Angebliche Tablet-Pläne: Amazon baut Hardware-Entwicklung massiv aus

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Amazons Entwicklungsfirma Lab126 stellt ein: Binnen eines Jahres hat sich die Mitarbeiterzahl verdoppelt, 180 neue Stellen sind noch offen. Amazon wirbt erfahrene Entwickler bei Apple, Palm und Smartphone-Herstellern ab. Woran arbeiten sie?

Amazon-Chef Jeff Bezos: Eine Amazon-Tochterfirma entwickelt das nächste große Ding Zur Großansicht
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Amazon-Chef Jeff Bezos: Eine Amazon-Tochterfirma entwickelt das nächste große Ding

Einen Kilometer Luftlinie von Apples Firmenzentrale entfernt baut Amazon eine gewaltige Entwicklungsabteilung auf: 180 neue Stellen hat der Konzern derzeit für den Standort Cupertino ausgeschrieben. Hier sitzt Lab126. Diese Amazon-Tochter hat das Lesegerät Kindle entwickelt. Von den Lab126-Büros in einem beige-braunen Bürogebäude braucht man laut Google Maps zu Fuß gerade mal 14 Minuten bis zum Haupteingang der Apple-Zentrale.

Die räumliche Nähe zum iPhone- und iPad-Konzern passt. Viele Anzeichen sprechen dafür, dass Amazon hier in Cupertino ein neues Tablet - oder auch mehrere neue Tablets - entwickelt. In mehreren Lab126-Stellenausschreibungen heißt es, man suche Entwickler für die "nächste Generation von Endgeräten".

Derzeit sucht Lab126:

  • 43 Ingenieure für die Hardware-Entwicklung
  • 44 Software-Entwickler
  • 13 Mitarbeiter für das Produktdesign
  • 19 Ingenieure und Manager für die Auswahl und Kontrolle von Zulieferern, vor allem in Asien

Die meisten übrigen Stellen verteilen sich auf die Bereiche Produktmanagement, Software-Qualitätssicherung, Rechtsabteilung (Verhandeln von Lizenz- und Zuliefererverträgen, Patentanmeldungen, Prüfung möglicher Patentkonflikte). Den Großteil der Stellen hat Lab126 zwischen März und Mai dieses Jahres ausgeschrieben.

Amazon wirbt Angestellte bei Apple, Palm und Motorola ab

Lab126 hat Großes vor. Die Statistiken des Karrierenetzwerks LinkedIn geben einen Eindruck, wie schnell das Unternehmen wächst: Derzeit sind 382 LinkedIn-Mitglieder nach ihren eigenen Profilangaben bei Lab126 beschäftigt, die Zahl hat sich binnen eines Jahres mehr als verdoppelt. Die meisten dieser Mitarbeiter sind von Apple (49), Palm (43), Motorola (34), Hewlett-Packard (23) und Microsoft (22) zu Lab126 gewechselt. Offenbar stellt Amazon bevorzugt erfahrene Entwickler ein - laut Linkedin haben 70 Prozent der Angestellten mehr als zehn Berufsjahre Arbeitserfahrung - das sind deutlich mehr als bei vergleichbaren Unternehmen.

Wozu diese rasante Expansion? Amazon-Chef Jeff Bezos hat vor wenigen Tagen bei einer Veranstaltung des US-Magazins "Consumer Reports" einen Hinweis gegeben. Auf die Frage, ob sein Unternehmen ein Tablet entwickelte, antwortete Bezos: "Stay tuned" - bleiben Sie dran.

Die "New York Times" hatte schon im August 2010 einen Amazon-Insider mit dieser Einschätzung zitiert: "Jeffs eigentliches Ziel für das Lab war es, eine Reihe unterschiedlicher Geräte zu bauen." Lange Zeit hat sich Lab126 ausschließlich auf die Entwicklung der Kindle-Lesegeräte konzentriert, doch diese Strategie sei schon Mitte 2010 aufgegeben worden.

