WWDC-Stipendiaten Sag auf einer Party nie, dass du was mit Computern machst

Gute Programmierer sind rar, der Nachwuchs wird hofiert - auch von Tech-Konzernen. Zu seiner Entwicklerkonferenz in Kalifornien lädt Apple etwa ausgewählten Nachwuchs ein. Deutsche Teilnehmer erzählen.

Junge Programmierer

Junge Programmierer

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Wer ein Ticket für Apples jährliche Entwicklerkonferenz WWDC haben will, braucht ein gut gefülltes Bankkonto und viel Glück. Zigtausende Programmierer bewerben sich für Tickets, wer eines kaufen darf, wird nach einem Zufallsverfahren festgelegt, jedes Ticket kostet 1600 Dollar, fast 1400 Euro. Hinzu kommen die Kosten für den Flug, ein Hotel und die Mahlzeiten während der fünftägigen Veranstaltung. Ein paar Tausend Euro kommen da schnell zusammen - es sei denn, man bekommt ein sogenanntes Scholarship.

So nämlich bezeichnet Apple sein Stipendiatenprogramm für die WWDC. Teilnehmen kann, wer mindestens 13 Jahre alt ist, sich als Apple-Entwickler registriert und an einer Schule, Universität oder anderen Lehreinrichtung eingeschrieben ist. In diesem Jahr gab es eine vierstellige Zahl Bewerber. Rund 350 davon wurden angenommen.

Mit fünf davon haben wir uns vor der Konferenz darüber unterhalten, weshalb sie Programmierer werden wollen, was sie sich von der Konferenz erwarten und wie sie sich ihre Zukunft vorstellen.

Die Mutter musste Entwicklerin werden

Lennart Otte auf der WWDC 2017
Lennart Otte

Lennart Otte auf der WWDC 2017

Der jüngste dieser Fünf ist gleichzeitig der Einzige, der schon einmal bei einer WWDC dabei war. Lennart Otte, 16 Jahre alter Schüler aus Osnabrück, wurde bereits 2017 für das Scholarship-Programm akzeptiert und hatte auch in diesem Jahr wieder Glück. Wie alle Bewerber legte er Apple ein kleines Programm vor, das er mit Apples Programmiersprache Swift geschrieben hatte. In einer Art Aufsatz erklärte er, "welche Technologien man benutzt hat und warum man die benutzt hat. Außerdem muss man die Funktionen seines Playgrounds erklären und was man sich dabei gedacht hat".

Wie alle Scholarship-Gewinner ist er auf dem Campus der San José State University untergebracht. Das gefalle ihm, "weil man da mit allen Stipendiaten zusammen ist und abends noch mal in der Lounge zusammensitzen kann. Da spricht man darüber, was am Tag so passiert ist und woran die anderen gerade so arbeiten", sagt Otte.

Vor allem aber will er die WWDC für sogenannte Consultations nutzen: "Da trifft man sich mit Designern von Apple. Mit denen spricht man über seine App und wie man die verbessern könnte. Das ist sehr hilfreich, weil man Leute vor sich sitzen hat, die die Technologie, mit der man arbeitet, selber entwickeln."

Für sein aktuelles Projekt, die Spiele-App "Cookie Planet", hat er sich allerdings Hilfe aus seiner direkten Umgebung geholt. Sein Freund David Furmanek hat sich um die Grafiken gekümmert, während er programmiert hat. Zum anderen hat sich seine Mutter bei Apple als Entwicklerin angemeldet. Denn im App Store darf nur veröffentlichen, wer mindestens 18 Jahre alt ist. Also ist die App von David und Lennart jetzt unter dem Namen von Lennarts Mutter zu finden.

Dass er überhaupt mit dem Programmieren angefangen hat, lag an dem unübersichtlichen Vertretungsplan auf der Webseite seiner Schule, sagt Lennart. "Darin die eigene Vertretung zu finden, hat ewig lange gedauert." Also brachte er sich selbst bei, was er brauchte, um ein kleines Programm dafür zu schreiben.

Später half ihm ein Lehrer, der zwar nicht Informatik unterrichtet, aber schon selbst einige Apps programmiert hat. "Der hat mir zum Beispiel gezeigt, dass es sich nicht lohnt, einfach drauflos zu programmieren - sondern dass es sinnvoll ist, erst mal genau zu planen, was man machen will."

Erst mal Maschinensprache lernen

Ferdinand Lösch
Ferdinand Lo¿sch

Ferdinand Lösch

Der 20 Jahre alte Ferdinand Lösch dürfte das schon verinnerlicht haben. Er studiert an der britischen Oxford Brookes University Computerwissenschaft für robotische Systeme. Er wolle im britischen Schulsystem bleiben, sagt Lösch: "So habe ich sechs Leute in meinem Vorlesungsraum, statt irgendwie 600."

