Bewegungssteuerung Leap Motion Die Fuchtel-Fernbedienung

Bitte nicht anfassen! Der Leap-Motion-Controller soll Maus, Tastatur und Touchscreen ablösen. Wie im Film soll es genügen, mit den Händen vor dem Bildschirm zu wedeln, um den PC zu steuern, Programme zu starten. Klappt das?

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Apples iPad und Microsofts Windows 8 haben die nächste Phase der Interaktion mit Rechnern eingeleitet - könnte man meinen. Statt mit Tastatur und Maus bedient man moderne Computer per Touchscreen und tippt Texte auf Bildschirmtastaturen. So jedenfalls schien es, bis die Entwickler Michael Buckwald und David Holz ihre Computersteuerung Leap Motion zeigten. Von Spielkonsolen kennt man Bewegungssteuerung nun schon einige Zeit, für Rechner aber ist sie noch ein Novum. Revolutioniert Leap Motion die Mensch-Maschine-Interaktion so wie der Touchscreen zuvor?

Der unscheinbare Kasten von der Größe eines Klebestifts soll den Anwender von der Hardware lösen. Die Verheißung: Wie Tom Cruise in "Minority Report" soll man Programme steuern, indem man mit den Händen vor dem Bildschirm herumfuchtelt. Dateien könnte man kopieren, indem man sie mit den Fingern auf sie zeigt und so von einem Ordner in den anderen schiebt - intuitiver geht es kaum.

Was ich zu sehen bekomme, als ich das Testgerät von Leap Motion auspacke, macht mich erst einmal stutzig: So ein kleines Ding soll ausreichen, um die Bewegungen meiner Hände zu erkennen und auszuwerten? Neben dem Controller liegen zwei USB-Kabel im Karton. Die Installation dauert nur ein paar Minuten, das Gerät funktioniert mit Mac und Windows-PC.

Nach der Einrichtung bringt mir eine Demo-App bei, wie weit ich meine Hände horizontal und vertikal bewegen darf, damit sie noch von den Sensoren erfasst werden. Lässig stupse ich Pixelwolken über den Bildschirm, rühre ein wenig in ihnen herum, nur um Augenblicke später einen regelrechten Pixel-Vulkan hervorzuschleudern. Das sieht beeindruckend aus und macht Spaß.

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Leap Motion: So steuert man dem Computer berührungslos

Die Demonstration zeigt mir auch, dass Software den Großteil der Arbeit bei Leap Motion erledigt. Laut Michael Buckwald waren "eine ganze Reihe mathematischer Durchbrüche" nötig, um die Algorithmen zu entwickeln, die der Controller verwendet. Und die machen nun dem eigentlich recht potenten Prozessor meines Notebooks zu schaffen - der Lüfter bläst deutlich vernehmbar Abwärme aus dem Gehäuse.

Das Notebook findet's gar nicht lustig

Als ich die Demo-App beende, folgt eine Enttäuschung. Von Gestensteuerung keine Spur mehr, ich muss wieder mit der Maus durchs System manövrieren. Die Leap-Motion-Technik funktioniert nur in dafür angepassten Programmen.

Meine nächste Anlaufstelle ist deshalb der Airspace Store, eine Art iTunes Store für Leap-Motion-Apps. Knapp 80 Spiele, Musik- und Malprogramme stehen zum Download bereit. Viele sind kostenlos, andere kosten bis zu 30 Euro. Officeanwendungen oder ähnliche Arbeitsprogramme mit Leap-Motion-Unterstützung sucht man vergebens. Allerdings lassen sich Nokias Kartendienst Here Maps und Google Earth auch ohne neue Downloads mit dem Leap Motion steuern.

Mit Handbewegungen steuere ich die virtuelle Kamera durch Häuserschluchten oder lasse den Globus auf dem Bildschirm rotieren. Was mir gefällt, findet mein Notebook allerdings gar nicht lustig: An seine Leistungsgrenzen getrieben, protestiert der Mobilrechner, gibt die Bilderfluten nur noch ruckelnd wieder.

Das wird Fröschen gefallen

Ich wende mich ruhigeren Apps zu und finde sogleich eine, die offenbar nur auf Leap Motion gewartet hat. Das von Tablets und Smartphones bekannte Spiel "Cut the Rope" funktioniert perfekt. Schließlich geht es darum, mit einem flinken Fingerwisch virtuelle Seile zu durchtrennen. Anders sieht es bei vielen anderen Apps aus, die ich ausprobiere. Die meisten davon könnte man getrost in die Kategorie "experimentell" einsortieren, so undurchschaubar ist ihre Funktionsweise.

Als ich Touchless entdecke, keimt Hoffnung auf: Die Software soll es ermöglichen, Windows und Mac OS X per Leap Motion zu steuern. In der Praxis aber scheitert das Experiment an der hohen Genauigkeit der Sensoren. Allein der Versuch, per Fingerzeig einen Ordner zu öffnen, kostet mich Minuten. Ich besinne mich darauf, dass ich mit der Maus doch schneller zum Ziel komme.

Nur eine Leap-Motion-App erscheint mir auf den ersten Blick nützlich: Frog Dissection. Mit der Software kann man im Biologieunterricht einen virtuellen Frosch sezieren, statt einen echten unters Messer zu nehmen. Das dürfte nicht nur Fröschen gut gefallen.

Nur eine Fingerübung?

