Gerüchte zu iPhone 8 und Galaxy Note 8 "Bessere Werbung kann es nicht geben"

Je näher die Vorstellung des nächsten Apple- oder Samsung-Smartphones rückt, desto mehr Spekulationen und Vorabfotos kursieren im Netz. Ein Analyst verrät, wie wertvoll die Gerüchteküche für die Firmen ist.

Ein Interview von


Voraussichtlich im September zeigt Apple sein nächstes iPhone, bereits am 23. August stellt Samsung das Galaxy Note 8 vor. Die nächste übertrieben inszenierte Produktpräsentation, könnte man sagen, oder: Da kommt mehr vom Selben, schließlich sind beide Geräte nur die neuesten Ableger von Serien, die nunmehr seit mehr als zehn beziehungsweise sechs Jahren laufen.

Wer sich die Vorabberichterstattung in Blogs und auf Tech-Websites anschaut, bekommt einen anderen Eindruck. Kaum ein Produkt weltweit scheint so wichtig zu sein, wie das nächste Smartphone-Spitzenmodell. Seit Monaten kann man sich durch Gerüchte und Spekulationen zu beiden Geräten klicken, derzeit stößt man fast täglich auf angeblich echte neue Informationen und Produktfotos. Selbst über ein angebliches iPhone 9, das erst in einem Jahr vorgestellt werden soll, wird auf mancher Seite schon berichtet, wie unsere Fotostrecke zeigt:

Welchen Einfluss haben die zahlreichen Spekulationen auf die Erfolgschancen der Geräte? Darüber haben wir mit Wafa Moussavi-Amin, einem Experten des international aktiven Marktforschungs- und Beratungsunternehmens International Data Corporation (IDC) gesprochen.

SPIEGEL ONLINE: Herr Moussavi-Amin, gefühlt weiß man schon jetzt alles über das Galaxy Note 8 und das iPhone 8. Ist die ständige Berichterstattung über angebliche Leaks und Gerüchte gut oder schlecht für die Hersteller?

Moussavi-Amin: Aus Marketingsicht ist diese Berichterstattung sehr wichtig für die Unternehmen. Eine bessere Werbung als diese Gerüchteküche seit dem letzten Modell, also im Zweifel über zwölf Monate hinweg, kann es nicht geben.

SPIEGEL ONLINE: Wird die Gerüchteküche auch von den Herstellern selbst befeuert?

Moussavi-Amin: Zugeben werden das die Hersteller nicht. Ich bin aber ziemlich sicher, dass insbesondere von den großen Anbietern gezielt Gerüchte gestreut werden. Der Markt wird quasi angetestet.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Moussavi-Amin: Die Unternehmen können ausprobieren, wie die Leute auf eine bestimmte Ankündigung reagieren und dann entscheiden, ob sie zum Beispiel ein bestimmtes Feature in ihr Produkt einbauen oder lieber doch nicht.

Zur Person
  • IDC
    Wafa Moussavi-Amin, 48, hat Rechtswissenschaften und Volkswirtschaftslehre in Frankfurt am Main studiert, seit 2004 kümmert er sich als Geschäftsführer um die Strategie und Geschäftsentwicklung der International Data Corporation (IDC) in Deutschland und der Schweiz. Seit 2016 ist Moussavi-Amin auch für die gesamte Region Nordeuropa zuständig. Den IT-Markt analysiert Moussavi-Amin nunmehr seit über 20 Jahren.

SPIEGEL ONLINE: Samsungs letztes Note-Smartphone, das Note 7, hatte ein schwerwiegendes Überhitzungsproblem. Macht das die Situation für Samsung diesmal besonders?

Moussavi-Amin: Ich kann mir vorstellen, dass Samsung beim Note 8 versucht, die Gerüchte so zu steuern, dass sie positiv sind. Allerdings hat der Konzern auch schon das S8 rausgebracht, ein gutes und sicheres Gerät, das vor allem nicht brennt. Das Problem hat man also ganz gut überstanden. Durch die permanente Gerüchteküche werden solche Themen schnell vergessen. Es geht immer nur um das Neue.

SPIEGEL ONLINE: Können Gerüchte einer Marke schaden, wenn sie sich später als Quatsch entpuppen?

Moussavi-Amin: Man muss aufpassen, dass die Gerüchte nicht überhandnehmen und Funktionen erwartet werden, die noch nicht oder nicht rentabel auf den Markt gebracht werden können. Vom iPhone 8 zum Beispiel wird mittlerweile einiges gefordert: OLED-Display, Fingerabdruck-Scanner auf dem Display, 4K-Aufnahmen, 3D-Kameras und so weiter. Ich wage zu bezweifeln, dass es das alles ins Gerät schafft, nicht nur wegen der Kosten. Man will sich ja auch noch etwas fürs Folgemodell aufheben.

Android-Smartphones
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SPIEGEL ONLINE: Inwiefern lähmt der Jahrestakt bei Smartphones die Innovation?

Moussavi-Amin: Es gibt Dinge wie eine 4K-Kamera, die kann man schnell umsetzen. Anderes dauert länger, für große Innovationen wie etwa ein flexibles oder ein faltbares Display braucht man mindestens drei Jahre.

