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App-Musik: Hier spielt die iPhone-Band

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Der Diplom-Opernsänger und das Smartphone: Ein Dozent an der Berliner Universität der Künste hat das DigiEnsemble gegründet. Acht Musiker spielen live auf iPhone und iPad. Erste Erkenntnis: Soli fallen auf echten Instrumenten leichter - doch dem akademischen Publikum gefällt die App-Musik.

SPIEGEL ONLINE

Matthias Krebs sitzt mit seinem achtköpfigen DigiEnsemble im Proberaum und tippt auf dem Display seines iPhone herum, kippt es nach rechts und links und streicht mit dem Finger darüber. Jede Berührung und Bewegung erzeugt einen Ton, es entsteht eine sanfte Streichermelodie.

Die sieben anderen Musiker des Orchesters fingern ebenso konzentriert auf ihren Geräten herum. Es erklingt das "Ostinato für acht iPods", eine Eigenkomposition im klassischen Stil, die dem Klang echter Instrumente erstaunlich nahekommt.

Geht man draußen auf dem Flur vorbei, denkt man an Stradivari und nicht an Apple.

Matthias Krebs ist Diplom-Opernsänger und Musikdozent an der Universität der Künste in Berlin. Seine Seminare tragen Titel wie "Musiklernen im digitalen Klimawandel". Er nennt sich auch Social Media Evangelist.

"Wir sind geächtet"

In der konservativen Welt der Klassik ist er mit seinem Faible für alles Digitale ein Außenseiter. Mit seiner Smartphone-Band muss er in normalen Seminarräumen proben, nicht jeder Professor an der traditionsreichen Hochschule ist begeistert.

"Wir sind geächtet", sagt er, während er ein paar Tische zur Seite schiebt, um Platz im Proberaum zu schaffen. Es ist die Generalprobe, der Auftritt des Ensembles beim Sommerfest der Uni steht bevor. Wie werden die Kollegen reagieren, wird das Publikum überhaupt verstehen, was da auf der Bühne geschieht?

Krebs ist Pionier eines noch jungen Genres, der "mobilen Musik". Das ist Musik, die allein mit Apps für iPhones, iPads und anderen mobilen Geräten gespielt wird.

400 Instrumente in einer Hand

Der 32-Jährige hat rund 400 Musik-Apps in seinem Repertoire. Heute spielt er ThumbJam, ein Programm, das 40 Instrumente simulieren kann. Krebs wählt das Cello.

Er kippt sein iPhone aus der Waagerechten in die Senkrechte - der Ton des Cellos wird lauter. Er schüttelt es - der Klang vibriert. "Das hat schon einen sehr instrumentalen Charakter, weil es gestisch gesteuert wird", sagt Krebs.

Das ist das Versprechen der Musik-Apps: Durch eine intuitive Bedienung soll selbst ein unmusikalischer Nutzer in kurzer Zeit so spielen können, als habe er sich durch Hunderte Übungsstunden gequält.

"Bei der Posaune hab ich in drei Tagen das gelernt, wozu ich sonst drei Jahre gebraucht hätte", sagt Timon Kossack. Er studiert eigentlich Klavier in Potsdam, für das DigiEnsemble nimmt er sich aber immer wieder neue Instrumente vor.

Grenzen der iPhone-Musik

Aber die Musiker stoßen auch auf Grenzen der App-Musik. "Die meisten Soli wären auf echten Instrumenten einfacher zu spielen", sagt Krebs. Die Tipp-Geschwindigkeit lässt sich eben nicht endlos steigern, die Lage der Smartphones auf der Handfläche ist manchmal unpraktisch.

Um zu zeigen, wie aus jeder Berührung ein Ton wird, überträgt Krebs sein Touchdisplay über einen Beamer auf eine Leinwand. Er spielt ein paar Takte von "Starlight" der britischen Band Muse. Die Akkorde hat er auf Schaltflächen gelegt, die er nun nacheinander anwählt. Das Streichen über die Saiten auf dem Display lässt sich auf der Leinwand genau nachverfolgen.

"Es gibt immer wieder Leute, die glauben, wir würden auf unseren Geräten nur abgespeicherte Musik laufen lassen. So sieht man, was da vor sich geht. Man kommt der Technik des Musikers noch näher als bei einem normalen Konzert."

Trotz der digitalen Instrumente bleibt alles Handarbeit. Jeder Ton entspricht einem Fingerdruck auf den Touchdisplays.

Im Vergleich zu einem herkömmlichen Orchester sind Probeaufwand und Kosten gering. Neben den iPhones, iPads und iPods benötigt das DigiEnsemble zum Musizieren nur einen Line-Mixer, mit dem die acht Geräte verkabelt sind. Dieser pegelt das Lautstärkeverhältnis der acht Quellen und leitet den gemischten Sound an die Raum-Lautsprecher weiter.

Auftritt vor Musikexperten

Und natürlich benötigen die Musiker jede Menge Apps. Die heißen GarageBand, Accordio oder Shiny Drum. Mittlerweile gibt es Hunderte davon in Apples App Store. Die meisten kosten nicht viel mehr als ein paar Euro.

Auf dem Sommerfest der Universität der Künste spielt das DigiEnsemble unmittelbar vor der renommierten Uni-Bigband, der Innenhof ist voll.

