Von Matthias Kremp
So etwas ist mir mit einem iPhone noch nie passiert. Bisher war das erste öffentliche Zurschaustellen eines neuen Apple-Handys stets von Ohhs und Ahhs begleitet. Jeder wollte es mal anfassen, alle bewunderten das handschmeichlerische Design der Apple-Handys.
Ganz anders dagegen die Reaktionen, als ich das iPhone 4 zum ersten Mal in die Redaktion mitbringe. Von spontaner Zustimmung ist da kaum mehr etwas zu spüren - klobig finden es die einen, eckig die anderen, und schwerer scheint es auch in der Hand zu liegen.
Tatsächlich wiegt das neue Modell mehr als sein Vorgänger. Allerdings nur zwei Gramm. Die kann man wohl kaum mit der Hand erspüren. Ansonsten hat Apple das iPhone eigentlich abgespeckt. Um drei Millimeter ist es dünner und um dreieinhalb Millimeter schmaler geworden. Dass man es anders empfindet, liegt wohl daran, dass die Rückseite nicht mehr so angenehm gerundet ist - was einen sperrigeren Eindruck macht.
Ein weiterer problematischer Nebeneffekt dieser Designänderung: Etliches Zubehör von älteren iPhone-Modellen passt nun nicht mehr. Das betrifft vor allem Cases und Schutzhüllen. Allerdings wird man das alte Zeug noch loswerden - das bisherige iPhone 3GS wird ja als Einstiegsmodell mit 8 Gigabyte Speicher weiterleben.
Wohlgemerkt: Einstiegsmodell. Denn das iPhone 4 ist eindeutig besser. Es merzt fast alle Mängel aus, die man Apples Handys bisher ankreiden konnte. Man mag es kaum mehr aus der Hand legen, wenn man sich erst mal mit dem neuen Design angefreundet hat (was wie bei guten Popsongs ein paar Tage dauert).
Apple nennt den Bildschirm "Retina-Display", weil das menschliche Auge die winzigen Pixel angeblich nicht mehr als Einzelpunkte erkennen kann. Zumindest für meine Augen trifft das auch zu.
Mehr Pixel, die man nicht sieht
Der Unterschied zwischen Alt und Neu wird im direkten Vergleich deutlich. Als ich ein Foto auf einem iPhone 3GS auf die höchste Vergrößerungsstufe aufziehe, ist verschwommener Pixelmatsch zu sehen. Das iPhone 4 hingegen zeichnet dasselbe Bild in derselben Vergrößerung mit feinen Details auf sein Display (siehe Fotostrecke).
Ähnlich drastisch ist der Unterschied bei Texten. Buchstaben werden auf dem iPhone 4 sichtbar schärfer und ohne Ausfransungen dargestellt. Vor allem bei kleinen Schriften fällt das auf.
Und noch eines macht das neue Display besonders gut: Selbst wenn man es schräg von der Seite betrachtet, bleiben die Farben klar und unverändert und die Texte gut lesbar. Möglich wird das, weil Apple hier eine besondere LCD-Technik verwendet. Das Display wird in einer neuen Fertigungstechnik direkt unter das Deckglas geklebt. Der Abstand zwischen Display und Glasoberfläche wird dadurch so klein, dass kaum mehr störende Reflexe im Glas selbst entstehen können.
Das neue Display dürfte die Wünsche vieler iPhone-User übertreffen - allerdings: So einzigartig, wie Apple es darstellt, ist es nicht. Samsung zum Beispiel baut in das neue 8500 Wave einen als Super-Amoled bezeichneten Bildschirm ein, der ganz ähnliche Eigenschaften aufweist wie jener des iPhone 4 (siehe Fotostrecke). Samsungs Ingenieuren ist es sogar gelungen, ihr Handy noch dünner zu bauen als Apple. Mehr dazu demnächst auf SPIEGEL ONLINE.
Mehr Pixel, die man sieht
Merklich verbessert hat Apple auch die Kamera des iPhone. Die Auflösung wurde von 3,2 auf 5 Megapixel hochgeschraubt. Um die Bildqualität zu halten, verwendet sie einem Apple-Manager zufolge einen Fotochip, dessen Pixel so groß sind wie bei der bisherigen Kamera. Der Fotochip ist also größer als bisher. Typische Probleme hochauflösender Kameras wie starkes Bildrauschen sollen so vermieden werden. Und tatsächlich erreichen iPhone-Fotos jetzt einen Standard, der eine Schnappschusskamera fast verzichtbar macht.
Auch kleine Camcorder wie die Flip-Kameras von Cisco bekommen durch das iPhone 4 Konkurrenz. Denn von dem neuen Bildchip und dem A4-Prozessor (der iPad und iPhone 4 antreibt) profitiert auch die Videofunktion. Sie kann jetzt Filmchen in der HD-Auflösung 720p aufzeichnen.
Passend dazu hat Apple eine iPhone-Version des Videoschnittprogramms iMovie entwickelt, die in Kürze im App Store verfügbar sein soll. Anhand einer Vorabversion konnte ich damit ein wenig herumspielen - und tatsächlich: Um iPhone-Videos zurechtzuschneiden, mit einfachen Übergängen und einem Soundtrack zu veredeln, reicht die App aus.
Zum Export stehen verschiedene Formate zur Auswahl, so dass man die am Handy gebastelten Videos auch auf dem Fernseher anschauen oder per Mail verschicken kann. Ein richtiges Videobearbeitungsprogramm ersetzt man damit nicht. Für schnelle Schnitte reicht es aber aus.
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