SPIEGEL ONLINE: Erwarten, erträumen sich die Leute von neuen Smartphones zu viel?

Moussavi-Amin: Vor zehn Jahren und einige Zeit danach hatte man als Unternehmen noch die Chance, den Markt mit neuen Funktionen zu überraschen. Mittlerweile ist das schwierig. Große Wow-Effekte à la "Wow, das Telefon kann jetzt für mich kochen und bügeln", wird es nicht geben, davon sind wir noch ein oder zwei Jahrzehnte entfernt.

SPIEGEL ONLINE: Wie schlimm ist es denn nun, wenn das Telefon nachher gar nicht all das kann, was im Vorfeld durch Gerüchte angedeutet wurde?

Moussavi-Amin: Bislang waren die Spekulationen vorab offenbar kein Problem. Wenn es einen Negativeinfluss übertriebener Gerüchte auf die Verkaufszahlen geben würde, hätte man ihn beim iPhone 7 sehen müssen. Das Gerät hatte ja letztlich kaum andere Funktionen als das 6er-Modell und fast dasselbe Design.

Fotostrecke

24  Bilder
Entwicklung von 2007 bis 2017: So haben sich iPhones verändert

SPIEGEL ONLINE: Unternehmen wie Apple und Samsung reagieren vor ihren Präsentationen meistens gar nicht auf Leaks und Gerüchte - warum nicht?

Moussavi-Amin: Je länger es kleine klaren Ansagen gibt, desto länger bleiben die Gerüchte spannend. Zudem wäre es naiv, wenn zum Beispiel Apple weit vor der offiziellen Präsentation sagen würde "Unser nächstes iPhone hat kein OLED-Display". Dann nutzt die Konkurrenz das für ihr Marketing und sagt "Wartet nicht aufs iPhone 8, wir haben OLED".

SPIEGEL ONLINE: Welche Rolle spielen die Medien, die manche Gerüchte über die Geräte erst wirklich bekannt machen?

Moussavi-Amin: Wenn eine Nachfrage besteht und die Leute Informationen wollen, dann ist das alles ein Geben und Nehmen. Apple und Samsung profitieren von den vielen Berichten, die Medien profitieren aber genauso, etwa durch hohe Klickzahlen bei solchen Artikeln. Es gibt für Medien doch kaum ein anderes Thema, das sich über so lange Zeit so aktuell hält und bei dem die Nachfrage so groß ist wie Gerüchte zu neuen Smartphones.

SPIEGEL ONLINE: Wofür interessieren sich die Menschen Ihrer Meinung nach besonders?

Moussavi-Amin: Bilder sind bei der Gerüchteberichterstattung das Highlight. Die meisten Nutzer wissen doch gar nicht, was sie zum Beispiel mit einem 4K-Video machen sollten oder was überhaupt ein OLED-Display ist. Denen geht es vor allem um den Lifestyle-Faktor des Telefons, gerade bei Apple-Produkten.

SPIEGEL ONLINE: Was schätzen Sie, was für einen Werbewert hat die Berichterstattung insgesamt für die Tech-Firmen?

Moussavi-Amin: Das ist eigentlich unbezahlbar. Sagen wir mal, in jedem Land gibt es zehn Publikationen, sei es online oder Print, in denen über das nächste Telefon gesprochen wird: So viel Geld für normale Anzeigen oder Advertorials könnten Apple und Samsung nicht auf den Tisch legen.



insgesamt 18 Beiträge
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Seite 1
der_nachtarbeiter 11.08.2017
1. Wen interessiert das denn noch?
Also früher gab es wirklich mal große Hypes: Was kann das neue iPhone, wie sieht es aus? Aber heute? Also mich juckt das nicht mehr. Wirkliche Innovationen finden eh nicht statt.
dbeck90 11.08.2017
2. Was wichtiges gelernt
Hier wird was wichtiges zum Thema Marketing erklärt. Das Produkt ist letztenendes zweitrangig. Wichtig ist die Verbundenheit des Produktes zum Markt. Und das erreicht man, indem man durch kleine Leaks das Interesse der Masse weckt. Neugier war schon immer unheimlich antreibend. Apple hat ein Marketing, das von Anfang an richtig gemacht wurde.
bullermännchen 11.08.2017
3.
Ich kann die Menschen nur bedauern, die diesen Sch.... in den Mittelpunkt ihres Lebens stellen. Da läuft gewaltig was schief.
unwichtig_0815 11.08.2017
4. Was für ein Quatsch...
Ich bin täglich auf den Nerdseiten unterwegs...und das einzige was dort beim iPhone überwiegt sind die enttäuschten Nutzer die Gragen ob dieses und jenes endlich richtig umgesetzt oder einiges endlich entfernt bzw. freigegeben wird.
Überfünfzig 11.08.2017
5. @bullermänchen
Aber es betäubt so schön und läßt die Leute in ihrer eignen Welt leben. Früher brauchte man dazu ne nette Tüte oder was schnell Einwerfbares, heute reichen dafür 12/24 FB, Twitter und WA und das Gefühl ständig mit der ganzen Welt in Verbindung zu sein. So einer wie ich, der schon angemacht wird das man a) nicht ständig erreichbar ist und b) nicht sofort auf eine WA antwortet, gilt da schon als etwas verschroben und weltfremd.
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