Matthias Krebs steht auf der Bühne und erklärt, wie man seine App auf dem Monitor verfolgen kann. Einige Zuschauer schmunzeln beim ersten Blick auf das merkwürdige Ensemble, das da ganz ohne Instrumente auftritt.

Das "Ostinato für acht iPods" wird verhalten aufgenommen. Das getragene klassische Stück passt nicht in die Partystimmung des Sommerabends.

Das ist bei dem poppigen Stück "I need a Dollar" anders: Sänger Mark Godau bringt Soul in den Digi-Auftritt, er schreit, kreischt und hüpft auf der Bühne auf und ab. Auch er schickt seinen Gesang natürlich durch eine App: "Irig Vocalive".

Das Publikum ist begeistert und filmt, fotografiert und winkt mit seinen Smartphones zurück. "Ich brauche ein neues Telefon, ich will auch Musik machen", sagt eine Studentin.

Nach dem Schlussapplaus sieht man Matthias Krebs die Erleichterung an. Die mobile Musik kommt auch auf einer klassischen Konzertbühne an, besteht vor den strengen Blicken der Musik-Akademiker.

Oder wie es ein Gesanglehrer im Uni-Jargon ausdrückt: "Es ist zwar nur ein Abstraktum von dem, was man hören sollte - aber es funktioniert."

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insgesamt 34 Beiträge
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    Seite 1    
1. ***
Pyr 17.07.2011
Das ist ja alles echt ganz witzig... und bestimmt für den ein oder anderen Lacher gut. Und für Youtube-Video-Klicks im fünstelligen Bereich...undundund und warum soll man damit nicht auch irgendwo auftreten dürfen. Aber das man als Mitglied, bspw. als "ach-so-konservativ-reaktionärer" Mitdozent, einer anerkannten Musikhochschule doch mal stirnrunzelnd nachfragt, warum dieser Affenzirkus denn jetzt auch noch akademischen Rang beansprucht... muss doch zumindest erlaubt sein. Ich meine... wir haben doch echt, gerade in den Geisteswissenschaften (ich nenne sie ja lieber Geisteskünste - und ja, ich bin selber "Geisteskünstler")allmählich genug lustiger Modefächer und -seminare. "Internet 2.0 und Germanistik", "Videospiele und Soziologie", "Gott im Iphone?"... blablabla. Ich kann diesen Mist echt langsam nicht mehr sehen.
2. ***
Pyr 17.07.2011
Huch, ich entschuldige mich hiermit nachträglich für alle Rechtschreibfehler.
3. !
Wer ich wirklich bin, 17.07.2011
Diese Band verdeutlicht sehr schön die Denkweise der Firma Apple und ihrer Anhänger: Das Weglassen von Funktionalität wird zum gefeierten Selbstzweck. Natürlich kann man all das, was diese Band auf Telefonen, Tablets und MP3-Playern produziert, viel besser und authentischer auf jedem Net- oder Notebook erreichen. (Von einer Kombination mit einer richtigen Klaviatur sprechen wir noch gar nicht.) Aber da stünde dann natürlich die Musik und nicht das iProdukt im Vordergrund. Man kann derlei beschränkte "Instrumente" selbstverständlich als Stilmittel einsetzen. Wenn es zum Selbstzweck verkommt, dann ist es aber nur noch albern. Und: Die indirekte Modulation per Handbewegung scheint für die iMusiker ja ganz was Neues zu sein. Der Rest der Welt kennt das seit 1921 vom Theremin.
4. Ojeh
fiutare 17.07.2011
Das ist Begleitautomatik mini. Mit Musik hat das wenig bis garnix zu tun. Aber Hauptsache nochn Event. Und alle finden das soooo toll.
5. Gott im iPhone
whocaresbutyou 17.07.2011
Zitat von PyrDas ist ja alles echt ganz witzig... und bestimmt für den ein oder anderen Lacher gut. Und für Youtube-Video-Klicks im fünstelligen Bereich...undundund und warum soll man damit nicht auch irgendwo auftreten dürfen. Aber das man als Mitglied, bspw. als "ach-so-konservativ-reaktionärer" Mitdozent, einer anerkannten Musikhochschule doch mal stirnrunzelnd nachfragt, warum dieser Affenzirkus denn jetzt auch noch akademischen Rang beansprucht... muss doch zumindest erlaubt sein. Ich meine... wir haben doch echt, gerade in den Geisteswissenschaften (ich nenne sie ja lieber Geisteskünste - und ja, ich bin selber "Geisteskünstler")allmählich genug lustiger Modefächer und -seminare. "Internet 2.0 und Germanistik", "Videospiele und Soziologie", "Gott im Iphone?"... blablabla. Ich kann diesen Mist echt langsam nicht mehr sehen.
/sign Ok, ich finde es witzig, was man(n) mit einem völlig überteuerten Livestylespielzeug so alles anstellen kann... Aber mal Hand aufs Herz, welcher halbwegs ernst zunehmende Musiker ließe sich freiwillig für mehr als einen besoffenen Musikerstammtisch auf derart kastrierte Instrumente ein? "Oh, wenn man es kippt wird es lauter... und wenn man es schüttelt vibriert es..." Apropos vibrieren... wann kommt eigentlich endlich die iBrator- oder die iSex-App? Irgendwie muss doch auch DIESE völlig i-freie Zone adaptierbar sein... wie wäre z.B. ein iTronom als Taktgeber für Anfänger? Oder haben iPhone-Programmierer etwa keinen Sex ? ;o)
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