Diese anonyme Einschätzung deckt sich mit der Personalentwicklung bei Lab126. Wenn die 180 derzeit ausgeschriebenen Stellen besetzt sind, wird Lab126 gut dreimal so viele Angestellte haben wie im Frühjahr 2010. Basierend auf den LinkedIn-Mitarbeiterprofilen sind gut 75 Prozent davon Hard- und Softwareentwickler.

Zulieferer in Taiwan berichten vom Amazon-Tablet

Aber was bauen diese Menschen? Auf jeden Fall eine Menge funktionsfähiger und nicht-funktionsfähiger Prototypen neuer Geräte. Anfang des Monats hat Lab126 einen Modellbauer eingestellt, gesucht wird derzeit ein Mitarbeiter, der die Logistik von Prototypen abwickelt, die an mehreren Amazon-Standorten eingesetzt werden.

Unter den Prototypen könnte ein iPad-Konkurrent sein: Das taiwanische Fachblatt für IT-Zulieferer "DigiTimes"" berichtete Anfang Mai, dass der Zulieferer Quanta den Auftrag für die Fertigung eines Amazon-Tablets erhalten hat. Bis zu 800.000 Geräte soll Quanta zu Spitzenzeit im Monat fertigen können, berichten "DigiTimes" unter Berufung auf Quellen bei Zulieferern einzelner Komponenten des Geräts.

Smartphones, Tablets oder gar eine Produktreihe neuer mobiler Endgeräte? Egal, was Amazon konkret entwickelt, geben die Stellenausschreibungen einige Hinweise darauf, welche Technologien dem Web-Riesen in Zukunft wichtig sind:

  • Mobilfunk-Integration: Amazon sucht Ingenieure, die sich mit Datenfunkstandards auskennen, aber auch Software-Entwickler, die Erfahrung mit der Entwicklung von Datenfunk-Treibern für Linux-Systeme und der Anpassung von Firmware für 3G-Datenfunk haben. Es gibt aber auch einige Details, die auf mehr als ein Immer-online-Tablet hindeuten: So sucht Amazon einen "Battery System Engineer", der Erfahrungen mit der Entwicklung von Akkus für Mobiltelefone hat. Im April hat Lab126 einen Ingenieur eingestellt, der zehn Jahre lang für Motorola und Sony Ericsson Smartphone-Firmware für Sprachtelefonie entwickelt hat.
  • Webbrowser: Die Kindle-Lesegeräte haben als experimentelle Zugabe einen rudimentären Internetbrowser an Bord. Zum Surfen ist diese Software kaum brauchbar, was natürlich auch am langsamen Kindle-Display liegt. Lab126 arbeitet offensichtlich an einem Gerät, das mit einem anderen Webbrowser arbeitet: Derzeit sucht die Amazon-Tochter drei Entwickler, die Erfahrungen mit der Open-Source-Browserengine Webkit haben, darunter einen spezialisierten Webkit-Entwickler. Diese Technik nutzt beispielsweise Apple auch für den Safari-Browser auf Mac OS X, dem iPhone und iPad.
  • Neue Benutzeroberfläche: Die Kindle-Lesegeräte bedient man ausschließlich über Tasten. Das funktioniert gut, weil die Geräte eine sehr reduzierte Funktionalität haben - man soll vor allem Seiten umblättern, Textpassagen markieren und ab und zu Notizen eintippen. Nun sucht Lab126 mehrere Entwickler "neuer Bedienoberflächen". Seit Anfang Mai arbeitet bei Lab126 eine Chefingenieurin, die zuvor Jahre lang bei den Intel Labs Prototypen neuer Benutzerschnittstellen (Gestenerkennung, Objekterkennung, berührungsempfindliche Displays) entwickelt hat.
  • Android: Derzeit führen vier Lab126-Stellenausschreibungen ausdrücklich Erfahrungen mit Googles Betriebssystem Android als erwünschte Qualifikation auf. Es liegt nahe, dass Amazon bei neuen Geräten Android-Anwendungen in irgendeiner Form einbinden wird. Im März hat Amazon einen eigenen Software-Laden für Android-Apps gestartet, der komfortabler zu bedienen ist als Googles eigenes Angebot, der Android Marketplace.
  • Internationales Angebot: Was auch immer Amazon entwickelt - die Hardware soll nicht nur in den Vereinigten Staaten vertrieben werden. Lab126 sucht Entwickler für die Softwarelokalisierung, Ingenieure, die Erfahrung mit internationalen Funkstandards haben und Verpackungsexperten, die sich mit internationalen Vorgaben auskennen.

