Von Matthias Kremp
Um die Jahrtausendwende waren es Gnutella, Kazaa, Grokster und andere, die der Musikindustrie Angst einflößten. Sie waren die Tauschbörsen, über die Computernutzer digitale Musikdateien untereinander verteilten. Und die waren leicht erreichbar, ihr Angebot riesig. Gleichzeitig schrumpften die Erlöse der Plattenfirmen. Für die Musikindustrie war damit klar: Digital ist böse, und wer sich darauf einlässt, auch. Statt nach einem Ausweg zu suchen und Alternativen zu illegalen Downloads anzubieten, schlugen die Konzerne um sich, reagierten mit Massenklagen und Millionenforderungen.
Zwar gab es einige Versuche, mit dem Online-Verkauf von Musik Geld zu verdienen, doch die waren für die Kunden alles andere als attraktiv. Angebote wie AOLs Musicnet und Sonys Pressplay verlangten allein für den Zugang Monatsgebühren und verweigerten zum Teil die Möglichkeit, gekaufte Musik auf portable Abspieler zu kopieren. Dabei kamen MP3-Player damals gerade in Mode.
Das Angebot, mit dem Apple dann an den Start ging, war anders und - gemessen an heutigen Maßstäben - mickrig. Obwohl der Konzern alle fünf großen Platten-Labels zum Mitmachen überzeugt hatte, lagen bei der Einführung am 28. April 2003 gerade mal 200.000 Songs im iTunes Store bereit - heute sind es mehr als 35 Millionen.
"Wendepunkt für die Musikindustrie"
Eine Woche nach der Einführung in den USA meldete Apple stolz die erste Million verkaufter Songs. Die Musikindustrie registrierte den Erfolg zurückhaltend. Neid und Verwunderung, wieso ausgerechnet ein Computer-Krämer schafft, woran die Branche gescheitert war, dürfte die Musik-Manager damals bewegt haben. Die Onlineshops der Plattenfirmen hatten gut ein Jahr gebraucht, um die Schwelle von einer Million Songs zu überschreiten.
DER SPIEGEL ahnte seinerzeit, dass Apples Angebot die Rettung für die Branche sein könnte, Steve Jobs war sich da ganz sicher: "Dieser Tag wird als Wendepunkt für die Musikindustrie in die Geschichte eingehen", sagte er "Fortune".
Ein paar Hacker und viele Verspätungen
Doch zunächst hatte das Angebot mit erheblichen Problemen zu kämpfen. Kaum war der iTunes Store online, kümmerten sich Hacker darum: Sie suchten das System nach Schwachstellen ab, forschten nach Möglichkeiten, die Software zu zweckentfremden - mit Erfolg. Der Programmierer Rob Lockstone bot mit der iTunes Database eine Website an, über die Apple-Anwender die Playlisten anderer User via Internet anhören konnten. Ein anderer fand eine Lücke im Kopierschutz, die es erlaubte, iTunes-Musik illegal übers Netzwerk zu kopieren. Apples System drohte zum P2P-Netzwerk zu mutieren. Also schob der Konzern immer neue Updates nach, stopfte eine Lücke nach der anderen. Den Kopierschutz beerdigte er dann im Jahr 2009.
Manche Lücken allerdings waren nicht so schnell zu füllen. Das Versprechen von Steve Jobs, binnen einiger Monate Musik auch in Europa anzubieten, musste mehrmals korrigiert werden. Erst im Juni 2004, 14 Monate nach den Start in den USA, ging der iTunes Store auch in Großbritannien, Frankreich und Deutschland online. Unzufrieden waren auch viele Windows-User: Erst ein halbes Jahr nach dem Start des iTunes Store brachte Apple eine iTunes-Version für ihre Rechner heraus.
Manche Fehlstellen bleiben jahrelang offen
Trotz dieser Anlaufschwierigkeiten ist der iTunes Store mittlerweile zu einer wichtigen Einnahmequelle für Apple geworden. 34 Millionen Songs verkauft Apple derzeit pro Tag über seinen Shop, also rund 393 pro Sekunde. Vor allem aber ist der iTunes Store ein unverzichtbares Mittel zu Kundengewinnung und Kundenbindung geworden. Wer sich einmal in Apples goldenen Käfig begeben hat, kommt da nur schwer wieder raus - auch wenn man sich manchmal ärgert, dass manche Fehlstellen jahrelang offen bleiben. So kann man beispielsweise mit der Settop-Box Apple TV bis heute in Deutschland keine TV-Sendungen kaufen, mit Computer oder i-Gerät jedoch schon.
Gemessen an der Wichtigkeit dieses Umsatzbringers feiert Apple das zehnjährige bestehen des iTunes Store ausgesprochen bescheiden: Im Shop selbst gibt es eine Chronik, die die Meilensteine des vergangenen Jahrzehnts aufführt, das ist alles. Offenbar sind dem kalifornischen Konzern Jubiläen nicht so wichtig wie das Erreichen von Umsatzzielen. Den Download des 25-milliardsten Songs zelebrierte das Unternehmen tagelang im iTunes Store und schenkte dem Anwender, der diesen Song herunterlud, einen iTunes-Geschenkgutschein im Wert von 10.000 Euro.
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