Apple in der Kritik iPhone ortet immer und überall

Die Datenaffäre bei Apples iPhone nimmt immer abstrusere Züge an: Wie sich jetzt zeigt, sammelt das iPhone Ortsinformationen selbst dann, wenn der Nutzer diese Funktion deaktiviert hat. In den USA gibt es erste Klagen gegen den Konzern.

Apple iPhone 4: Das Telefon merkt sich, wo es war
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Apple iPhone 4: Das Telefon merkt sich, wo es war

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Hamburg - Es lässt sich einfach nicht abschalten: Das iPhone speichert ständig, wo sich Nutzer und Telefon gerade aufhalten. Und zwar auch dann, wenn man in den Einstellungen des Telefons die Ortungsdienste deaktiviert hat. Das berichtet jetzt unter anderem das "Wall Street Journal". Der Computerforensiker Alex Levinson, der Analyse-Software zur Beweissicherung für Ermittlungsbehörden entwickelt, sagte SPIEGEL ONLINE bereits vergangene Woche: "Meines Wissens gibt es keine Möglichkeit, die lokale Speicherung der Daten auf dem Gerät zu stoppen."

Hintergrund: In den Benutzereinstellungen des iPhones gibt es die Möglichkeit, nur bestimmten Anwendungen den Zugriff auf die Ortungsfunktion des Geräts zu erlauben. Außerdem lassen sich die Ortungsdienste des Telefons komplett abschalten. Wie sich nun herausstellt, hindert das ausdrückliche Abschalten der Funktion das Telefon aber nicht daran, weiterhin den Standort zu erfassen und zu speichern.

Die Ortungsdaten, aus denen sich komplette Bewegungsprofile erstellen lassen, speichert das iPhone dabei unverschlüsselt ab. Bei einem Backup des Geräts auf einen Computer, werden die sensiblen Informationen auch hier unverschlüsselt abgelegt. Bis zum Juni 2010, als das aktuelle Betriebssystem iOS 4 eingeführt wurde, können die Daten zurückreichen.

Forensik-Fachleuten in den USA waren die Ortsdatensammlung von iPhone und iPad, für die Peildaten von Funkmasten und W-Lan-Netzen genutzt werden, schon länger bekannt. Sie soll bereits in vorherigen Versionen in anderer Form existiert haben. Die persönliche Vorratsdatenspeicherung des iPhones sei von Strafverfolgern bereits genutzt worden, berichtet ein Entwickler von Analysewerkzeugen.

Einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde der Bewegungsspeicher jedoch erst am vergangenen Mittwoch. Zwei Software-Entwickler hatten ein Programm vorgestellt, das die Datei ausliest und die Ortsdaten auf einer Landkarte darstellt. iPhoneTracker nennen Alasdair Allan und Pete Warden ihre Anwendung. Die vielen iPhone-Käufer, allein in Deutschland wurden nach Informationen von SPIEGEL ONLINE mindestens drei Millionen Geräte verkauft, können so konkret nachvollziehen, was bisher nur als abstrakte Warnung von Datenschützern diskutiert wurde: ein detailliertes Bewegungsprofil.

Seitdem ist ein Sturm der Empörung losgebrochen. Der US-Abgeordnete Edward Markey sprach sich für eine Untersuchung des Vorfalls durch den Kongress aus. Am Donnerstag hatten er und Senator Al Franken in einem Brief an Apple-Chef Steve Jobs detaillierte Auskünfte über die Ortsdaten-Speicherung gefordert.

"Hier läuft etwas richtig falsch"

Auch die Justiz ist interessiert an dem Fall. Die Generalstaatsanwältin des US-Bundesstaats Illinois, Lisa Madigan, forderte Apple auf, sich zu erklären. Sie bat um ein Treffen mit Managern des Unternehmens. Ebenso verlangte Madigan von Google Auskunft darüber, was für Informationen zu welchem Zweck wie lange von dem Handy-Betriebssystem Android gespeichert werden. Während Apple-Telefone die Daten dauerhaft ablegen, sammeln Android-Handys Ortsdaten offenbar nur kurzfristig in einem Zwischenspeicher.

Zwar räumt sich Apple verklausuliert in den Datenschutzbestimmungen seit rund einem Jahr die Möglichkeit ein, Ortsdaten zu erheben. Konkrete Anfragen an Apple, was gespeichert wird, beantwortete das Unternehmen damals nicht. Seit sechs Tagen hat Apple sich nicht offiziell geäußert. Statt auf drängende Fragen zu antworten, verschickte das Unternehmen am Donnerstag E-Mails mit Eigenwerbung.

