Apple Zur Sensation verdammt

Verkehrte Welt: Apple stellt ein iPhone vor, doch die Jubelchöre bleiben aus. Wankt da was? Eigentlich schon seit längerem, Apple ist nicht mehr unangreifbar. Mit Tim Cook an der Spitze ist das Kult-Unternehmen in der Normalität angekommen - und die Konkurrenz holt auf.

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AFP

Schwächelt Apple etwa? Der Kurs der Apple-Aktie stieg nicht, als der Konzern sein neues iPhone vorstellte, sondern sank leicht. Enttäuschte Erwartungen, berichtete die Wirtschaftspresse, seien Schuld daran. Und dass diese Erwartungen an Apple nach Jahren, in denen die Firma den ganzen Markt mit Innovationen vor sich hertrieb, vielleicht in unrealistische Höhen gestiegen seien.

Vor allem aber habe enttäuscht, dass das neue Smartphone 4S und eben nicht 5 heiße, also ein Update darstellt und kein wirklich neues Produkt sei. Apple-Geräte verkaufen sich aber auch über den Eitelkeitsfaktor: Es bringt Prestige, wenn man zeigt, dass man das jeweils Neueste in der Tasche hat.

Kaum ein Bericht spart sich die Randbemerkung, dass Steve Jobs' Nachfolger bei der Präsentation in Sachen Charisma nicht mithalten konnte. Klingt irrelevant, ist es aber nicht. Apple hat auch an Charisma verloren. Was sonst sollte dem neuen iPhone 4S, einem rundum verbesserten Produkt, auch fehlen? Eine Funktion zum Kaffeemilch aufschäumen?

Stattdessen bietet es seinen Nutzern eine Sprachsteuerung, mit der man regelrecht kommunizieren kann - wie einst Captain Kirk mit dem Bordcomputer der Enterprise. Hätte Steve Jobs dieses Telefon vorgestellt, wäre daraus einmal mehr ein quasi-religiöses Event geworden - stattdessen spürt man leichte Ernüchterung, wo Euphorie erwartet wurde. Offenbar kommt das Unternehmen, dessen Marktmacht in den letzten Jahren beispiellos gewachsen war, in der Normalität an.

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iPhone 4S: Schneller, schlauer, sehr gesprächig
Das Ende des Devotionalienhandels?

Apple hat auf mehreren Märkten über Jahre die Standards gesetzt, es wurde dadurch zur profitabelsten Firma der Welt. Dass Apple nun ein vor allem in Bezug auf technische Leistungsfähigkeit optimiertes Update herausgebracht hat statt eines wirklich neuen Produktes, hat viel damit zu tun, dass es etwas aufzuholen hatte: Sowohl Samsungs Galaxy-S-Baureihe als auch das HTC Sensation galten als leistungsfähiger als das iPhone 4. Samsung hatte darum zuletzt nicht zufällig mit Apples Telefon-Verkäufen gleichgezogen. Insgesamt werden inzwischen mehr als doppelt so viele Android-Smartphones verkauft wie iPhones, darunter etliche Billigangebote.

Smartphones sind aber nicht der einzige bisher vom Konzern aus Cupertino beherrschte Boom-Sektor, in dem Apples Nimbus zuletzt Kratzer bekam. Am Mittwoch vergangener Woche stellte Amazon-Chef Jeff Bezos einen eigentlich zu klein geratenen Tablet-PC vor, in dem Branchenbeobachter trotzdem eine echte Konkurrenz zu Apples iPad entdeckten.

Offenbar zurecht: 100.000 Kindle Fire soll Amazon am ersten Tag verkauft haben, insgesamt 250.000 in fünf Tagen. Amazon hätte demnach immerhin halb so viele Fire verkauft wie Apple beim Erstverkauf des iPad 2. Natürlich sind solche Zahlen nicht überprüfbar.

Aber sie würden Erwartungen bestätigen. Viele trauen Amazon zu, zum ernsthaften Gegenspieler in einem Oligopol auf dem Tablet-Markt zu werden, zu dem trotz Apples Klagewelle gegen Samsung auch der koreanische Großkonzern (rund 280.000 Angestellte, fast 173 Milliarden Dollar Umsatz) gehören dürfte. Apples Marktanteil wird schrumpfen - bei Tablets wie Smartphones.

Gute Geräte gibt es auch von der Konkurrenz

Zumal Amazon für Preisdruck sorgt. Wie einst der Kindle dürfte auch das Fire-Tablet (199 Dollar, zunächst nur in den USA erhältlich) zum Selbstkostenpreis oder sogar darunter verkauft werden, könnte in der Herstellung sogar mehr kosten, als es einbringt. Der Profit soll aus der Belebung des Umsatzes beim Verkauf digitaler Waren kommen. Dem ersten Mini-Modell wird voraussichtlich im Frühjahr ein zweites folgen, das es dann auch auf Tablet-übliche Größen bringen wird. Spätestens dann wird sich Apple einer Konkurrenz gegenübersehen, die qualitativ hochwertige Ware auf dem bisherigen Preisniveau von Billigangeboten verkaufen wird.

