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01. Oktober 2013, 12:31 Uhr

Z30 im Test

Blackberrys letztes Aufgebot

Von Matthias Kremp

Großes Schnelltipper-Smartphone mit kleinen Macken: Mit dem Fünf-Zoll-Bildschirm schließt der neue Z30 zu Highend-Smartphones mit Android-Betriebssystem auf. Der Test zeigt, was den Z30 von Vorgängern unterscheidet und weshalb man sich seine Ausdauer schwer erkauft.

Blackberry ist von einer innovativen Erfolgsmarke zum Krisenkind seiner Branche geworden. Gerade erst musste das finanziell angeschlagene Unternehmen fast eine Milliarde Dollar abschreiben - weil sein Top-Modell, das Smartphone Z10, bei den Kunden nicht so gut ankommt wie erhofft. Zwar will eine Investorengruppe die Firma übernehmen, doch wie es dann weitergeht, ist unklar. Ein Zulieferer hat bereits angekündigt, nicht mehr für Blackberry arbeiten zu wollen. Mitten in diese Krisenstimmung hinein hat das kanadische Unternehmen jetzt den Z30 angekündigt, das Smartphone, mit dem sich der Konzern aus der Misere retten will.

Mit dem neuen Modell folgt Blackberry dem Trend zu großen Smartphone-Bildschirmen: Erfolgreiche Geräte wie Samsungs Galaxy S4 und das HTC One sind auch deshalb so beliebt, weil sie große Displays mit Diagonalen von fünf Zoll haben, genau wie nun der Z30. Der große Blackberry hat allerdings keine Full-HD-Auflösung (1920 x 1080), sondern nur 720p (1280 x 720).

Damit hat der Z30 sogar eine leicht geringere Auflösung als der deutlich kleinere Vorgänger Z10 (1280 x 768 Bildpunkte). Dennoch zeigt der kontrastreiche Z30-Bildschirm trotzdem eine Symbolreihe mehr an. Das hat Blackberry mit einem einfachen Trick geschafft: Die App-Symbole sind geschrumpft.

Arbeits- und Massenspeicher des Z30 sind mit zwei beziehungsweise 16 GB identisch mit den Spezifikationen des Z10. Auch die Funksektion enthält mit LTE, HSDPA, Bluetooth 4.0 und NFC die vom Vorgänger bekannten Standards. Das gilt auch für die Erweiterbarkeit per microSD-Karte und die beiden Kameras (acht Megapixel hinten, zwei Megapixel vorne). Einzig der Dualcore-Prozessor wurde moderat von 1,5 auf 1,7 GHz hochgetaktet und liefert laut Testprogramm Geekbench deutlich mehr Leistung (2400 statt 1800 Punkte). Im Alltag ist der Unterschied allerdings kaum spürbar.

Mehr Masse

Spürbar ist dagegen, dass der Z30 mit 170 Gramm fast so schwer wie Nokias Lumia 920 (185 Gramm). Ein Teil des zusätzlichen Gewichts dürfte auf den vergrößerten Akku zurückzuführen sein, der jetzt 2880 mAh Kapazität bietet. Beim Z10 waren es noch 1800 mAh. Mit dem hohen Gewicht bezahlt man also das Durchhaltevermögen des Smartphones. Im Test hielt der Z30 regelmäßig länger als einen Tag durch, manchmal bis zum Abend des zweiten Tages. Das muss er aber auch, denn im Gegensatz zu früheren Blackberrys kann man den Akku nicht selbst auswechseln.

Durchaus nützlich kann die Fähigkeit des Z30 sein, USB-Sticks als Massenspeicher zu nutzen. Dazu benötigt man allerdings ein Adapterkabel mit einer großen USB-Buchse an dem einen und einem Micro-USB-Stecker am anderen Ende. Das Kabel muss als Zubehör dazugekauft werden.

Die schnellste Tastatur im Westen

Mitverantwortlich für das gute Durchhaltevermögen dürfte allerdings die eher maßvolle Nutzung während des Tests sein. Die beschränkte sich primär auf Standard-Anwendungen wie E-Mail, Web, Facebook und Twitter. Darüber hinaus sind im Blackberry World genannten Onlineshop nur wenige bemerkenswerte Apps zu finden. Zumindest keine, die auf anderen Smartphones nicht ebenso gut oder besser funktionieren. Zwar laufen theoretisch auch Android-Apps auf dem Z30, doch deren Installation ist umständlich.

Die Standardprogramme funktionieren dafür umso besser. Vor allem das Abarbeiten von E-Mails geht auf keinem Smartphone so schnell von der Hand wie auf einem der aktuellen Blackberrys. Die Bildschirmtastatur ist hervorragend, beim Tippen schlägt die Software sehr zielsicher das jeweils nächste Wort vor. Praktisch ist auch die Blackberry Hub genannte Übersicht, in der die Nachrichten mehrerer E-Mail-Konten und sozialer Netzwerke übersichtlich dargestellt werden.

Balance trennt Privates von Beruflichem

Lästig ist nur der Umgang mit Balance, jener Funktion, die IT-Administratoren frohlocken lässt. Sie ermöglicht es, für private und berufliche Anwendungen zwei komplett voneinander getrennte Bereiche einzurichten. So ist gewährleistet, dass man mit seinen privaten Spielereien keinen Schaden an der Unternehmens-EDV anrichtet.

Allerdings muss der geschäftliche Bereich stets per Passworteingabe freigeschaltet werden. Bis man dann tatsächlich auf seine Firmen-E-Mails zugreifen kann, vergehen manchmal mehrere Minuten. Noch länger dauert es nur nach einem Neustart des Geräts.

Darüber hinaus wies unser Testgerät immer wieder mit hektischen Blinksignalen auf Systemfehler hin. Zumindest zwei Probleme konnten wir reproduzieren. Macht man einen Screenshot (beide Lautstärketasten gleichzeitig drücken), wenn die Lautstärke auf null geregelt ist, lässt sich ein Fehler provozieren. Ebenso behauptet der Z30 regelmäßig, er sei noch mit dem Firmen-W-Lan verbunden, obwohl es mehrere Kilometer entfernt vom Firmennetz ist. Nur durch einen Neustart lässt er sich zur Kontaktaufnahme mit dem privaten Netz bewegen. In umgekehrter Richtung gab es dieses Problem nicht.

Fazit

Vom Nachfolger des Z10 haben wir uns mehr erwartet. Von seinem Fünf-Zoll-Bildschirm profitiert man nur insofern, als er Platz für einen größeren Akku schafft, der mehr für mehr Ausdauer sorgt. Ansonsten halten sich die Änderungen in Grenzen, sind meist dem Update auf BB OS 10.2 geschuldet, das demnächst auch für Z10 und Q10 erhältlich sein soll. Wenn es denn ein Blackberry sein soll, gibt es nur wenige Gründe, nicht zu einem der beiden älteren Modelle zu greifen.

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