Schon als Zwölfjähriger wechselte der Sohn eines Gutsbesitzers auf ein englisches Internat. "Der Grund dafür war meine starke Lese-Rechtschreibschwäche. Bücher waren für mich deshalb immer etwas schwierig. Heute liest mir mein Laptop alles vor und Texte diktiere ich da rein, das ist ganz praktisch. Außer beim Coden, da geht das dank Autocomplete auch mit der Tastatur sehr gut."

Sein Grund, programmieren zu lernen, war, dass er regelmäßig vergaß, seinen Taschenrechner zum Physikunterricht mitzubringen. Gleichzeitig waren Handys - und damit Taschenrechner-Apps - verboten. "Da habe ich mir gedacht, dass es cool wäre, mit der Apple Watch den Cosinus und solche Sachen auszurechnen. Aber so etwas gab es nicht. Also musste ich mir das selber bauen."

Mittlerweile ist er ein gutes Stück weiter. So hat er im ersten Semester an der Universität die alte Programmiersprache Assembler, auch Maschinensprache genannt, lernen müssen: "Das benutzt zwar heute niemand mehr, aber die haben gesagt, wir würden dadurch lernen, besseren Code zu schreiben."

An der App für seine Bewerbung hat er fast zwei Wochen lang gefeilt und Teile eines Uni-Projekts wiederverwendet. "Meine Frage war: Wie kann man als Querschnittsgelähmter mit dem Computer interagieren? Da habe ich dann die Gesichtserkennung benutzt, um ein Spiel zu bauen, das man nur mit Gesichtsausdrücken spielen kann."

Coden statt netflixen

Moritz Bruder
Bruder Moritz

Moritz Bruder

Auch für den 20 Jahre alten Wirtschaftsinformatik-Studenten Moritz Bruder waren die unübersichtlichen Vertretungspläne auf der Webseite seiner Schule der Grund, mit dem Programmieren anzufangen. Anfangs dachte er noch, das könne ja nicht so schwer sein. "Aber am Ende habe ich drei oder vier Jahre immer wieder an dieser einen App rumgebastelt. Habe sie immer wieder weggeschmissen und neu angefangen. Das ist eben doch schwieriger als gedacht. Aber an diesem Projekt hatte ich mich eben festgebissen und wollte das dann durchziehen - und habe das auch gemacht."

Als Außenseiter habe er sich trotz der Programmier-Leidenschaft nie gefühlt. "An der Schule war das schon exotisch, aber ich habe ja all die anderen Sachen auch gemacht. Ich habe halt nur, wenn ich zu Hause Zeit hatte, nicht Netflix geguckt, sondern eine halbe Stunde programmiert. Das Programmieren verändert ja nicht, wie ich sonst bin."

Programmier-Arbeit wird unterschätzt

 Daria Matusik
Daria Matusik

Daria Matusik

Nach einem Jahr im Online-Marketing eines Berliner Start-ups wollte sich die 23-jährige Daria Matusik neu orientieren. Zuerst brachte sie sich mit Online-Kursen HTML und JavaScript bei, dann bewarb sie sich an der Apple Developer Academy in Neapel. Dort sollen junge Menschen Grundlagen lernen, um iOS-Apps zu entwickeln.

Dabei habe sie auch gelernt, wie sehr die Arbeit der Programmierer oft unterschätzt werde: "Manchmal fehlt sogar Leuten, die täglich mit Entwicklern zusammenarbeiten das Verständnis dafür, was durch Programmierung möglich ist und wie viel Arbeit man da reinstecken muss."

Zudem fehle es der Branche immer noch an Frauen. "Bei meinem Kurs in Neapel lag der Frauenanteil bei nur zehn Prozent", berichtet sie. Durch Firmen, die sich um das Thema bemühen, werde das zwar besser, verändere sich aber nur sehr langsam.

Auf der WWDC will sie vor allem an Design-Workshops teilnehmen. "Für mich ist es aber am Wichtigsten, interessante Leute aus der Tech-Welt kennenzulernen, viel zu lernen und dabei auch noch ein bisschen Spaß zu haben."

Dinge, die man auf einer Party nicht sagen sollte

Andreas Neusüß
Andreas Neusu¿ß

Andreas Neusüß

Andreas Neusüß wurde von seinem Vater schon früh mit Computern vertraut gemacht. "Anfangs mit Computerspielen wie 'Löwenzahn' oder 'Oskar besucht den Bauernhof'. Als ich meinen eigenen Rechner hatte, ging das dann mit ICQ weiter", berichtet der 24-Jährige. Weil er aber mehr mit dem Computer machen wollte, als ihn nur zu benutzen, fing er an zu programmieren.

