein Handy, das die Vorzüge eines großen Bildschirms bietet und trotzdem gut in der Hand liegt. Als Vorzeigeplattform für Googles Android 4.0 ist es mit seinen Maßen umso besser geeignet, weil die neue Software auf kleinen Handys und großen Tablets gleichermaßen laufen soll. Das Samsung liegt irgendwo dazwischen, ist aber immer noch ein Smartphone.

Als solches teilt es auch ein Kernproblem, das alle Smartphones mit sich herumtragen: Sein Akku ist wählerisch, lässt sich nicht von jedem Ladegerät aufpumpen und ist wenig ausdauernd. Im Test speicherte er gerade genug Strom für einen normalen Arbeitstag mit dem Weg ins Büro, Nachrichten und E-Mails lesen. Perfekt ist das Galaxy Nexus eben auch nicht - aber ganz schön nah dran.

Anmerkung der Redaktion: Einige Leser haben uns darauf hingewiesen, dass Adobe in der Nacht zum Freitag eine neue Version des Flash-Player 11 veröffentlicht hat, die auch unter Android 4.0 läuft. Das Update kann aus dem Android Market bezogen werden. Wir danken allen Lesern, die uns diesen Hinweis gegeben haben.

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