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11. Januar 2017, 10:27 Uhr

Gefühle für Maschinen

Wenn die Roboter kommen, werden wir sie lieben

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Roboter kommen uns womöglich bald näher als unsere Mitmenschen. Wissenschaftler diskutieren, welche Umgangsregeln dann gelten sollten.

Ein Roboter funktioniert nicht mehr wie von seinen Machern gewünscht und wird ausgemustert: Was unspektakulär klingt, war für manchen Zuschauer wohl eine der emotionalsten Szenen der Pilotfolge der neuen Science-Fiction-Serie "Westworld" von HBO. Mit Tränen in den Augen tappt der Roboter, dem bisher die Rolle des Vaters von Roboter-Dame Dolores zugedacht war, brav in eine dunkle, feuchte Halle - die eigene Abschaltung vor Augen.

"Westworld" zeigt einen Freiluftvergnügungspark, der von Robotern bevölkert wird, die Menschen täuschend ähnlich sind. Die echten Menschen kommen in die Western-Welt, um alle ihre Fantasien, von Sex bis Gewalt, schamlos an den wehrlosen Roboter-Menschen auszuleben. Der Plot funktioniert, weil viele Zuschauer ab der ersten Folge eine emotionale Bindung zu den Robotern aufbauen. Die Maschinen in "Westworld" wirken manchmal menschlicher als die echten Menschen.

Wenn uns ein Stück Plastik leid tut

Mitgefühl mit Maschinen, mit Dingen: Dieses Phänomen heißt in der Wissenschaft Anthropomorphismus. Darunter versteht man die menschliche Neigung, unbelebten Dingen oder Tieren menschliche Eigenschaften zuzuschreiben. Das kann der Hundebesitzer sein, der glaubt, sein Hund schäme sich ernsthaft bei Schimpfe. Oder der Langschläfer, der das Klingeln seines Weckers eines Morgens als besonders schadenfroh wahrnimmt. Oder das Kind, dem seine Barbiepuppe mit dem ausgerissenen Arm leid tut, dabei ist es nur ein Stück Plastik.

Die von Menschen kaum unterscheidbaren Roboter aus "Westworld" sind Fiktion und werden es noch lange bleiben. Doch Technik, die gezielt Menschen nachempfunden ist, gibt es schon. Sprachassistenten wie Siri oder Cortana ahmen den menschlichen Dialogstil nach, geben auch mal eine schnippische Antwort, als hätten sie eine Persönlichkeit. In der virtuellen Realität sollen bald realistische Sex-Erlebnisse möglich sein - bislang wirken sie aber noch ziemlich unfertig.

Und natürlich arbeitet die Pornobranche an der perfekten Sexpuppe, die dem lebensechten Vorbild möglichst nahekommt. Nicht nur die Oberfläche soll sich echt anfühlen: Sexpuppen oder -roboter der Zukunft sollen auch sprechen, reagieren können wie ein Mensch, so die Wunschvorstellung der Entwickler. Was macht das mit uns?

Roboter nehmen soziale Rollen ein

Wenn schon unbelebte Alltagsgegenstände bei uns Emotionen auslösen können, ist der anzunehmende Effekt bei humanoiden Robotern noch viel größer, sagt Roboter-Forscherin Julie Carpenter aus den USA. Dabei spielt nicht nur das menschliche oder menschenähnliche Aussehen eine Rolle: "Wenn wir einem Roboter die Funktion zuschreiben, menschliche Bedürfnisse zu erfüllen, dann ist es ganz leicht, für den Roboter auch Gefühle zu entwickeln", sagt sie. "Denn im Sozialgefüge haben wir ihm die Rolle eines anderen Menschen gegeben."

Einige negative Folgen einer solchen emotionalen Bindung liegen auf der Hand: Roboter könnten menschliche Interaktionen ersetzen. Hersteller könnten zudem versuchen, ihre Roboter so zu programmieren, dass sie die Bindung ausnutzen, etwa indem sie ihre Besitzer ausspionieren.