Es wird die Karten neu mischen - und nicht nur in der Marktnische der Tablet-PC.



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Seite 1
Quagmyre 05.10.2011
1. Firmen
Zitat von sysopVerkehrte Welt: Apple stellt ein iPhone vor, doch die Jubelchöre bleiben aus.*Wankt da was? Eigentlich schon seit längerem.*Apple*ist nicht mehr unangreifbar.*Mit Tim Cook an der Spitze ist das Kult-Unternehmen*in der Normalität angekommen - und die Konkurrenz holt auf. http://www.spiegel.de/netzwelt/gadgets/0,1518,789844,00.html
Keine Firma ist auf Dauer unangreifbar. Es gibt kaum eine Firma, die es geschafft hat, konstant und konsistent über viele Jahre hinweg als alleiniger Marktführer revolutionäre Produkte und Blockbuster hervorzubringen. Apple ist eine Firma wie jede andere auch. Irgendwann geht die Luft aus und es wird halt Brot- und Butter-Geschäft gemacht. Ist doch auch in Ordnung. Diese Vergötterung Apples und die Heilsbringer-Erwartungen mancher Leute sind wirklich abartig.
Grummelchen321 05.10.2011
2. und es ist wieder ein iphone
alle schreien hurra.aussen alt und innen nur teilweise neu.aber ob es ein um einen großen wurf handelt ist abzuwarten nach dem iphone 3 gabe ja auch erstmal das 3GS und nicht sofort das 4.
Smoke 05.10.2011
3. Unterschätzt
ich halte die Sprachanwendung Siri für völlig unterschätzt. Ein persönlicher Aissistent, der versteht was ich will, ist mehr als innovativ. Ich bin gespannt, wie weit die Technik in fünf Jahren ist. Diese Form von Kommuniktion zwischen Mensch und Maschine ist etwas vollkommen neues. Schade, daß das so belanglos abgetan wird.
Crom 05.10.2011
4. ...
Zitat von Smokeich halte die Sprachanwendung Siri für völlig unterschätzt. Ein persönlicher Aissistent, der versteht was ich will, ist mehr als innovativ. Ich bin gespannt, wie weit die Technik in fünf Jahren ist. Diese Form von Kommuniktion zwischen Mensch und Maschine ist etwas vollkommen neues. Schade, daß das so belanglos abgetan wird.
Sprachsteuerung ist nicht etwa "vollkommen neues".
Volker Hett, 05.10.2011
5. Mir ist das nicht so wichtig.
Als Verbraucher und Anwender will ich Geräte die Spass machen und ihren Zweck erfüllen und das möglichst lange. So einen Kracher wie das iPad, dass praktisch einen neuen Markt erschaffen hat oder zumindest aus einer sehr kleinen Nische geholt hat, wird es so schnell nicht wieder geben. Das iPhone hat wohl den Markt für Handys mit Internetanbindung ohne Tastatur geschaffen, sicher nicht zuletzt wegen dem Browser. Aber jedes Jahr kann man so einen Wurf einfach nicht erwarten. Notebooks mit einem Formfaktor wie das Macbook Air sind fein, aber eben nicht gerade umwerfend, auch wenn die anderen sehr große Schwierigkeiten haben etwas ähnliches zu bauen. Der Mac Mini ist billiger, leiser und sparsamer bei besserer Leistung als ein Fujitsu Esprimo Q9000 wie er bei mir im Büro steht. Aber wirklich umwerfend ist das auch nicht. Im Endeffekt freue ich mich auch über inkrementelle Verbesserungen, wenn ich nächstes oder übernächstes Jahr ein neues Handy brauche, bei mir halten die länger als zwei Jahre, oder Ende diesen Jahres meinen Heimrechner ersetze, dann finde ich es schon gut, wenn das neue Teil ein kleines bisschen runder und angenehmer ist. Hier eine neue Touch Geste, da ein verbessertes Programm und dann noch etwas mehr Platz auf dem Schreibtisch. Reicht mir völlig. Wenn dann in zwei oder drei Jahren wieder was bahnbrechendes kommt, dann freu ich mich. Ob das von Apple oder Samsung ist, ist mir dabei egal. Wobei ich das eher von Apple als von den anderen erwarte, die kommen meist erst dann wenn sie sehen was man machen kann. Siehe iPad und Ultrabooks.
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