Asus Wohnzimmer-Surfbrett Eee Keyboard - besser spät als nie?

Zwei Jahre nach der ersten Ankündigung, mehr als ein Jahr nach der versprochenen Markteinführung kommt Asus mit Spannung erwartetes Eee Keyboard doch noch. Die Netbook-Erfinder versprechen den ultimativen Wohnzimmer-PC. Kann das Eee Keyboard das halten?

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In der Vielzahl der Produkte, die alljährlich von der ITK- und Unterhaltungselektronikbranche auf den Markt geworfen werden, finden sich stets nur wenige, die wirklich auf eine erwartungsfrohe Nachfrage treffen. Im Idealfall passiert das dann, wenn es einer Firma gelingt, mit einer echten Innovation Neugierde zu wecken. So wie Asus im Herbst 2007: Mit dem Eee PC 700 veröffentlichte die Firma aus Taiwan einen nur sehr kurzzeitig belächelten Mini-PC, der eine bemerkenswerte Umwälzung auf dem Computermarkt einleiten sollte. Seitdem darf Asus als Erfinder der so genannten Netbooks gelten - und als Trendsetter bei der Durchsetzung pragmatisch abgespeckter, preiswerter Kleinrechner.

Dieses Grundkonzept variierte Asus in der Folgezeit vor allem in verschiedenen Bauformen, ließ die technisch weitgehend ähnlichen Netboxen folgen, folgte dann selbst auch dem kleinen Trend zum All-in-One-PC. Nur eine Variante des Netbook-Konzeptes wollte über den Status der Vapourware, der mehrfach angekündigten Ware, die sich dann doch immer wieder wie Dampf verflüchtigte, anscheinend nicht hinauskommen: Das erstmals 2008 angekündigte, im Januar 2009 dann öffentlich vorgeführte Eee Keyboard.

Schon auf der Elektronikmesse CES 2009, später dann auch auf der Cebit zeigte Asus ein elegantes Gerät, bei dem der Computer wie einst in den 80er-Jahren (C64, Euro PC, Atari) wieder auf die Tastatur reduziert war. Ein drahtloses Sofa-Surfgerät sollte das Keyboard sein, sowohl vollgütiger Rechner als auch Entertainment-Zentrale für das Wohnzimmer. Erscheinen sollte er im Mai 2009. Das klang nicht schlecht - und es sah sogar gut aus.

Denn anders als viele Netbooks wirkte das Keyboard sehr wertig: Eine stabile, hinreichend schlanke Tastatur mit einer Oberfläche aus gebürstetem Aluminium sah man da, am rechten Rand ein iPhone-großes Touchpad, das sowohl als Mini-Bildschirm, als auch als Navigations-Schnittstelle dient. So sieht das Keyboard noch immer aus, und seit dem 12. Juni 2010 ist es sogar lieferbar. Wer 549 Euro in die Hand nimmt, ist bald darauf stolzer Besitzer eines Rechners, auf den so mancher seit eineinhalb Jahren gewartet hatte.

Jetzt mal langsam: 549 Euro?

Schon an diesem Punkt stutzt man. 549 Euro für einen Rechner, der sich nur am Schreibtisch im Verbund mit einem Monitor oder im Wohnzimmer, drahtlos mit dem Fernseher verbunden nutzen lässt? Der ein klassisches Netbook-Innenleben aufweist, aber an die Wohnung gebunden ist?

Das Eee Keyboard ist in vieler Hinsicht ein Produkt des Jahres 2008: Die verbaute CPU ist Intels Atom N270, die bei den besseren Netbooks längst durch leicht leistungsfähigere Chips ersetzt ist. Der Chipsatz heißt 945GSE und stellte ab Sommer 2008 die Standard-Konfiguration der Grafik-schwachen Netbooks. Das kombiniert Asus nun mit einem drahtlosen HDMI-Ausgang und auch dem verbalen Versprechen, HD-Videoperformance aus dem Keyboard zu kitzeln.

Was denn auch sonst? Wenn es eine unbedingte Erwartung an einen Wohnzimmer-PC gibt, dann ist das wohl Multimedialität. Um es direkt vorwegzunehmen: Das Keyboard kann diese Erwartung nicht einlösen, es enttäuscht ausgerechnet in der für dieses Produkt wohl wichtigsten Kategorie. HD-Videos ruckeln entweder kräftig oder verlieren (in geringerer Auflösung) zumindest die Synchronität von Ton und Bild. Doch selbst niedrig aufgelöste YouTube-Videos werden spätestens dann zum visuellen Rap, wenn man versucht, sie im Vollbild-Modus zu betrachten: Sorry, aber da ist man mittlerweile weit besseres gewöhnt.