Später, im Informatikunterricht an der Schule, sei er für seine Mitschüler dann immer der gewesen, "den sie ansprechen konnten, wenn sie in Informatik nicht weiterkamen oder irgendwelche Konfigurationsprobleme mit ihren Rechnern hatten. Ich war generell so ein bisschen der IT-Guy." Daraus habe er vor allem eines gelernt: "Es gibt drei Dinge, die man auf einer Party nicht sagen sollte: Ich bin Anwalt. Ich bin Arzt. Ich mache was mit Rechnern."

Für seine Bewerbungs-App nahm sich Andreas ein Thema vor, das zum einen komplex ist, zum anderen Apple gefallen dürfte: "Ich wollte einfach mal zeigen, was ein erweiterter Farbraum eigentlich ist." Apple wirbt seit ein paar Jahren damit, dass Geräte wie das iPad Pro 10.5 oder das iPhone X mehr Farben beherrschen und Bilder darauf deswegen natürlicher wirken.

"Mein Anliegen war es, dem Anschauenden zu erklären, wieso man Farben mit den bekannten drei Werte (R, G, B) beschreiben kann." Mit dem Programm, das Neusüß Apple dann vorlegte, "kann man sich anzeigen lassen, welche der Farben, die die Kamera aufnimmt, nur in dem erweiterten Farbraum dargestellt werden können."

Bei Apple kam das Konzept offenbar gut an, Neusüß wurde ein Scholarship für die WWDC angeboten. Auf der Entwicklerkonferenz will er nun "viele neue Leute kennenlernen, mit denen darüber reden, wie es bei denen so losging, wie die in die Branche gestartet sind".



insgesamt 13 Beiträge
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ptb29 05.06.2018
1. Assembler ist keine Maschinensprache
Ansonsten interessanter Artikel, was die Beweggründe für den Weg zum Programmierer waren. Auch der Hinweis, dass Programmieren unterschätzt wird. Aber das lesen die Projektverantwortlichen sowieso nicht.
Vadomar 05.06.2018
2. Jugendwahn ?
Ganz so rar sind gute Programmierer nicht, wie der Artikel glauben machen mag. Was allerdings wirklich rar sind gute junge Programmierer, die für lau für irgendeines der zahllosen Start-Ups arbeiten wollen. Ich selbst programmiere seit über 30 Jahren, hab mit Basic, Cobol und Assembler angefangen. Für viele potentielle Arbeitgeber is man allerdings mit weit über 40 zu "alt" und zu "teuer".
John.Moredread 05.06.2018
3. Assembler ist keine Maschinensprache
Zitat von ptb29Ansonsten interessanter Artikel, was die Beweggründe für den Weg zum Programmierer waren. Auch der Hinweis, dass Programmieren unterschätzt wird. Aber das lesen die Projektverantwortlichen sowieso nicht.
Heutzutage wird Assembler und Maschinensprache als Synonym verwendet. Mag technisch und die Historie betrachtet falsch sein, ist aber mittlerweile Standard.
thseeling 05.06.2018
4. alte sprache
"Assembler" ist die symbolische Schreibweise für die Codes, mit denen die CPU Befehle ausführt. Maschinensprache sind die Bytes selbst. "Alt" kann man das aber nicht nennen, weil es immer noch benötigt wird. Mit jeder neuen CPU-Generation führen die Hersteller neue Maschinencodes und die dazugehörigen Assemblerbefehle ein, und es kann durchaus nützlich sein, wenn man das beherrscht. Gerade im Security-Umfeld ist es wichtig zu verstehen, wie Code wirklich aussieht. Intern wird zwar bei CISC-Prozessoren die Maschinensprache nochmals in kleinere Befehle zerlegt, bevor sie ausgeführt wird (der sog. Microcode), aber das, was ein Compiler erzeugt, ist zunächst Assemblersprache und danach erzeugt das Assemblerprogramm daraus Maschinencode.
dirk.resuehr 05.06.2018
5. Aus der Steinzeit
Da streitet man sich, was ein Assembler ist, lange her, Lochkarten und Lochstreifen pflasterten den Assemblerweg. aber die Definition ist nunmal:Ein Assembler ist ein Übersetzungsprogramm, dass ein in einer Assemblersprache abgefasstes Quellprogramm in eine Maschinensprache umwandelt.
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