Neben Lab126 stellen derzeit auch andere Abteilungen bei Amazon derzeit massiv Entwickler ein. Das "Mobile Services"-Team in Kalifornien, das den Android Appstore entwickelt hat, eröffnet bald einen zweiten Standort, wegen des "enormen Wachstums", wie es auf der Website heißt. Für die Firmenzentrale in Seattle hat Amazon allein im Mai 279 neue Stellen für Softwareentwickler ausgeschrieben.

Die Arbeitsaufteilung muss man sich wohl so vorstellen: Lab126 entwickelt die Hardware, die anderen Amazon-Kollegen die digitalen Angebote, die man dafür verkauft. So wie es aussieht, will Amazon noch viel mehr Digitales als bislang verkaufen.

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insgesamt 4 Beiträge
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1. Cool...
BadTicket 17.05.2011
Das klingt gut, hoffentlich mal eine Firma die wirklich was brauchbares neben dem iPad raus bringt. Denn die anderen Hersteller kupfern nur ab und bringen null Innovation. Da ist es fast klar dass diese Geräte eher Ladenhüter sind. Amazon hat sicher die Power ein System und eben nicht nur ein Gerät raus zu bringen.
2. Naja
bluemetal 17.05.2011
Ich entnehme also dass Amazon sich in die Schlange der mässig erfolgreichen Hersteller von Android tablets einreihen wird. Soweit ein gelangweiltes: Gähn. Immerhin haben sie wenigstens Content wie Bücher, Musik, Filme und einen geklauten AppStore um ein etwas besseres Angebot als all die anderen Klitschen auf die Beine zu stellen.
3. Service...
HuFu 17.05.2011
Zitat von sysopAmazons Entwicklungsfirma Lab126 stellt ein: Binnen eines Jahres hat sich die Mitarbeiterzahl verdoppelt, 180 neue Stellen sind noch offen. Amazon wirbt erfahrene Entwickler bei Apple, Palm und Smartphone-Herstellern ab. Woran arbeiten sie? http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,763024,00.html
Amazon sollte sich lieber auf besseren Kundenservice zurückbesinnen. Mails mit Textbausteinen aus Indien können nix. Ebenso nur unzureichend ausgebildete CC Agents. Paketversand via Hermes auch nicht. Ebenso Versand von Medien via dünnster Pappe via Dt. Post auch nicht.
4. ,.
Hagbard 18.05.2011
Zitat von HuFuAmazon sollte sich lieber auf besseren Kundenservice zurückbesinnen. Mails mit Textbausteinen aus Indien können nix. Ebenso nur unzureichend ausgebildete CC Agents. Paketversand via Hermes auch nicht. Ebenso Versand von Medien via dünnster Pappe via Dt. Post auch nicht.
Man kann über Amazon sagen was man will. Aber Service z.B. bei Rücksendungen, Rückfragen und dergleichen haben immer gut geklappt. Als ich seinerzeit mein Navi dort bestellte hat mir Amazon sogar rückwirkend 20 Euro erstattet, weil das Teil zwei Wochen nach Lieferung plötzlich billiger war. Dass die per Hermes verschicken ist mir allerdings neu. Bei uns kommt alles von Amazon immer mit der Post. Das ist allerdings auch nur eines von zwei Übeln.
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