Spätstart eines überholten Produkts?

Das hat etwas tragisches, wirft aber auch Fragen auf: Wozu HDMI, wenn HD-Inhalte nicht funktionieren? Warum nicht wenigstens eine ION-Chip-Konfiguration, um diese Produktenttäuschung zu vermeiden? Warum nicht statt des veralteten Atom N270 ein CULV-Prozessor wie beispielsweise Intels SU4100? Beides hätte wohl gereicht, um das Keyboard wirklich interessant zu machen, zumal man heute zumindest das Leistungsspektrum solcher Economy-Chips erwartet, wenn man um 549 Euro gebeten wird.

Schade ist das, denn eigentlich fühlt sich das Keyboard sehr gut an, es sieht gut aus und es ist Software-mäßig hinreichend gut ausgestattet. Wirklich gut kann die Ausstattung nicht sein, denn von Haus aus bringt das Keyboard nur 16 GB Speicherplatz mit - es gibt keine Festplatte, sondern einen Flash-Festspeicher, wie damals beim ersten EeePC. Viele Dienste muss man sich also aus der viel beschworenen Datenwolke, der Cloud, holen - Google Docs als Office-Ersatz zum Beispiel. Alternativ könnte man auf Stick-Versionen von Open Office und ähnliches zurückgreifen, installiert sind nur Kleinlösungen wie Microsofts Notizblock und Kalenderfunktionen.

Aber als Arbeitsrechner ist das Keyboard ja auch gar nicht gedacht. Man kann es als Rechner mit einem Monitor betreiben, die natürliche Nutzungssituation ist aber horizontal auf einem Sofa liegend zu sehen. Das ist einfach wie nie zuvor: Zum Lieferumfang gehört eine Wireless-HDMI-Box, die höchst unkompliziert und intuitiv die Verbindung zum Fernseher aufnimmt. Parallel dazu sorgt W-Lan für die drahtlose Internet-Verbindung.

Und die funktioniert flott. Schön, SPIEGEL ONLINE einmal auf einem 42-Zoll-Bildschirm zu lesen. Das fühlt sich an, als hätte der Fernseher endlich eine eigene Tastatur und volle Internetverbindung - das ist weit mehr, als die neuen Web-fähigen Fernseher normalerweise bieten. Rechts im Bild hängen irgendwelche Yahoo-Widgets (kann man entfernen, wenn man will), das kleine Touchpad offeriert derweil per Icon-Sammlung Schnellzugriffe zu ausgewählten Diensten (siehe Bildergalerie).

Fazit

Der umfangreichste davon heißt Vibe und ist eine Art vorselektiertes Entertainment-Paket, das aus Downloads und Streams gespeist wird. Web-Radio dröhnt da fett und voll aus den Boxen, alles was Video ist, hakelt trotz Vorpufferung dagegen wieder deutlich.

Unter dem Strich hinterlässt das also einen schalen Beigeschmack: Stark ist das Keyboard immer dann, wenn man es zum lesenden Surfen nutzt sowie bei reinen Audio-Angeboten. Schwach ist es bei allem, was sich bewegt - von Spiel (nur elementare Möglichkeiten) bis Film. Gerade letzteres aber erwartet man als Schwerpunkt der Nutzung - ein Wohnzimmer ist schließlich kein Arbeitsraum.

Man muss aber nicht soweit gehen, aus dem "Besser spät als nie" gleich ein "Besser nie als zu spät" zu machen: Was das Keyboard brauchen würde, um zu einem interessanten Nischenprodukt zu taugen, wäre ein Prozessor-, respektive Grafik-Update. In Anbetracht neuer Konkurrenz durch Tablet-PCs nach dem iPad-Muster, die man 2008 noch nicht erahnte, steht aber zu befürchten, dass es im gewählten Preissegment selbst dann nur wenig Chancen hätte.

Nur eine Komponente hat ganz klar das Potential zu einem echten Verkaufshit: Die Wireless-HDMI-Lösung des Keyboard. Vielleicht war es immer diese drahtlose Brücke zum Fernseher, auf die Keyboard-Interessenten eigentlich gewartet haben: So etwas separat verkauft als bezahlbare Einzellösung für das (in Sachen Grafik inzwischen fittere) Netbook hätte das Zeug zum Bestseller.



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