Solchen Szenarien zum Trotz glaubt die Roboter-Ethikerin Kate Darling, dass zu viel über Privatsphäre oder Haftungsfragen nachgedacht wird und zu wenig darüber, welche Gefühle Roboter bei uns auslösen. Das sei ein Fehler. Darling forscht für das Massachusetts Institute of Technology (MIT) und das Berkman Center der Harvard-Universität zu Mensch-Roboter-Interaktionen. Sie geht davon aus, dass soziale Roboter - zum Beispiel Serviceroboter im Altenheim oder eben Sexroboter - bei Menschen in der Tat besonders häufig das Phänomen des Anthropomorphismus hervorrufen.

Aus den Gefühlen für die Roboter entstehe eine grundlegende ethische Frage, schreibt sie in einem wissenschaftlichen Aufsatz: "Wenn wir dazu tendieren, Roboter als lebendige Dinge wahrzunehmen: Sollten wir sie wie Maschinen behandeln - oder wie Menschen?"

Müssen wir zum Beispiel über Roboter-Sonderrechte nachdenken, weil wir Menschen es eben nicht schaffen, sie als reine Maschinen in unseren Alltag zu integrieren? Gibt es Dinge, die ein Mensch zum Beispiel nicht mit einem Sexroboter machen darf, auch wenn es seine Fantasien sind?

"Es ist falsch, Robotern Rechte zu geben"

Darling glaubt, dass Roboter geschützt werden müssen - dem Menschen zuliebe. Ihre Argumentation: Der Mensch betreibe auch Tierschutz nicht aus reiner Liebe zum Lebewesen. Denn dann müssten wir Schweine genauso wie Schimpansen und Delfine schützen. Tun wir aber nicht. Schutzwürdigkeit werde Tieren häufig erst dann zugesprochen, wenn wir etwas Menschliches in ihnen erkennen, Intelligenz zum Beispiel, sagt Darling. Spätestens wenn die Wissenschaft belege, dass Menschen dazu tendieren, ihr Verhalten gegenüber einem Roboter auf einen Menschen zu übertragen, müsste der Gesetzgeber handeln.

Bisher gibt es aber nur wenige Erkenntnisse, ob zum Beispiel ein Mensch, der die Chance bekommt, Roboter zu misshandeln, das Verhalten auch bei Menschen zeigt - oder ob er seine Aggressionen womöglich dadurch abreagiert hat.

Ob es zu Übersprungshandlungen kommt, ist auch für Forscherin Carpenter die entscheidende, ungelöste Frage. "Wenn Künstliche Intelligenz ins Spiel kommt, wird das in 50 Jahren vielleicht eine realistische Fragestellung sein. Aber jetzt nicht", sagt sie zum Stand der Robotertechnik. "Es ist falsch, Robotern Rechte geben zu wollen", folgert sie.

Menschen haben ein falsches Verständnis

Sie plädiert dafür, dass wir unsere Vorstellung von Robotern überdenken. "Viele Menschen haben aktuell noch nie mit einem Roboter interagiert. Sie denken, dass ein Sexroboter aufsteht, auf sie zukommt und sie verführt. Das gibt es noch nicht." Zwar würden manche Hersteller mit "Sexrobotern" werben, oft steckten dahinter aber unbewegliche Puppen, die vielleicht mit den Augen klimpern könnten. Ein Roboter müsse auch nicht aussehen wie ein Mensch, es gebe eine große Bandbreite an Definitionen.

"Wir sollten uns Sex mit einem Sexroboter deshalb mehr wie einen sexuellen Akt mit einem Vibrator vorstellen. Der Roboter ist ein Werkzeug, eine Maschine", betont Carpenter und fragt: "Warum könnte man den Sexualitätsaspekt nicht auch in einen Reinigungsroboter packen?"

Wenn man Roboter ungeachtet ihrer sozialen Rolle als einfache Werkzeuge zur Erfüllung eines Zwecks ansieht, ist diese Idee womöglich gar nicht abwegig: ein Multifunktionsroboter für alle Lebenslagen, egal ob Küche oder Schlafzimmer.

"Ich bin mir sicher, dass wir künftig mit Robotern emotional interagieren werden", sagt Carpenter. Und ja, laut Carpenter wird man auch mit - oder an - den Robotern seine sexuellen Wünsche ausleben. "Aber je mehr Roboter es in unserem Alltag geben wird, desto ausgefeiltere Abstufungen werden wir entwickeln", sagt Carpenter. "Es wird eine eigene soziale Kategorie für Roboter geben, mit klaren Regeln."

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