91 Euro (inkl. Versand) kostet Leap Motion. Die Genauigkeit ist so hoch, dass es kaum möglich ist, damit einen Computer zu steuern. Viel zu anstrengend wäre das ohnehin. Für Spezialanwendungen und Spiele ist das Gerät eine interessante Alternative zu Joystick und Maus. Aber das haben längst auch Nintendo, Sony und Microsoft erkannt und mit Gesten-Controllern wie der Kinect berührungslos arbeitende Systeme auf dem Markt - in erster Linie für Spielkonsolen.

Im PC-Bereich ist die Technik noch neu. Ob sie sich dort jemals wird durchsetzen können, hängt vor allem von den Apps ab. Wenn einer der 12.000 registrierten Entwickler ein Programm entwickelt, das so gut ist, dass es jeder haben will, könnte die Technik ein Erfolg werden. Bis dahin ist sie nur eine nette Fingerübung.

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insgesamt 31 Beiträge
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Seite 1
dk5ras 07.08.2013
1. Die Kombination macht's!
Ich habe ja seit kurzer Zeit ein winziges notebook mit Windows 8, normalem touch pad und hochauflösendem touch screen. Die Kachelbedienung habe ich keine 2 Stunden ertragen und classic shell installiert, ansonsten eine feine Sache, man nimmt das Eingabemedium, das gerade am schnellsten verfügbar ist, und das ist oft genug auch einfach der Fingerdruck auf einen Knopf am Bildschirm. So sehr kann man sich daran gewöhnen, daß man an nicht derart ausgestatteten Rechner ab und an mal einen Fingerabdruck im Bildschirm generiert. Ähnlich sehe ich das mit der im Artikel beschriebenen Eingabemethode; als alleinige Steuerung eher nicht brauchbar, aber je nach Anwendung sicher eine tolle Ergänzung. Den Knopf "Kommentar senden" werde ich nun gleich im Bildschirm antatschen, und nicht dazu den Mauszeiger bemühen. Hah!
lucerne 07.08.2013
2. Immerhin mal was Neues, Lustiges
Es soll ja Leute geben, die verbringen viel Zeit vor einem Desktop-Rechner. Mit Touch-Screens konnte diese Klientel nie was anfangen, das ist doch viel zu anstrengend, den ganzen Tag seinen Arm auszustrecken, um mit den Computer zu bedienen. Natürlich ist jede neue Technik erst mal interessant; allerdings scheint diese Gestensteuerung auch nicht viel komfortabler; die traditionelle Bedienung mit Maus und Tastatur ermöglichen es ja, bei ruhendem Unterarm zu arbeiten; das muss man auch erst mal toppen, vom Bedienkomfort und so. Hoffen wir also auf den nächsten oder übernächsten technischen Durchbruch; bestimmt ist es irgendwann möglich, über die Erfassung von Gehirnströmen den Willen des User direkt an der Quelle abzugreifen, um so mit dem Computer zu kommunizieren :)
Moeh 07.08.2013
3.
Laut unseren HCIlern wird sich sowas nicht durchsetzen, aber wer weiß. ;-) Interessant wäre gewesen, was für ein (Notebook-)Prozessor derart überfordert mit der App ist. Und warum wird nur am Notebook getestet? Für mich wäre so ein nettes Gimmick eher etwas für Zuhause und nicht für Unterwegs. Ein paar Infos zur Anwendung unter Windows und mit vernünftiger Hardware wären schön gewesen. So bleiben leider viele Fragen offen.
Peterle 07.08.2013
4. Ablösen ? - Wohl kaum
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEBitte nicht anfassen! Der Leap-Motion-Controller soll Maus, Tastatur und Touchscreen ablösen. Wie im Film soll es genügen, mit den Händen vor dem Bildschirm zu wedeln, um den PC zu steuern, Programme zu starten. Klappt das? http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/angefasst-leap-motion-a-914252.html
Ich werde weder vor dem Bildschirm mit den Händen wedeln, noch möchte ich meinen PC per Sprachsteuerung dazu bringen, was ich möchte. Die Tastatur und die Maus haben mit Sicherheit noch lange nicht ausgedient. Gerade bei der Sprachsteuerung, die ja heute in Teilen schon möglich ist , merke ich immer wieder wie nervig die gesprochenen Anweisungen sind. Hier ist die Tastatur doch wesentlich angenehmer und wenn ich mir vorstelle das die Kollegen im Büro alle mit den Händen wedeln um ihren PC´s "Beine zu machen" , dann hätte ich wohl eher das Gefühl auf einer Psychatrie zu arbeiten, als sonstwo
mrotz 07.08.2013
5. Quatsch
Zitat von sysopSPIEGEL ONLINEBitte nicht anfassen! Der Leap-Motion-Controller soll Maus, Tastatur und Touchscreen ablösen. Wie im Film soll es genügen, mit den Händen vor dem Bildschirm zu wedeln, um den PC zu steuern, Programme zu starten. Klappt das? http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/angefasst-leap-motion-a-914252.html
ablösen? so ein quatsch. wie lange kann man herumfuchteln? und wie lange kann man eine tastatur bedienen? bei gewissen dingen, wird diese "fuchtelvernbedienung" einen sinnvollen einsatz haben, z.B. beim drehen von 3d grafiken, etc... aber definitiv nciht als tastatur und maus - ersatz.
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