Auch in Deutschland fielen die Reaktionen heftig aus: "Hier läuft etwas richtig falsch", sagte der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar. Auch wenn Apple seine Nutzer im Kleingedruckten darauf hinweise oder bei der Aktivierung des Geräts einmal kurz frage, sei das jahrelange Speichern dieser Daten nicht in Ordnung, so Schaar. "Offenbar hat das Unternehmen den Datenschutz in Deutschland noch nicht richtig verstanden." Die zuständige Behörde in Bayern kündigte Ermittlungen an. Sollte Apple nicht kooperieren, würden Zwangs- oder Bußgelder fällig. Auch in Frankreich, Italien und Südkorea untersuchen Behörden den Fall.

Einen Rückruf der Geräte forderte Thomas Hoeren, Richter und Professor für Telekommunikationsrecht in Münster. Er bezeichnete die Datensammlung, unabhängig davon, ob die Informationen an Apple übertragen oder nur lokal unverschlüsselt gespeichert werden, als "Sicherheitsrisiko".

Klage vor US-Bundesgericht eingereicht

In den USA haben zwei Betroffene bereits Klage vor einem Bundesgericht in Florida gegen Apple eingereicht, berichtet die Agentur Bloomberg. Beim Kauf der Geräte hätte man ihnen verschwiegen, dass fortlaufend Ortsdaten gespeichert werden, so ihr Vorwurf. Selbst ein Abschalten der Ortsdaten-Funktion verhindere das nicht, heißt es in der Klageschrift. Die beiden Männer aus Florida und New York hoffen, dass sich weitere Gerätebesitzer der Klage anschließen.

Einer der Anwälte warf Apple vor, Menschen praktisch zu überwachen. Ein Bundespolizist müsse dazu in den USA einen richterlichen Beschluss haben, Apple täte es einfach so. Bisher gibt es allerdings keine Hinweise darauf, dass Apple die Bewegungsdaten tatsächlich zentral sammelt und zu Profilen verdichtet.

Gleichwohl überträgt das iPhone Standortdaten im Zusammenhang mit Informationen über gefundene W-Lan-Netze in der Nähe und füttert damit eine Datenbank zur Ortsbestimmung über die Funknetze. Ähnliches macht unter anderem auch Google.

Auf den feinen Unterschied, dass die Daten nicht von dem Unternehmen Apple gespeichert werden, sondern von einem Apple-Gerät, zielt auch eine E-Mail von Steve Jobs ab. Zumindest behauptet das Webportal "Mac Rumors", dass der Firmenchef persönlich auf die Frage eines besorgten Kunden mit einer seiner legendären Einzeiler-E-Mails reagiert hat. In freier Übersetzung:

Frage: Steve, könntest Du bitte erklären, warum in mein iPhone ein passives Tracking-Tool eingebaut ist? Ich finde es beunruhigend, dass mein genauer Standort ständig aufgezeichnet wird. Vielleicht könntest Du mir das erklären, bevor ich auf Android umsteige. Die tracken mich nicht.

Antwort: Oh doch, das tun sie. Wir tracken niemanden. Die im Umlauf befindlichen Informationen sind falsch.

Es ist nicht überliefert, ob die vage Antwort des angeblichen Steve Jobs den iPhone-Nutzer beruhigen konnte. Ob die Jobs-Antwort echt ist, ist, wie immer in solchen Fällen, unklar. Apple hat auch die angebliche E-Mail des Chefs nicht kommentiert.

Forum - Das iPhone merkt sich Aufenthaltsorte - haben Sie ewas zu verbergen?
insgesamt 456 Beiträge
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Seite 1
flusser, 21.04.2011
1. Iphone
Leute die blöd genug sind sich ein völlig überteuertes Gerät zu kaufen, das einen bei jeder Gelegenheit gängelt und abzockt, die kapieren auch nicht wo hier jetzt ein Problem sein soll. Alles gut!
shric 21.04.2011
2. Apple verstört Nutzer mit Big-Brother-iPhone
Die Überschriften der Artikel bekommen mehr und mehr Bildniveau, hab ich in letzter Zeit das Gefühl!
fridericus1 21.04.2011
3. Wie wäre es mit einfach mal nicht kaufen?
Solange so viele Menschen so darauf abfahren, mit diesem beknackten Gerät herumzuspielen, können alle Datenschützer so viel quaken wie sie wollen. Und wer immer noch glaubt, dass Apple, Google, Facebook, Twitter, Xing und Co. angetreten sind, die Menschheit uneigennützig zu beglücken, der hält auch das Märchen vom Klapperstorch für ein valides Szenario.
Colorful, 21.04.2011
4. Überreaktion!
Als Iphone Nutzer kann ruhig jeder wissen, wo man sich befindet. Da spricht doch nichts dagegen. Mir ist das sowas von egal, dass ich nicht einmal ein iphone besitze.
nnetzer, 21.04.2011
5. Ohh… das Osterloch mit Apple Titel
Komisch, gerade werden Apples beste Quartalszahlen aller Zeiten veröffentlicht und der SPON-Head-Artikel thematisiert den bösen Monster-Apfel. Der Redakteur hat wohl MS-Aktien ;-)
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